Sendungsbewusstsein

Kritische Auseinandersetzung mit den Medien

11.7.06

Umzug

Infolge vieler Unstimmigkeiten habe ich den Blog auf Wordpress umgestellt und werde weitere Texte dort platzieren. Vorerst sieht der Rahmen ziemlich klinisch aus. Na ja, wir wollen uns zuerst mal auf Inhalte konzentrieren. :-)
Also der Link ist:

http://sebew.wordpress.com

Ich bitte hiermit alle meine Leser, ihre Links zu bearbeiten. Noch bitte ich, weitere Kommentare ab nun im Blog bei Wordpress zu schreiben!

Der Name "Sendungsbewusstsein" bleibt, Kategorien werden erweitert. Der Nickname musste von peet_g auf peetgp geändert werden. Habe ich etwas vergessen?

Update: Neue Artikel
Zwei Filmchen aus dem Krieg
Die wiederhergestellte Ehre der Anne Frank
Tagesschau macht mit - Beirut sei Dresden
Krieg gegen Israel 7
Krieg gegen Israel 6
Inzwischen in Bremen
Krieg gegen Israel 5
Krieg gegen Israel 4
Krieg gegen Israel 3
Stefan Raab als Spiegel der Nation
Zwei Gedanken
Krieg gegen Israel 2
Krieg gegen Israel 1
Pro Nolte oder contra Habermas?
Iran im Hintergrund
Pretzien weitet sich aus

9.7.06

Noch kein Kommentar

Die ungewöhnlich durchdachte und absolut überzeugende Reaktion der Landesregierung Sachsen-Anhalts äußert sich in weiterem Schweigen, das Dorf Pretzien steht hinter seinem Bürgermeister wie es sich gehört. Drei Presseberichte und ihre Wirkung sollen hier vorgestellt werden.

In der Zeitschrift "Fokus" kann man einen ruhigen Beitrag über die Abläufe und die Reaktion im Dorf lesen. Alexander Wendt zitiert darin zum Beispiel diesen Bürgermeister:

Wie viele aus dem Ausland zugezogene Leute gibt es eigentlich in Pretzien, Herr Bürgermeister? „Eine“, antwortet Harwig. „Eine Brasilianerin, die hierher geheiratet hat.“ „Aber wenn sie jemand von hier geheiratet hat, dann wird sie doch automatisch auch Deutsche?“ Harwig schweigt und sieht zur Seite, als läge dort irgendwo ein Spickzettel mit der richtigen Antwort.

„Das sieht wohl nicht jeder im Dorf so?“ „Nein, sagt Harwig, „das sieht nicht jeder im Dorf so...“ „Aber hätten Sie nicht an diesen Sprüchen über Ausländer merken müssen, wo Ihr Vereinskamerad politisch steht?“Wieder eine Pause.

Und dann sagt der Wahlbeamte Friedrich Harwig die Sätze, die mehr erklären als hundert Kilo Forschungsberichte über die gottverlassene ostdeutsche Provinz: „Wie hätte ich bei den Sprüchen darauf kommen sollen, dass er in der NPD ist? Wissen Sie, diese Ansichten über Ausländer finden Sie hier auch bei ganz gestandenen Unternehmern.“

Im ländlichen Sachsen-Anhalt liegt der Ausländeranteil bei zwei bis drei Prozent. Wer hier mit dunklerer Hautfarbe lebt als andere, der muss ausgefeilte Sicherheitsstrategien entwickeln. Sonst geht es ihm wie dem Jungen in Pömmelte, einem Dorf ganz in der Nähe von Pretzien.

Weil der 12-Jährige als Sohn eines Äthiopiers etwas anders aussah als die Einheimischen, prügelten ihn Rechtsradikale aus dem Ort 90 Minuten lang, brachen ihm die Nase und drückten Zigaretten auf seinem Augenlid aus. Niemand in Pömmelte sah etwas. So, wie auch die Honoratioren von Pretzien nicht wahrnehmen, was sie nicht wahrnehmen wollen, und Rechtsradikale eingemeinden, als ginge es um einen Anglerverein.
Bemerkenswert sind ausserdem die Leserkommentare, die fast ausschliesslich stark gebräunt aussehen und ihre Farbe gar nicht verstecken. Vox populi, sozusagen.

Die israelische "Haaretz" bringt am 6.7. einen kurzen Beitrag von der Presseagentur Associated Press. Böhmer schäme sich, der Heppener glaube an das Gute. Die Zeitung wundert sich nicht, keine Empörung, nach dem Motto - nichts Neues... Viele amerikanische Zeitungen geben den Artikel von Reuters weiter, der von Dave Graham am 7.7. ins Netz gestellt wurde. Alles richtig, eine klare Zusammenfassung, auch keine Emotionen in Sicht. Nur das eine habe ich nicht verstanden:
This act was beneath contempt and could scarcely have been more primitive," the German Interior Ministry said in a statement to Reuters.
Wenn es der bekannte Freund der Blonden und Blauäugigen ist, dann würde ich gerne wissen, warum er den schwerwiegenden und folgensschweren Satz so verstohlen und unter einer so hohen Geheimhaltung sagt, so dass nur der wilde Westen davon etwas mitkriegt?

Fotos und Unterschriften

Meryl Yourish führt in ihrem Blog einen erbitterten Kampf gegen die antiisraelische Propaganda. Ihr bissiger Ton erinnert mich stark an Henryk Broder. Ihre Beiträge inspirieren zu weiteren Recherchen, decken auf. Ein Beispiel:

Zu mehreren Fotos des preisgekrönten Fotographen David Guttenfelder hat sein Arbeitgeber, die AP, fast identische Unterschriften gestellt, die erstens zu deren Inhalten nicht passen und zweitens mit der Realität nichts zu tun haben. Auf den Fotos sind erschrockene herumlaufende Palästinenser zu sehen, im Hintergrund umgeben von Explosionen. Die AP sieht darin immer dasselbe:

Palestinian youths take cover from Israeli sniper fire during an Israeli army incursion in Beit Lahiya, in the northen Gaza Strip, Friday July 7, 2006.
Mich würde sehr interessieren, was der Fotograph dazu denkt. Ob seine mail-adresse herauszufinden ist?

Nehmen wir also die Methode der AP als Vorbild. Und erfinden Unterschriften, wie es gerade passt. Das ginge wohl so:

Das palästinensische Volk beginnt zu verstehen, was die Hamas ihm bringt.

Ein israelischer Soldat schiesst sich durch


Bild der Zerstörung

Zum Schluss noch ein bisschen Statistik: Von 292 Fotos auf der Seite der Yahoo-News zeigen nur 2 (zwei!) ähnliche Fotos das Bild der Zerstörungen, die durch die Kassam-Raketen entstehen. Die Gegenüberstellung funktionert fehlerfrei - einerseits fast 290 Fotos, die Zerstörungen auf der palästinensischen Seite zeigen, andererseits ein solches Foto:


Wir sehen auf dem Foto nämlich keine Zerstörungen und verstehen nicht, warum denn Israelis überhaupt so viel Angst vor diesen Spielzeugen haben, weswegen sie so "überreagieren". So arbeitet die Associated Press, unterstützt von Yahoo News.

8.7.06

Verniedlichung mit Tränen

Die ersten Berichte über die Bürgerversammlung im Dorf Pretzien sind durch die Zeitungen gegangen.Der empfindsame Pastor, der weinende Bürgermeister, die mutige Mitarbeiterin vom Ordnungsamt Schönbeck, die ganz privat das Verbrennungsfest beendet hat, weil zu viel getrunken wurde, all diese Figuren, inklusive der drei Neonazis, die immer wieder als Jugendliche verniedlicht werden, sind für einen Politroman einer Anna Seghers wie erschaffen.

Zuerst ein paar Zitate. Am ausführlichsten beschreibt Deike Diening die Lage im Dorf:

Der Pfarrer für die Dörfer Pretzien und Gommern, Alexander Holtz, leitet die Versammlung. Er will, dass alle ihre Stühle zu einem Kreis zusammenstellen. In die Mitte die Pretziener, am Rand die Medien. Jeder soll heute alles sagen dürfen. In die Mitte stellt er „ein Licht für die Hoffnung, die uns verbindet, und ein Glas Wasser für die Klarheit, die wir jetzt brauchen“.

„Drei junge Männer haben mit ihrer Tat unser Gemeinwesen beschmutzt“, sagt er. Und: „Manche von uns hätten wissen müssen, dass hier eines Tages so etwas passiert.“ Doch es solle niemand verurteilt werden heute. Sie wollen sehen, ob sie noch ein Dorf sind, trotz allem. Deshalb sind sie hier. Und dann wird die Gemeinde zu einem vielstimmigen Chor.

„Ich bin schockiert über die Tat, aber froh, dass so viele Bürger hier zeigen, dass wir nicht damit einverstanden sind“, sagt jemand. – „Ich verurteile die Tat, aber auch die, die unser Dorf verurteilen“, ruft einer. – „Haben nicht beim Hochwasser die Jugendlichen mitgekämpft?“, erinnert jemand. – „Wenn die Jugend geht, ist die Zukunft weg!“ – „Denkt mal an den Fasching, das haben sie super gemacht!“

Also, erhebt sich einer, er wolle jetzt nur einmal sagen, dass bei der Verbrennung auch von Gästen Beifall kam. – „Die Verniedlichung fängt schon damit an, dass wir immer von Jugendlichen reden. Es handelt sich um Männer von 24, 27 und 28 Jahren, die sind für ihre Taten verantwortlich“, sagt ein anderer.

Und dann steht Bürgermeister Friedrich Harwig auf. Harwig, der nicht reagiert hat, als das Feuer auch an seiner Ehre fraß. Er hat einen Schnurrbart und Kopfschmerzen. „Ich habe mit hier draußen gestanden“, sagt Harwig. „Kameras aus!“ brüllt einer. „Von klein auf weiß ich, dass es das Schlimmste ist, wenn Bücher verbrannt werden, und als ich dann noch hörte, es war das Tagebuch …“ Er stockt. „Ich habe von diesem Moment an neben mir gestanden.“ In seiner Zeit als Bürgermeister hätten immer mehr Menschen zu ihm Vertrauen gewonnen. Auch „diese jungen Menschen“ hätten Vertrauen gewonnen. „Aber man kann Menschen ändern“, sagt er und: „Wenn man mich heute fragte: Ich würde wieder versuchen, die Jugendlichen herbeizuziehen.“

Die Stimmung ist gespannt. Allen, auch dem Pfarrer, fällt das Reden schwer. „Entweder wir reden miteinander, oder wir schlagen uns die Köpfe ein“, sagt er. „Aber die Köpfe haben wir uns in Deutschland schon einmal eingeschlagen.“

Silvia Franke, 48 Jahre, weißer Rock und goldene Creolen, könnte die Heldin sein. Sie hat bei dem Fest schnell reagiert. Sie hat das Mikro ergriffen und ihren Austritt aus dem Heimatbund bekannt gegeben, in den sie erst acht Wochen zuvor eingetreten war. Dann hat sie das Fest beendet. Als die Staatsanwaltschaft kam, da habe sie auch nicht so getan, als wisse sie nicht, wer es gewesen sei, wie so viele andere im Dorf. Das sei ja albern. Jetzt aber sagt sie: „Die Jugendlichen aus dem Bund haben viel für den Ort getan. In all den Jahren konnte ich nicht feststellen, dass diese jungen Leute innerlich dieser Überzeugung anhängen.“ Letztlich seien sie doch die Einzigen gewesen, die etwas Schwung in den Ort gebracht hätten. Vielleicht sei sie naiv gewesen. Aber es sei scheinheilig von den Pretzienern, die jetzt sagen, sie hätten es ja immer gewusst. Und es stimmt, sie arbeite beim Ordnungsamt Schönbeck, aber dort habe sie gerade Urlaub. Nicht „das Ordnungsamt“ habe deshalb das Fest beendet, sondern sie, Silvia Franke, ganz privat. [...]

Immer wieder erheben sich Stimmen, die Jugendlichen sollen endlich selber reden. „Das können wir nicht verlangen“, sagt der Pfarrer. „Wir können sie nur bitten.“ – Schweigen. „Es wird ihnen eventuell helfen.“ – Schweigen. Ein älterer Mann erhebt sich. Das Problem seien die Medien. Die Beteiligten würden sprechen, wenn nicht die Presse im Raum wäre. Es sei dann doch eine Angelegenheit der Bürger untereinander.

Einer springt auf und geht durch die Reihen. Es ist ja ganz angenehm, wenn man wieder weiß, wer der Feind ist. „Da ist noch einer“, sagt er. „Los, raus.“ – „Die haben jetzt bloß ihre Stifte weggesteckt.“ – Die Medien, denen sie eben noch vorgeworfen haben, nie genug zu recherchieren, werden rausgeschickt. Die Türen schließen sich. „Da filmt noch einer durch die Glastür!“ Dann Schweigen.

Er solle besser im Sitzen reden wegen der Kameras vor dem Fenster. Die Leute des Dorfes wenden nicht die Köpfe, sie gucken nach vorne und nach unten. Vermutlich wissen ohnehin alle, wer jetzt spricht. Die Stimme hat den Stimmbruch schon lange hinter sich. Sie haspelt etwas, dann entschuldigt sie sich für die Tat, bei dem Dorf Pretzien, dem Schaden entstanden sei. Und sie entschuldigt sich bei ihrem Bürgermeister, Friedrich Harwig. Ihre Verfahren jedoch, die seien schwebend, weshalb man weiter nichts sagen könne.

Das war’s. Nichts zur Tat. Keine Reue.

Pfarrer Holtz ist ein lauterer Mensch. Wer mit ihm redet, hat das Gefühl, direkt mit seinem Gewissen zu sprechen. Dumpf und ohnmächtig kam ihm die Versammlung vor. Voll unterschwelliger Aggression. Jetzt, in seiner Rolle als Privatmensch, kann er das sagen. „Die waren ja alle auf Linie gebracht – es ging darum, den Bürgermeister zu schützen.“ Niemand habe sich wirklich geöffnet.

„Die Leute hier haben die Nazis marschieren sehen, und dann die FDJ, die machen vieles mit. Die wollen eigentlich nur ihre Ruhe.“ Vor einiger Zeit wollte Holtz einmal im Nachbarort Gommern rechte Plakate entfernen. Das sei gefährlich, bedeutete man ihm. Gefährlich? [...]

Harwig hat häufig Kopfschmerzen. „,Stirb langsam‘ – kennen Sie den?“, fragt er. So fühlt er sich. Harwig hat schon wieder ein schlechtes Gefühl, das Gefühl, sich um Kopf und Kragen geredet zu haben. Und es passiert ihm seit dem 24. Juni immer wieder. Einer der Jungs hatte ihm einmal erzählt, er würde niemals Sex mit einer Ausländerin haben. Das hat er einem Journalisten erzählt.

Früher hätten die Rechten die Nazis aus ganz Deutschland hierher eingeladen. Aber seit es den Heimatbund gibt, habe das aufgehört. Harwig fragte sie mehrmals in den letzten Jahren, „auf Ehre und Gewissen“: Habt ihr noch Kontakt zu euren Nazis? Nein. Gut. Das war das Wichtigste. Sie organisierten fortan bei Dorffesten die Chroniken, ein Wissensquiz, dann haben sie die gesamte Organisation übernommen.
Etwas genauer ist Oliver Schlicht von der "Volksstimme" bei dem Journalisten-Teil:

Ein Thema, das viele Besucher bewegte, war die Medien-Darstellung ihres Dorfes in Zusammenhang mit dem Sommersonnenwendefest. "Noch entsetzter als über die Tat bin ich über die Zeitung", so eine junge Frau : "Wir sind doch kein Nazidorf." Ein Herr, der, wie er sagte, vor zehn Jahren aus Nordrhein-Westfalen nach Pretzien gezogen sei, äußerte sich ähnlich: "Die Art und Weise der Berichterstattung hat mir größere Übelkeit erzeugt, als die Tat selbst."

Eine andere Meinung hatte ein Herr mittleren Alters : "Diese Versammlung bringt mir wenig Aufklärung. Hier wird immer wieder von falscher Berichterstattung und von Schreiberlingen gesprochen. Aber niemand sagt, was denn nun eigentlich falsch war ?"

Auf eine "Falschmeldung", wie sie sagte, machte die Mitarbeiterin des Ordnungsamtes, die nach Auskunft des zuständigen Dezerneten in Schönebeck das Fest wegen der Buchverbrennung abgebrochen hatte, aufmerksam. "Ich habe die Veranstaltung nicht als Ordnungsamtsmitarbeiterin, sondern als Mitglied des ,Heimat Bund‘ -Vereines abgebrochen. Doch mit mir hat ja kein Medienvertreter gesprochen", bedauerte sie. Anschließend sei sie sofort aus dem "Heimat Bund" ausgetreten.
Der selbe Oliver Schlicht äußert in der Zeitung seine Meinung extra:
[...] Es war ein geplanter Akt der Volksverhetzung, den das Gesetz zu Recht unter Strafe stellt. Der Staatsanwalt und die Polizei ermitteln. Doch um die wirklich Schuldigen, drei junge Männer, scheint es im Fall Pretzien nur am Rande zu gehen.

Das Thema Rechtsradikalismus setzt häufig einen Reflex an öffentlicher Schuldzuweisung in Gang, der vor allem eines bewirken soll: politische Profi lierung. In der Bewertung der Vorfälle von Pretzien war verdächtig schnell der Bürgermeister als Hauptschuldiger ausgemacht. Die Druckertinte im ersten Zeitungsbericht war noch nicht trocken, da hatte ihn seine Linkspartei schon zum Austritt aufgefordert. Er wurde wie eine heiße Kartoffel fallen gelassen. Ein 66-jähriger Ehrenamtlicher, der überfordert ist mit der Situation, dass aus netten Jungs, deren Mütter und Väter er kennt und schätzt, plötzlich Straftäter werden.
Das ist schon bitter, wie eine demokratische Partei ihr Mitglied in einer politisch verzwickten Lage abserviert. Kurzer Prozess, wie früher. Dabei hätten der Bürgermeister und die Gemeinde Pretzien jetzt vor allem eines nötig : keine Schuldzuweisungen, sondern Solidarität. Aber auch die Hilfe der Politprofi s aus der Region blieb bislang aus. Hilfe von Volks-Vertretern, die ein Volk vertreten in der Not. Die Meinungen lenken, die Dinge ins rechte Lot rücken. Die den Weg weisen, was zu tun ist. Die Hoffnung vermitteln. Aber kein Landrat, kein Schönebecker Oberbürgermeister hat sich blicken lassen im Pretziener Gemeindehaus, als es förmlich umstellt war von Presse. Kopf einziehen, in Deckung gehen, warten, bis es vorbei ist, scheint die Devise zu sein. Wen wundert da, dass sich die Gemeinde gleich einer Wagenburg um den Bürgermeister schließt?

Nicht Pretzien, nicht der Bürgermeister haben aber das Buch ins Feuer geworfen. Das waren drei Männer, um die sich jetzt der Staatsanwalt kümmert. Die Gemeinde muss sich den Vorwurf gefallen lassen, ein Stück weit zugelassen zu haben, dass es dazu kommen konnte. Es bedarf nicht viel, um das in Zukunft zu verhindern. Mehr Wachsamkeit und mehr Courage sollten am Anfang stehen.
Der Journalist ist offensichtlich grenzwertig mutig: Er beschuldigt die Politiker auf der Landesebene, dass sie sich nicht gezeigt haben, auf die der höheren Ebene darf er nicht hinweisen, das ginge zu weit. Noch mutiger ist sein Angriff auf die Linke Partei, sie hat selbstverständlich die Verantwortung für alles aus der ehemaligen DDR. Noch mehr hat mich seine Indulgenz an die Zuschauer der Bücherverbrennung überzeugt. Es seien doch nur die drei die bösen gewesen...

"Die Welt" nutzt die Gelegenheit auch, um gegen die Linke Partei zu agitieren:

Lange schon warnen Rechtsextremismus-Experten vor politischer Distanzlosigkeit, die vornehmlich im Osten zu beobachten sei. Der Raum Schönebeck gilt mittlerweile als ein Schwerpunktgebiet der rechten Szene. Empört hatten die Einwohner von Pretzien am Mittwoch abend bei einer vom Dorfpfarrer moderierten Zusammenkunft im Gemeindezentrum "Alter Krug" den Vorwurf zurückgewiesen, ein "Nazidorf" zu sein. Eingeladen zum Treffen hatte Bürgermeister Harwig. Er habe "ein Messer in den Rücken bekommen, aus einer Richtung, von der ich es nicht vermutet habe", sagte er in der Aussprache. Gemeint war die Linkspartei, die nun froh ist, den renitenten Lokalpolitiker nicht mehr in ihren Reihen zu wissen.
Sabine Heimgärtner von der dpa schreibt bei n-tv, wie man das Problem lösen könnte:

Die politische Tragweite der Pretziener Bücherverbrennung habe offenbar niemand verstanden, sagt [ein Buchautor] Staud. Nach seiner Auffassung ist das ein Phänomen in den neuen Bundesländern. "Es gibt die heimlichen Sympathisanten, die dörflichen Naiven und die politischen Verharmloser." Hinzu komme die DDR-spezifische Geschichtsschreibung. "Auch ich habe in der Schule von Bücherverbrennungen fast nichts gehört, aber viel von Widerstandskämpfern", erklärt Staud.

Wissenslücken wollen Spitzenpolitiker des Landes jetzt schließen und in der kommenden Woche an einer Schule bei Pretzien aus dem Tagebuch der Anne Frank vorlesen. Bürgermeister Harwig will an seinem umstrittenen Vorgehen festhalten, die rechte Jugend über die Vereine ins Dorfleben einzubeziehen. Staud gibt ihm sogar Recht. Funktionieren könne dieses Konzept aber nur, wenn man ehrlich sage: "Wir haben hier Nationalsozialisten im Ort." Außerdem müssten den Jugendlichen klare Grenzen gesetzt werden. Gebraucht werde ein Top-Sozialarbeiter, kein Kameradschafts-Gedusel und keine Landser-Musik.
Kurz anhalten: Das sagt kein anerkannter Politiker, sondern ein Buchautor, der von der dpa gesucht werden musste. Er sagt richtige Worte, warum gerade er? Weil er für sein Engagement auf dem Gebiet exklusiv bekannt ist oder weil sich kein anderer zur Verfügung gestellt hat?

Die FAZ erzählt auch gerne was:

Böhmer lehnte es ab, das Verhalten des Pretziener Bürgermeisters Friedrich Harwig zu verurteilen oder gar seinen Rücktritt zu fordern, wie es der Zentralrat der Juden in Deutschland verlangt. „Ich sehe mich nicht berechtigt über ihn öffentlich den Stab zu brechen, bevor ich nicht mit ihm selbst gesprochen habe.“ Auch Bullerjahn wandte sich gegen Rücktrittsforderungen: „Mit diesen Reflexen erreichen wir überhaupt nichts.“
Sie wissen es selbstverständlich besser, wie man mit dem eigenen Gewissen umgeht. Das seien ja nur Reflexe, die kann man ruhig unterdrücken.

Weiter FAZ:

Nach Angaben Heppeners, der auch Strafantrag gestellt hat, entschuldigten sich die Männer bei dem Dorf und dem Bürgermeister mit den Worten: „Das haben wir nicht gewollt.“ Zu dem Vorfall selbst hätten sie mit Hinweis auf das schwebende Verfahren nichts gesagt. Heppener sagte, er habe keine Reue oder Einsicht verspürt: „Da waren weder Kopf noch Herz beteiligt.“ Das Ganze habe ihn an eine Pionierveranstaltung in der DDR erinnert, bei der einstudierte Selbstkritik vorgetragen worden sei. Heppener schlug als eine Konsequenz vor, die Ausstellung „Anne Frank. Eine Geschichte für heute“ in der benachbarten Kreisstadt Schönebeck zu präsentieren.
Mächtige Strafe! Die Neonazis werden es fürchten und alle Zuschauer der Bücherverbrennung werden dabei weinen.

Der selbe Heppener erzählte im Radiointerview, dass es bei der Bücherverbrennung Beifall gegeben habe. Er sagt, das seien "junge erwachsene Männer, die ganz genau wußten, was sie da tun". Warum dann muss er selbst sie als "Jugendliche" benennen? Dieses hin und her in der Sprache, die Zerrissenheit in dem netten Umgang mit dem Bürgermeister zeigt, wie weit die Öffentlichkeit von der Erkenntnis liegt, was da passierte und weiter passiert. Warum ist die Information über den Beifall zum Beispiel in keiner Zeitung zu lesen? Warum gibt es 386 Meldungen in der englischamerikanischen Presse zum Vorfall und nur 200 in der deutschsprachigen?

6.7.06

Versagen der Politik

Wie inzwischen von einigen Medien berichtet wurde, haben Teilnehmer eines Sommerfestes in der kleinen Ortschaft Pretzien in der Nähe Magdeburgs eine kleine Bücherverbrennung durchgeführt. Das passierte am 24.6.2006. Die Zeitung "Volksstimme" brachte die Nachricht am 30.6. Die "großen" Zeitungen haben es weitergeleitet (sehr-sehr sparsam).

Die "großen" Politiker haben sich bis jetzt nicht gemeldet. Der Ministerpräsident Sachsen-Anhalts Wolfgang Böhmer erzählt am 5.7, wie hart er mit den Rechtsradikalen umgehen will:

Das kann man so nicht durchgehen lassen - deshalb ermittelt die Staatsanwaltschaft. [...] In diesem Fall war es eine politische Demonstration. Deshalb müssen wir mit aller Schärfe darauf reagieren. Neben allen juristischen und politischen Konsequenzen, die zu ziehen sind, wollen wir auch mit Schulen der Umgebung sprechen und eine Veranstaltung organisieren, mit der man öffentlichkeitswirksam unsere Abscheu deutlich machen kann. [...] Wir müssen damit rechnen, dass sich scharenweise Journalisten auf uns stürzen, um uns in ein schlechtes Licht zu stellen. Wir werden versuchen, da deutlich gegenzusteuern - Licht entsteht ja nicht von selbst. Wir haben schon ein paar Ideen, aber wir werden erst darüber berichten, wenn wir sie umsetzen können.
Ich glaube, die Rechtsradikalen haben echt Angst bekommen. Der Bürgermeister wurde dazu aufgefordert, seinen Mitgliedschaft bei der Linken Partei/PDS zu beenden. Eine einmalige Strafmassnahme. Alle haben sich davon distanziert, schön und gut. Und was weiter?

Der SPD-Wiefelspütz hat sich empört:

Den Tätern sei «mit voller Härte des Gesetzes» zu begegnen, betonte Wiefelspütz. «Wir werden nicht zulassen, dass solche Außenseiter das Bild von Deutschland bestimmen.» Der Innenexperte befürchtet nach dem Vorfall auch negative Außenwirkungen für das ansehen Deutschlands in der Welt: «Ich hoffe, dass dieser Vorgang nicht das Bild beeinträchtigt, das Deutschland gerade in den letzten Tagen zeigt», so Wiefelspütz mit Blick auf die Fußball-Weltmeisterschaft.
Noch einmal, ist das alles? Die erste Publikation im Ausland zeigt die Dimension dieser politischen Bombe am 4.7. Kann es sein, dass der Ministerpräsident und der SPD-Verantwortlicher für die Empörung erst dann reagieren? Wie? Das wissen sie offensichtlich nicht und warten, bis der Papa kommt und Bescheid sagt, zum Beispiel so:

Pretziens Bürgermeister Friedrich Harwig müsse sofort von seinem Amt zurücktreten, sagte der Vizepräsident des Zentralrats der Juden, Dieter Graumann, der "Jüdischen Allgemeinen Wochenzeitung". "Es ist empörend, sträflich und naiv und geradezu grotesk, dass Politiker versuchen, den Rechtsextremismus durch Anbiederung zu bekämpfen." Die Neonazis müssten in allen gesellschaftlichen Bereichen konsequent geächtet werden, statt auch noch an ihren Festen teilzunehmen.
Thomas Heppener, Direktor des Anne-Frank-Zentrums, hat auf der Homepage der Stadtgemeinde am 30.6. geschrieben:


In einem Artikel der Volksstimme wurde heute berichtet, dass am 24. Juni in Pretzien im Rahmen eines Sommersonnwendfestes das Tagebuch der Anne Frank verbrannt wurde. Ich habe als Direktor des Anne Frank Zentrums auf Basis dieses Berichtes Strafanzeige und Strafantrag gegen Unbekannt gestellt.
Die Jugendlichen müssen gewusst haben, dass das Tagebuch Symbol für den Völker-mord an den Juden ist. Es ist ein ungeheuerlicher Vorgang gerade dieses Buch zu verbrennen. Besonders erschreckend finde ich, dass es keinen öffentlichen Aufschrei der Bürgerinnen und Bürger Pretziens gab. Diese Aktion ist ein weiteres Zeichen für weit verbreitete rechte Orientierung und eine mangelnde Zivilgesellschaft in den neuen Bundesländern.
Gern komme ich nach Pretzien, um mit den Verantwortlichen zu überlegen, welche Möglichkeiten der gemeinsamen Arbeit gegen Rechtsextremismus möglich ist.
Heppener hat bis heute keine Einladung bekommen. Die Sitzung des Gemeinderates verläuft heute, am 6.7., hinter verschlossenen Türen. Die Meldung über die Tagesordnung bezieht sich mit keinem Wort auf das Thema!

Medien informieren, wie gesagt. Sie kommentieren ziemlich sparsam und verharmlosen die Geschichte, wie zum Beispiel die "Frankfurter Rundschau":


Es gibt sie noch, die Hässlichkeit des provinziellen Alltags. [...] Was an dem Vorfall verblüfft, ist der banale Angriff auf die einfachen Reflexe. Anne Frank, Bücherverbrennung - als hätte jemand die Aufgabe gestellt, eine öffentliche Provokation herzustellen aus zwei wichtigen Begriffen des Sozialkundeunterrichts der siebten Klasse.

Wie die Fahnen weh'n, in Orten wie Pretzien, wird man erst sehen, wenn der Fußballrausch wieder vorbei ist.
Blogger merken es noch gar nicht, bis auf die wenigen Ausnahmen, wie zum Beispiel ein Lübecker:

Doch bedarf echte Empörung und aufrichtige Distanzierung schon etwas mehr...
Wir warten vorerst ab, ob die Wellen weiter und höher schlagen. Was werden wir wohl über die Gemeinderatssitzung erfahren? Kommt denn kein Schäuble oder Gysi nach Pretzien, um mit den 80 Bürgern zu reden, die der Bücherverbrennung zugeschaut haben? Werden sie sich nur um das Bild Deutschlands während der Weltmeisterschaft Sorgen machen?

Zwei Empfehlungen

Ungewöhnlich sind die folgenden zwei Texte, jeder auf seine Art.

Matthew Gutman beschreibt in der "USA Today" die Lage der palästinensischen Medien unter der Hamas.

There are 20 Palestinian radio stations, 19 newspapers and 33 TV stations, according to the Palestinian Ministry of Information.

Muhammad Dahody, director-general of Palestine TV, says his phone began ringing after Hamas spokesman Sami Abu Zuhri accused the station of fomenting civil war in an interview May 22 with the Qatar-based Arabic satellite network Al-Jazeera.

Dahody says he received 20 calls a day from Hamas militants threatening to dismember him if he didn't change the station's allegedly biased reporting. [...] Four of Arabeed's 32 staff members quit after receiving threats by phone or e-mail, he says. As many as 70 death threats a day filled Arabeed's own voice mail.
Der andere Text entstammt dem Blog "Augean Stables", sein Autor RL schreibt über die Feigheit der Minister und Abgeordneten der Hamas, die sich ohne Widerstand verhaften ließen, obwohl sie ihr Volk zum Märtyrium aufrufen:

All these brave leaders who (like Edward Saïd) are ready to fight to the last Palestinian, but not a trace of personal courage. As a friend commented to me: didn’t you notice their suits? As soon as they took over the government, they started wearing suits. [...] from the perspective of a warrior concerned with honor, playing the victim is the most craven of options, and when the Palestinians adopted (or were forced by their Arab brethren to adopt) the role of victim, they went into a form of honor-shame pathology.

5.7.06

Die einen sagen so, die anderen so

Zwei Zitate haben mich beeindruckt. Einmal die Empfehlung eines Palästinensers an seine Familie, was sie zu tun hat. Dies habe ich bei dem großen Freund der Palästinenser, Tomas Avenarius, in der "Süddeutschen" (vom 4.7.2006) gelesen:

Der Kämpfer der Islamischen Armee sagt, die Familien versorgten seine Leute mit Tee und Kaffee. Falls es zu Kämpfen komme, sollten sie sich verstecken: "Wir haben den Familien gesagt, sie sollen alle Türen abschließen."
Ich glaube, der Wiedergabe von Avenarius können wir dieses Mal vertrauen.

In der Zeitung "USA today" habe ich folgendes Zitat im Artikel von Thomas Frank gefunden:

Pinchas Vallerstein, who helped create one of the first Israeli West Bank settlements, illustrates the West Bank problem by pointing to a wall map of Israel in his office. Vallerstein points at the country's main airport in Tel Aviv and points at the West Bank Palestinian village of Budrus. They're inches apart on the map — a few miles on the ground.

If Palestinians in Budrus fire the same rockets they've fired from Gaza, "100% of them will land in Ben Gurion Airport," Vallerstein says. "Maybe they will miss the airplanes. But they will not miss the airfield."
Dem würde ich auch glauben. Beide Äußerungen sind für mich ein wahres Abbild der Lage im Nahen Osten. Kein Frieden in Sicht...

Tagesschau weiß alles über Kassam-Raketen

7.7.2006 Update.
In einem Interview durfte der palästinensische Historiker und Archäologe Nazmi Jubeh behaupten, es gebe keine Opfer auf der israelischen Seite:

Das sind ja keine Raketen, der Begriff ist übertrieben. Sie haben auf palästinensischer Seite mehr Schäden angerichtet, als auf israelischer Seite. Über 70 Prozent der so genannten Kassam-Raketen sind auf palästinensischer Seite niedergegangen und haben dort Häuser zerstört. [...] Natürlich ist das ein Problem. Die Angriffe mit diesen lächerlichen Spielzeug-Raketen müssen gestoppt werden. Aber: Es gibt in den palästinensischen Gebieten keine wirkliche Autorität. [...] Die Raketen sind deshalb auch eine Botschaft an andere palästinensische Gruppen. Übrigens ist ja auch bislang kein Israeli dadurch ums Leben gekommen. Bis jetzt sind rund 800 Raketen auf Israel abgefeuert worden.
Der Historiker kennt sich offensichtlich gar nicht aus. Die Verharmlosung der Kassam-Raketen, die Zahl der Beschüsse, die Zahl der Opfer auf der israelischen Seite - alles ist hier falsch.

Um es richtigzustellen, muss man nicht lange recherchieren. Das englischsprachige Wikipedia hat eine brauchbare Antwort auf alle diese Fragen:
At least 13 people have been killed as a result of Qassam rocket fire at Israeli targets. [...] The total number of Qassam rockets launched exceeded 1000 by June 9, 2006.

Das sind Details der Rakete, das sind Zahlen der abgeschossenen Raketen für 2004 (309) und 2005 (377). Und zu den Opfern zählen, wie gesagt, mindestens 13 Menschen. Angesichts der heutigen Nachrichten über den Abschuss der Kassam-Rakete auf Aschkelon ist die Desinformation im Interview kein kleiner Fehler der Redaktion, sondern eine Mitwirkung bei der palästinenischen Propaganda.

Ich habe das Thema weitergeleitet. Erfreulicherweise ist alles sehr gut gegangen. Wie ich soeben erfahren durfte, hat die Redaktion vernünftig und positiv reagiert:

3.7.06

Sahm oder Avenarius

Fast jeden Tag beklagt sich Tomas Avenarius in der "Süddeutschen". Seine Parteinahme für die palästinensische Sache ist längst zur Propaganda der antiisraelischen Politik geworden. Die Zeitung druckt seine Artikel bis zu dreimal am Tage und lässt keine Widerrede zu, es werden keine anderen Meinungen angeboten, nicht mal Leserbriefe.

Dagegen zeigt Ulrich W.Sahm den objektiven Stand der Dinge, Probleme auf beiden Seiten des Konfliktes im Nahen Osten. So auch im neuesten Artikel bei n-tv:

Die jüngsten Ereignisse zeigen, dass der einseitige Rückzug aus Gaza ohne Koordination mit den Palästinensern ebenso gescheitert ist wie die einvernehmliche Übergabe von Land und Städten an die Palästinenser im Rahmen der Osloer Verträge. Weder schriftliche Verpflichtungen Arafats, die Osloer Verträge, die Roadmap, feierlich verkündete Waffenstillstände, noch heilige Versprechen von Mahmoud Abbas haben den Terror beenden können. Dennoch soll das Konzept des einseitigen Rückzugs auch auf das Westjordanland übertragen werden, wie schon nördlich von Nablus geschehen. Israel will nicht auf palästinensische Einsicht warten und zieht ohne ihr Einvernehmen seine Grenze. Die Palästinenser werden ohne Israels Zutun ihren Staat gründen können, oder auch nicht. Sollten sie, wie jetzt im Gazastreifen, weiter auf Krieg setzen, dürfen sie mit echter militärischer Antwort rechnen, wie der Zerstörung von Kraftwerken. Im Libanon haben Rückzug und Angriffe auf Kraftwerke bei Beirut dazu geführt, dass entlang der Grenze Ruhe herrscht. Libanon entwaffnete Milizen und bändigt die Hisbollah. Palästinensische Regierungen jedoch waren unfähig oder unwillig, die Milizen auszuschalten. Die Hamas-Regierung schloss sich gar der Erpressung der Entführer an. Im März feierte sie gar einen Terroranschlag in Tel Aviv als "legitime Selbstverteidigung".

Das Chaos in Gaza ist für die Palästinenser ein bitterer Vorgeschmack dessen, was sie erwartet, wenn sie nicht endlich eine Zivilgesellschaft errichten und die Regierung ihr Gewaltmonopol erkämpft.
Bitter aber wahr. Warum wird dieser Text nicht weiter zitiert? Er wurde am 1.7. online gestellt und noch kein einziges Mal verlinkt.

Bamberg

Das historische Zentrum der Stadt ist sehr klein und voller Touristen. Für das Auge wird hier viel Kirchliches geboten, vielleicht sogar zu viel. Bürger haben offensichtlich sonst keine Probleme und wenn sie sich beschweren, dann sieht das so aus:

Für die kulturinteressierten Besucher gibt es auch ein volles Programm. Die E.T.A.Hoffmann-Wohnung zum Beispiel.

Sie ist jeden Tag, außer Montag, für 2 (zwei!) Stunden geöffnet:

Die Bamberger Symphoniker behalten immer noch ihren einmaligen warmen Ton und spielen ausgezeichent, der Konzertsaal ist dabei nicht voll.

Viel voller ist es, wie gesagt, in der Stadtmitte. Kein Wunder. Ist das nicht schön?

Und dies?


Das Alte Rathaus ist gleichzeitig Mitte und Achse der Stadt:

Moment mal, auf der Rückseite gibt es eine Tafel, was steht da gemeißelt?

Ups. Was haben getreue deutsche Soldaten in Europa und Afrika verloren, was haben sie da gesucht? Für die Heimat? Wofür ist die Stadt Bamberg ihnen so unauslöschlich dankbar? Und deren Opfer, weiß die Stadt Bamberg um sie?

30.6.06

Vorbildlich

Die Idee von diesem Posting möchte ich ausdrücklich unterstützen. Das Bild spricht Bände, in der Tat. Ähnlich aufklärend ist auch ein anderes Bild im selben Blog. Bilder sagen manchmal mehr als Worte!

29.6.06

Kinderliebender Putin

Eine kurze Videonachricht aus Russland, die noch keine Schlagzeilen erreicht hat. Putin küsst einen kleinen Knaben auf den Bauch vor Kameras. Wie soll man das verstehen? Noch ein Beitrag zu dem intuitiven Selbstverständnis eines Tyranns? Sie mögen doch alle Kinder und müssen ihre Omnipotenz unbedingt zeigen, sie mit ihrem Kuss segnen.

Ich habe das Filmchen bei Google und bei YouTube gestellt, der Text der russischen Nachrichten wird (wer hätte es gedacht) auf Russisch gesprochen, das Bild aber ist selbstredend (interessant sind dabei auch andere Teilnehmer der Szene - ein Mitarbeiter, der das Kind dreht, damit es besser in das Bild passt; andere Kinder, die dabei sind und auch nur staunen können):




Peter Schäfer im Dienst der Hamas

Telepolis bei Heise beschäftigt weiter den bekennenden Vertreter der Hamas. Peter Schäfer gibt es zu bzw. sieht das als seine Aufgabe, deren Propaganda auf Deutsch zu verbreiten:

Von palästinensischer Seite aus stellt sich die Lage allerdings anders dar.
Ein authentischer Bericht mit einem kritischen Kommentar wäre in der Tat eine wichtige und wünschenswerte Quelle. Wie das professionell gemacht werden kann, habe ich schon einmal zitiert. Schäfer ist allerdings nicht nur unkritisch, er macht da voll mit. In seinem neuesten Beitrag zeigt es sich absolut eindeutig:

Hamas beendete am 9. Juni ihren einseitigen Waffenstillstand, nachdem die israelische Marine eine palästinensische Familie am Strand tötete.
Es wurde nachgewiesen, dass diese Darstellung nicht stimmt. Die Explosion erfolgte nicht durch den israelischen Beschuss. Schäfer geht nicht auf die Resultate der Analysen ein, diskutiert sie nicht, wischt sie einfach vom Tisch.

Die Gegendarstellung der Armee wurde mittlerweile durch den Bericht eines israelischen Krankenhauses ausgehöhlt. Die Ärzte fanden israelische Granatsplitter im Körper eines Verletzten.
Bemerkenswert, dass Schäfer, der sonst so gerne seine Texte mit Links versieht, gerade zu dieser Behauptung keinen Hinweis gibt. Die Auflösung ist ganz einfach - es gibt keine Quelle für diese Behauptung, sie ist eine schlichte Lüge. Die bis heute letzte Information über die Aufklärung bestätigt, dass auch Splitter aus dem Körper des zweiten untersuchten Verwundeten der Explosion, der in einem israelischen Krankenhaus behandelt wird, nicht von den israelischen Geschossen stammen.

Major General Meir Kalifi, head of the IDF investigation into the deaths of the Ghalia family, announced that the IDF had definitive proof that an IDF 155 millimeter shell was not fired at the beach. [...] "At this point we cannot say what the source of the shrapnel is; we have a number of different evaluations. There is the possibility that it is a military dud, or a device planted by the Palestinians. Everything is being checked," Kalifi said. [...] Major General Kalifi added that he met with American expert Mark Garlasco, a military advisor to the Washington-based Human Rights Watch organization. "After talking to him, it became clear that he has no authentic findings," said Kalifi. Garlasco had alleged that an Israeli shell was behind the blast.

Lieutenant Colonel Eren Toval, who commands the IDF's technological division, explained: "We carried out a check for metal and found the explosives that were on it. In total we carried out three independent analyses. The result was that the explosive was standard, but not characteristic with Israeli or American explosives in IDF service, and is not an IDF 155 millimeter shell.
Es ist sehr traurig, dass sich das Nachrichtenportal an der Lügenverbreitung beteiligt.

28.6.06

Efraim Inbar bei ARD

Auf der Internetseite der Tagesschau kann man heute ein inhaltsreiches und authentisches Interview mit einem anerkannten Politologen aus Israel zu aktuellen Themen lesen. Das will ich mal loben. Einfach formuliert, für schlichte Gemüter soll es auch verdaulich sein. :-)
Gut gemacht, Christian Radler!

Die anderen Aufsätze Inbars kann man auf seiner Homepage verlinkt finden.

26.6.06

Blog des Tages

Soeben habe ich erfahren, dass der Blogportal Bloxbox meinen Blog zum Blog des Tages ernannt hat. So sieht es dann aus:
Das Team schreibt über seinen Katalog:

Der Blox-Katalog umfasst Weblogs, die inhaltlich interessant, optisch schön oder laufend aktuell sind.
Na, dann danke schön! :-)

Ulrich W. Sahm zeigt die Rolle der Presseagenturen

Die neu gestaltete Homepage von Ulrich W. Sahm ist noch nicht ganz fertig. Ich stelle fest, dass er dabei einen Vortrag, den er 2003 im Bundestag gehalten hat, neu gestellt hat. Sehr empfehlenswert.

Kurz gesagt, er berichtet über die subtile Propaganda durch die Pressagenturen wie ap, dpa, afp, Reuters, insbesondere ihre deutschsprachigen Redaktionen. Nämlich, wie sie die Meldungen über die Ereignisse im israelisch-palästinensischen Konflikt verfälschen.

Sein neuester Beitrag bei n-tv korrespondiert übrigens mit meinem Text von vorgestern.

24.6.06

Shepperd oder Avenarius: Wer hat Recht?

Bleiben wir beim Thema. Tomas Avenarius gibt in der heutigen "Süddeutschen" gutgemeinte Ratschläge an die Hamas. Er macht sich so richtig Sorgen:

Damit die Palästinenser auch international die Initiative ergreifen können, müssen ihre Ziele so glaubwürdig und simpel dargestellt werden, dass sie in Fernsehnachrichten und Zeitungsschlagzeilen passen. Nach dem Motto: Hamas sagt Nein zu Gewalt gegen Zivilisten. Für Fußnoten im Sinne eines "ja aber" und "nur wenn, dann auch" ist angesichts der desolaten Lage der Palästinenser kein Platz mehr.
Avenarius meint das wirklich gut, er kennt sogar die Lösung:

Nur eine klare Einigung auf der unverwässerten Basis des "Gefangenenplans" bringt die Palästinenser voran. Der Plan, ausgearbeitet von Militanten in israelischen Gefängniszellen und Grundlage der Konsensgespräche, sieht die Zweistaatenlösung vor. Mit der Unterschrift unter dieses Konzept würde die auf Terror setzende Hamas den Staat Israel in den Grenzen von 1967 de facto anerkennen - und somit implizit nach der Bildung eines Palästinenserstaates jeder Gewalt abschwören.
Das sagt Avenarius, und jetzt lesen wir uns ein. Vor einigen Tagen hat Robin Shepperd in der "Financial Times" einen, aus meiner Sicht viel besseren Artikel geschrieben, der den Titel trägt:

Abbas's Palestinian referendum offers only false hope
In dem Text erklärt Shepperd:

What has caused the most excitement is the proposal, in Article 1 of the so-called National Accord Document, for a Palestinian state "with holy Jerusalem as its capital on all territories occupied in 1967". References across the global media to the "implicit recognition" of Israel which that statement supposedly carries have been practically ubiquitous.

It is difficult to believe that many people making such claims have actually read the document in question, let alone faced up to the fact that its support by Palestinian prisoners means it is directly associated with some of the most violent and radicalised activists in the Middle East. The central problem is hardly confined to the fine print and comes immediately after theproposal for statehood with a call for "the right of the refugees to return". The same point is repeated with greater emphasis in Article 9.

What this amounts to is a demand for all refugees and their descendants from the period around the Israeli war of independence in the late 1940s to have the option of relocating to Israel proper. It is not hard to see that what is at work here is simply the same old coded message for the destruction of Israel as a Jewish state that has blown all previous peace efforts out of the water. Add the 3.5m to 4.25m people claiming such refugee status to the more than 1m Arabs who already reside in Israel and the result would be an Israel with almost equal Jewish and Arab populations. To use the heated, though apt, idiom of the Israeli right, the call is still "annihilationist" in character.

But taking a broader view, what is in the document to be set before the Palestinian people on July 26 is far less worrying than what is left out. The point is this: nearly six decades since the Jewish leadership accepted the United Nations' decision to establish two states, we are still dealing with a Palestinian leadership that will not offer its people a document for popular ratification that explicitly recognises Israel's legitimate right to exist as a Jewish state. In the context of all that has gone before, "implicit" recognition is, at best, meaningless. At worst, it is yet another subterfuge along the lines of the famous letter sent by the Palestine Liberation Organisation to Yitzhak Rabin, the then Israeli prime minister, on September 9, 1993. In this letter, the PLO said it recognised the right of Israel to exist in peace and security - a promise whose emptiness was revealed by Yassir Arafat's subsequent rejection of the Bill Clinton-brokered Camp David accords and the bloody intifada he launched after it.

Outside the region, it is perhaps understandable that many in Europe and the US have chosen not to delve too deeply into what Mr Abbas is, and is not, proposing. The referendum gets them out of a hole. It would allow the west to participate in a polite fiction, letting them restore aid to the Palestinians and thus regain some much sought after moral authority in the greater Middle East.

But inside the region, there is no substantive reason to doubt the assertion of Ehud Olmert, Israel's prime minister, that, as far as peace prospects are concerned, the referendum is basically pointless. That conclusion is bolstered by the fact that, even as some polls show it would be passed by the Palestinian people, two other recent polls published by the Palestinian Wafa news agency's website show more than 60 per cent of them opposed to the proposition that Hamas should recognise Israel in return for the resumption of foreign aid. In other words, most Palestinians will not even recognise Israel if they are paid to.

In the end, all people of goodwill feel for the suffering of both sides in this conflict, perhaps the more so for the Palestinians whose national tragedy has been to such a great extent of their own making. But sentimentality, like the raising of false hopes, will get us nowhere. The problem is what it has always been and Mr Abbas has yet to prove that he really wants to solve it.
Nun - entweder ist der "Gefangenenplan" ein Schritt zum Frieden oder eben nicht. Jeder kann das Dokument lesen und sich selbst überzeugen. Ich kommentiere nur die Sprache:

In dem Text wird im Namen der Palästinenser von der "Befreiung ihres Landes" gesprochen, inclusive Jerusalem und den Landesteilen, die Israel 1967 besetzt hat. Von zwei Staaten wird im Text nie gesprochen. Alles weitere ist mehr oder weniger interessant - eher als Beispiel der aktuellen propagandistischen Rhetorik - "the Judaization of the Jerusalem", "continuation of popular and mass resistance against the occupation in its various forms and policies and making sure there is broad participation by all sectors and masses in the popular resistance", "the sanctity of the Palestinian blood", "the battle for freedom" usw.

Sich selbst vergessen die Terroristen nicht: Sie stellen Folgendes als die wichtigste Aufgabe hin - "To liberate the prisoners and detainees is a sacred national duty that must be assumed by all Palestinian national and Islamic forces and factions and the PLO and the PNA as President and government and the PLC and all resistance forces."

Die Aufgabe, im Gazagebiet den künftigen Staat aufzubauen, wird nicht gestellt. Der Auftrag lautet viel mehr - "the steadfast Gaza Strip a real support force to steadfastness and resistance of our people in the West Bank and Jerusalem as the national interest stipulates reassessing the struggle methods to seek the best methods to resist occupation." Wozu es führt bzw. schon geführt hat, hat Efraim Karsh bereits Ende 2005 beschrieben.

Das Dokument erwähnt "the right of the refugees to return and to be compensated" mehrfach. Vollkommen ausgeklammert wird die Zahl der Flüchtlinge von 1948, die Zahl der Palästinenser, die längst zurück kamen und aufgenommen wurden, die Zahl deren, die ihre Kompensationen bekommen haben. Das alles wird völlig ignoriert.

Kurzum, ich glaube - Shepperd hat Recht und Avenarius sollte sich fragen, schreibt er für die Hamas, die von ihm eine Beratung ersucht, oder für die deutsche Leserschaft, die informiert und nicht desinformiert werden möchte.

FAZ über Christiansen

Neulich habe ich Patrick Bahners kritisiert. Jetzt darf zum Ausgleich etwas Positives zitiert werden. In der FAZ von heute lobt er Sabine Christiansen und ihre Sendung:

Es waren die Politiker selbst, die als Hauptakteure der Christiansen-Bühne die Gemeinplätze von den unaufschiebbaren Reformen herunterleierten und durch ihre Rückkehr am nächsten Sonntag unter Beweis stellten, daß schon wieder nichts geschehen war. Indem Frau Christiansen von vornherein jeden Gesprächsfaden zerschnitt, ließ sie den Gedanken gar nicht erst zu, daß es auch Probleme geben könnte, die bei geduldiger Beratung zu erledigen wären.

Fünfzehn Kategorien

Die Programmierkunst meines Beraters erlaubt leider nur 15 Kategorien. So kann ich vorläufig die Beiträge nicht nach einzelnen Zeitungen sortieren, wie ich es gerne hätte.

Ich wäre meinen Lesern für Kommentare dankbar - ist es jetzt übersichtlicher geworden, soll ich anstatt der soeben eingeführten Kategorien andere erfinden?

23.6.06

Die "Süddeutsche" interessiert sich für Israel

Ich glaube, ich muss die Kategorien in meinem Blog neu sortieren, nach Zeitungen zum Beispiel. Schwankungen in der Beurteilung der Ereignisse nach dem bekannten Prinzip "anything goes" sind ein Faktum, dagegen kann man offensichtlich nicht viel tun. In derselben Zeitung vertreten zunehmend häufiger verschiedene Redakteure nicht die gleiche Meinung und zeigen das unverhüllt - durch die Wahl der Artikel. Was aber ein langfristiges Thema zu werden verspricht, ist das besondere, geradezu besessene Interesse an allem, was mit Israel zu tun hat. Tja, und das aufmerksame Lesen führt zu eher unangenehmen Folgerungen - die meisten deutschsprachigen Zeitungen sind darin parteiisch, einseitig. Wie soll man das noch feiner ausdrücken?

Die Süddeutsche widmet sich heute mindestens dreimal dem Thema. Aufgezählt:

Auf der ersten Seite fängt es mit einem netten AP-Foto von Abdullah zwischen Abbas und Olmert und mit einem (redaktionellen?) Text an, in dem u.a. gesagt wird:

Thema waren auch die Angriffe der israelischen Armee im Gaza-Streifen, bei denen Zivilisten umgekommen sind.
Zum Vergleich: Der israelische Nachrichtendienst wagte es, das Treffen als „gut und warm“ zu bezeichnen. Man hätte über das Gespräch zwischen Abbas und Wiesel erzählen können. Die Süddeutsche weiß das besser: Die Konfrontation wird überbetont. Die Zeitung erwähnt die Opfer der einen Seite, nicht aber die der anderen. Waren es Angriffe oder Verteidigungsmaßnahmen? Wurde hier ein Fakt vermittelt oder Propaganda ausgeübt?

Zweites Mal:

Thorsten Schmitz, der erst vor einigen Tagen weltweit eine Anerkennung verdient hat, als er den Kameramann von Pallywood interviewt und dazu beigetragen hat, die Fälschung zu entlarven, rudert wieder zurück und übernimmt die Sicht der Hamas bei der Beurteilung der Zwischenfälle der letzten Woche. Schon wieder seien Israelis dafür verantwortlich, dass 9 Zivilisten da, 7 Zivilisten dort sterben mussten. Schon wieder darf HRW alles besser wissen und die israelische Untersuchung einfach so in Frage stellen. Das Foto zum Artikel bedient diese Sicht noch einmal deutlich (ein Junge hält Splitter einer israelischen Rakete in die Kamera). Und wieder: Die palästinensische Sicht der Dinge dominiert, sowohl in der Darstellung der Fakten als auch in der Sprache. Wie von mir vorausgesagt, leider.

Drittes Mal:

Eine gewisse Judith Bernstein, vorgestellt als Dolmetscherin, die in Israel aufgewachsen ist und in München seit 1976 lebt, will Europa (nicht weniger als das ganze Europa!) dazu bewegen, die Sache der Palästinenser zu vertreten. Es werde ja nichts getan, meint sie und hält es für notwendig, dabei zu betonen:

Meine Großeltern sind in Auschwitz umgekommen, meine Eltern mussten als Jugendliche Deutschland verlassen.
Noch einmal Tony Judt-Masche? Ja. Schon wieder "gute Juden"? Ja. Die Zeitung kann es einfach nicht lassen. Gerade haben Mitglieder des Quartetts 100 Millionen gebilligt, zusätzlich zu all den Summen, die von Hamas-Ministern illegal hereingeschmuggelt werden, damit die Hamas in Ruhe das andere Geld für die weitere Bewaffnung ausgeben kann. Dutzende Politiker auf der ganzen Welt haben nichts mehr zu tun als sich den Kopf zu zerbrechen, wie sie der palästinensischen Bevölkerung helfen, weil die palästinensische Regierung es nicht tut. Es wird de facto geholfen. Bernstein und die Zeitung wollen es nicht einmal erwähnen, denn die Hamas braucht mehr Geld. Das hat Priorität.

So gut wie jeden Tag berichtet die Süddeutsche in diesem Ton über Israel, mit mehreren Materialien auf verschiedenen Seiten. Und wird dabei (auch von mir!) immer noch für die ausgewogene Darstellung gelobt. Wie lange wohl noch?

Ein ähnliches Problem wird oft von verschiedenen Beobachtern beschrieben. Erst heute wurde die amerikanische Presse ebenso kritisiert (Link).

22.6.06

Tomas Avenarius: Sprachliche Feinheiten

Merkwürdig, wie wirksam kleinste Änderungen in der Sprache sind. Monatelang war die Rede von den "Gefangenen", insbesondere als es um das sogenannte "Gefangengendokument" ging. Die palästinensische Propaganda ließ keine andere Deutung zu: Sie sitzen in israelischen Gefängnissen und machen sich Sorgen um den Frieden innerhalb der Autonomiegebiete sowie zwischen Israelis und Palästinensern. Keine Frage, feine Menschen und ihre Vorschläge sowieso.

In der heutigen "Süddeutschen" spricht Avenarius zum ersten Mal von "inhaftierten Militanten". Wow! Was für ein Fortschritt! Was ist da los? Werden wir es in Bälde erleben, dass er von den "verurteilten Terroristen" schreibt?

David Teich - lesenswerter Blog

Ein amerikanischer Jude wandert nach Israel aus und schreibt ein Tagebuch im Netz. Über sich selbst, über seine Katzen und seine Einsamkeit, über seine Sicht der politischen Ereignisse etc. Eine authentische sympathische Quelle, um das Lebensgefühl in Israel aufzuspüren, finde ich. Einige Beispiele seiner scharfsinnigen Beobachtungen:


There's a new play about Rachel Corrie. She's the defender of terrorists who lay down in front of a large bulldozer and was surprised she couldn't be seen, right untill the end (reminding me of the guy who, years ago, at the Concord Naval Weapons facility, lay down in front of a train and then sued because he lost an arm...). The play was co-written and directed with the help of "journalists" from the Guardian.

Of course, there's no play about the deaths of the Rachels who died in suicide bombings. As listed in the JPost: "Rachel Levy (17, blown up in a grocery store); Rachel Levi (19, shot while waiting for the bus); Rachel Gavish (killed with her husband, son and father while at home celebrating a Pessah meal); Rachel Charhi (blown up while sitting in a Tel Aviv cafe, leaving three young children); Rachel Shabo (murdered with her three sons aged 16, 13 and five, while at home)." Then there's Rachel Thayer (16, blown up in a pizza parlor). She fits today's subject because she was a British citizen, yet her mother says they NOT ONE British journalist ever interviewed her about her daughter's death. (
Eintragung vom 25-April-2005)

To help you better understand Israel, today's lesson is a typical example of marketing skills. I was at the grocery store and needed more beer. The six pack was 31.49. Singles were 4.99. Now, the concept of six and twelve packs (the later unknown here, since it's not a beer drinking country) is to make it easy to grab plenty of one brand. Just like with bundles of anything else, you should get a quantity discount. That concept, however, seems to be a foreign one. (
06-March-2005)

I walked over to check out dvds. There was nothing that really excited me, but I decided to get shwarma for dinner, as long as I was there. I'm tired of the pasta that I've been eating and, though I still have more sauce, wanted a break. Usually the guy has me pay when I'm done eating. However, after I sat down with the food and beer, he asked me to pay. I got up, paid and then returned to my table. No food. I saw the wrapper on the ground. Then I remembered the mutt I'd seen wandering around. I managed to put 2 and 2 together.

The guy laughed and gave me another shwarma. We both wondered how the dog liked the extra hot sauce I had him add. I hoped it had punished the dog, but not too much. The dog finished eating before I did, and he reappeared as I finished. Sadly, he didn't seem any worse for the wear. Next time I watch my food a bit more closely. (
17-February-2005)

Yesterday, when I was a vidiot, I was lying on the couch. Ghost was asleep on my chest and Star was asleep curled up under my arm. It was a cute scene. What was funny was good old Ghost's fears. It was close to dinner time and I hadn't eaten in a while. Suddenly my stomach let out a pretty big growl. Ghost jumped up with fear on her face, looking around to see who was attacking. Of course, my laughing didn't help the cat's self esteem, but it was hilarious. (
31-January-2005)
Und von den neuesten Eintragungen:

Yesterday Israel blew up a couple of terrorists. Sadly, there were some civilian casualties, including a young girl. The Palestinians immediately cried "massacre!" Fatah (Al Aqsa Martyr's Brigade is Fatah) said it would declare war on Sderot. Considering that an average of two missiles a day have been fired at Sderot in the last year, what's to declare? They spend a year specifically aiming rockets at civilians and claim that's holy, but civilians killed while killing terrorists is somehow a massacre? Right...

A few days earlier, two Palestinians tried to kidnap two Jewish girls, and there was no condemnation from the Palestinians. One girl ran awy. The second, age 14, beat off her two attackers though she was hurt. It seems that when they're not blowing themselves up or firing from hiding, Palestinians can't even deal with a teenage Israeli. Sad sack scum! [...] Meanwhile, today an American Jewish immigrant was arrested for trying to smuggle weapons into the country. He will be tried and probably convicted. Why? Because it's charged that he wanted to use them to shoot Arabs. Yes, he's arrested for only planning terror. When was a Palestinian arrested by Palestinians for performing terror acts? Oh, right, never. Rather, they've announced a formal war against "collaborators", who will be accused, shot and killed without arrest or trial for the crime of wanting peace and an end to terrorism. (
June 21st, 2006)

Back home, people are getting silly about the daily Kassam rockets. They're a serious business, but there's always room for lunacy. Today, the entire town of Sderot "went on strike" in protest. Exactly who that affected other than themselves, nobody's really sure. Meanwhile, in preparation for the strike, Nobel Prize Laureate Shimon Peres said "Kassams, shmasams!" He also pointed out that the Northern Galilee town of Kiryat Shmona dealt with rockets from Lebanon and Syria for much longer and that the crying and whining, rather than the dealing with it, helps the enemy. I agree that what's going on is not good, but Israel is reacting. We shouldn't risk many soldiers' lives with what Sderot demands, massive action, since injuries have been minor. In addition, I know children are scared, but it's only made worse by their parents' whining.

Much of what he said was correct, but he picked a really annoying way of saying it. That's PR in Israel.
(June 20th, 2006)

20.6.06

Die Explosion am Strand in Gaza in weiterer Untersuchung

Kaum eine Zeitung hat es versäumt, über die Meinung eines selbsternannten Experten der Organisation Human Rights Watch - Marc Garlasco - zu berichten. Es war sehr wichtig weiterzusagen, er glaube der vorliegenden Untersuchung der israelischen Armee nicht. Er analysierte Fundstücke, die ihm als vor Ort gefunden zugespielt wurden, ließ sich gerne freiwillig manipulieren, stellte sich vor Mikrophone und redete. Und das war "wichtig".

Das Blatt hat sich nun gewendet:

Nach der gemeinsamen Sitzung, an der sich Vertreter der israelischen Armee und der HRW beteiligten, wurde verkündet:

the Human Rights Watch conceded Monday night for the first time since the incident that it could not contradict the IDF's exonerating findings. On Monday, Maj.-Gen. Meir Klifi - head of the IDF inquiry commission that cleared the IDF of responsibility for the blast - met with Marc Garlasco, a military expert from the HRW who had last week claimed that the blast was caused by an IDF artillery shell. Following the three-hour meeting, described by both sides as cordial and pleasant, Garlasco praised the IDF's professional investigation into the blast, which he said was most likely caused by unexploded Israeli ordnance left laying on the beach, a possibility also raised by Klifi and his team.
Garlasco und seine HRW haben also akzepziert, dass nur 6 Raketen abgeschossen wurden und alle vor der Explosion. Dass die Explosion nicht durch den israelischen Beschuss verursacht wurde.

Ich bin sehr gespannt, ob diese Nachricht in den selben Medien genauso groß gegeben wird, wie die vorherige.

Nebenbei bemerkt, Garlascos neue Version - von dem frei liegenden Geschoss aus Israel, das einfach so vor sich hin am Strand liegt und dann plötzlich sieben Menschen tötet, ist auch nicht von schlechten Eltern. Aber hier, wie auch bei der Untersuchung der inszenierten Aufnahmen: Zuerst mal abwarten.

Jeden Tag...

In der "Times" wird der Erfinder von AK47 vorgestellt: Kalaschnikow ist 86 und will vorschreiben, wer seine Erfindung nutzen darf, nämlich nur die Guten.

In dem Kommentar zum Artikel stellt die Zeitung fest:

1,300 people killed each day worldwide by small arms
Das bedeutet in der Umrechnung:

jede Stunde sterben auf diese Weise 54 Menschen
jede Minute wird einer erschossen.

19.6.06

Handke und seine Sprache

Eine hervorragende Arbeit haben Martin Meyer und Andreas Breitenstein geleistet. Das Interview mit Peter Handke in der NZZ vom 17.6.2006 ist ein seltenes Dokument der Zeitgeschichte. Handke wird mit gezielten Fragen in die Enge getrieben und dort gelassen. Nur ein Beispiel:

Nachdem er über "viele Kroaten, Slowenen und Bosnier" sowie noch mehr über Albanier Böses und Unüberlegtes sagt, stellt sich Handke auf eine Tribune und verkündet:

Ich hätte das nie gemacht: eine Landschaft als Keule zu verwenden, eine Landschaft, die man liebt, wo der Rhythmus der Sprache herkommt, zu benützen, um andere Völker schlechtzumachen.
Noch ein glänzender Spruch von ihm:

Ich liebe Wirtschaft.
Also wirklich! :-)

17.6.06

Die neueste Umfrage von Pew Global Attitudes

Am 13.6.2006 wurden die Resultate der neuesten Umfrage online gestellt. Einiges davon bestätigt bekannte Trends, das andere ist aus meiner Sicht eine positive Überraschung.

Die wichtigsten Fragmente darf ich wohl hier zitieren: Das Ansehen der USA-Politik sinkt weiter, in Deutschland schneller als woanders - von 78 % im Jahr 2000 auf 37% im Jahr 2006:


Auf die Frage, was den Weltfrieden am meisten bedrohe, wird in Deutschland Iran von 51% Befragten genannt, genauso viele Teilnehmer nennen den israelisch-palästinensischen Konflikt und viel weniger (40%) - die Präsenz der USA im Irak:


Bei der Beantwortung der Frage nach der Bedeutung der Hamas-Regierung für die Palästinenser haben 71 % der Befragten in Deutschland sich für "schlecht" entschieden:


Die Verteilung der Sympathien für Israel bzw. für die Palästinenser hat sich bei den Befragten aus Deutschland deutlich geändert: proisraelisch geben sich 37% Teilnehmer, propalästinensisch - 18%:

Dabei zeigt sich der negative Trend, das heißt die Minderung der propalästinensischen Sympathien, als konstant:

Na, soll man all dem glauben?
Hinweis

Das Europaparlament verurteilt Deutschland - Deutschland will nichts davon wissen

Bei der Sitzung am 15. Juni 2006 hat das Europaparlament eine "Entschließung des Europäischen Parlaments zur Zunahme rassistischer Gewalt und von Gewalt gegen Homosexuelle in Europa" verabschiedet. Die Vorlage dafür wurde am 12. Juni vorgelegt. Beide Texte sind online zugänglich. Dennoch sind weder in den News noch sonstwo Meldungen in deutscher Sprache erschienen, die unten zitierten Abschnitte des Beschlusses erwähnen. Überall wird Polen verurteilt - ausschließlich Polen. Im Text kann man allerdings mehr lesen (alle Hervorhebungen von mir):

Das Europäische Parlament, [...]

B. in der Erwägung, dass es in einigen Mitgliedstaaten zu durch rassistischen, fremdenfeindlichen und antisemitischen Hass motivierten Gewaltakten und/oder Tötungen gekommen ist, während innerhalb und außerhalb der Europäischen Union weitere direkte und indirekte Formen von Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und Homophobie fortbestehen, [...]

H. in der Erwägung, dass es während Fußballspielen zu bedauerlichen und gravierenden rassistischen Übergriffen kommt und dass ähnliche Vorfälle auch während der derzeitigen Weltmeisterschaft befürchtet werden, [...]

J. in der Erwägung, dass die Medien eine wichtige und entscheidende Rolle bei der Wahrnehmung rassistisch motivierter Gewalt in der Öffentlichkeit spielen und in einigen Mitgliedstaaten zu einer einseitigen und voreingenommenen Darstellung der Gewalt neigen und damit Verantwortung für die Verbreitung von Fehlinformationen über Rassismus und Fremdenfeindlichkeit tragen,

K. in der Erwägung, dass eine Vielzahl von Internet-Homepages als Hauptquelle der Informationen über rassistische Gruppen und Gruppen, die zu Hass anstiften, Anlass zu der Sorge gibt, wie diesem Problem entgegengewirkt werden kann, ohne gegen die freie Meinungsäußerung zu verstoßen,

L. in der Erwägung, dass Polizei und Justiz in den Mitgliedstaaten eine wesentliche Rolle für die Verfolgung und Verhütung rassistisch motivierter Gewalt spielen, dass sie es jedoch mitunter versäumen, die Bürger vor rassistisch motivierter Gewalt zu schützen und Extremisten von solchen Verbrechen abzuschrecken, wobei die Mitgliedstaaten in diesem Zusammenhang prüfen sollten, ob ihr Polizei- und Justizsystem unter "institutionellem Rassismus" leidet, und in der Erwägung, dass sich in einigen Ländern polizeiliche Gewalt speziell gegen ethnische Minderheiten, Rassenminderheiten und sexuelle Minderheiten richtet und deren Recht auf Versammlungsfreiheit unmittelbar verletzt,

M. in der Erwägung, dass es an statistischen Daten über Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und Homophobie in den Mitgliedstaaten sowie insbesondere über damit verbundene Gewalt und Diskriminierung mangelt, [...]

O. in der Erwägung, dass vier Mitgliedstaaten – Deutschland, Luxemburg, Österreich und Finnland – wegen ihres Versäumnisses, die Anforderungen der Richtlinie 2000/43/EG [die sogenannte "Antirassismusrichtlinie"] zu erfüllen, vor den Europäischen Gerichtshof (EuGH) zitiert wurden, [...]

2. verurteilt nachdrücklich alle rassistischen und durch Hass motivierten Übergriffe, fordert alle einzelstaatlichen Behörden mit Nachdruck auf, alles in ihrer Macht stehende zu tun, um die dafür Verantwortlichen zu bestrafen und das Klima der Straflosigkeit im Zusammenhang mit solchen Übergriffen zu bekämpfen; bekundet seine Solidarität mit allen Opfern solcher Übergriffe und mit ihren Familien, darunter: [...]

– den brutalen Überfall auf einen deutschen Staatsbürger äthiopischer Abstammung, Kevin K., in dem Dorf Pömmelte in Sachsen-Anhalt am 9. Januar 2006, insbesondere wegen des rassistischen Beweggrunds; [...]

– die Zunahme von tätlichen Angriffen und rassistischen Parolen und Sprechchören in den Fußballstadien durch Fußballfans mit neonazistischer Ideologie, [...]

16. unterstreicht, dass Initiativen zur Bekämpfung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit in Verbindung mit der derzeitigen Weltmeisterschaft in Deutschland unterstützt werden müssen, und fordert die Behörden auf, die für rassistische Akte Verantwortlichen genau zu überwachen, zu verfolgen und zu verurteilen; [...]
Alles andere bezieht sich auf alle europäischen Länder oder speziell auf andere europäischen Länder. Zum Vergleich soll noch ein Paragraph aus dem Entwurf gegenübergestellt werden, der vom endgültigen Text abweicht:

B. in der Erwägung, dass es in einigen Mitgliedstaaten, zuletzt in Belgien, Frankreich, Deutschland und Polen, zu durch Rassen- und Fremdenhass und antisemitischen Hass motivierten Gewaltakten und/oder Tötungen gekommen ist, während innerhalb und außerhalb der EU weitere direkte und indirekte Formen von Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und Homophobie fortbestehen,
Es ist bemerkenswert, dass die Erwähnung von Belgien, Frankreich, Deutschland und Polen aus dem Beschlusstext in diesem Abschnitt ohne weitere Debatte gestrichen wurde. So oder so, Deutschland wurde kritisiert, namentlich genannt und gerügt. Die deutschen Medien verlieren darüber kein Wort! Und streng unter uns wissen wir doch ganz genau, wie viel Unsinn zu dem Überfall auf den Kevin K. gesagt und geschrieben wurde. Ist die Beschäftigung des Europaparlaments damit kein Thema?

Was denkt "Die Zeit" über ihre Vergangenheit?

In dem neuesten Heft der Wochenzeitung "Jungle World" wird ein Sammelband vorgestellt - mit dem Titel »Deutsche, Juden, Völkermord«. Anton Landgraf erzählt über Texte, kommentiert sie, referiert vorgestellte Schicksale. Am Ende des Artikels wird ein Erwin Ettel, SS-Brigadeführer und Nahost-Experte im Auswärtigen Amt, erwähnt:

»In dem Kampf Deutschlands gegen das Weltjudentum fühlten sich die Araber mit Deutschland auf das Engste verbunden«, fasste dieser seine Gespräche mit Husseini zusammen. [...]

Husseini initiierte die Aufstellung einer muslimisch-bosnischen Waffen-SS-Division und konnte nach dem Ende des Krieges nach Kairo fliehen. Spä­ter wurde er Finanzier der im Jahr 1959 gegründeten Fatah und setzte 1968 Jassir Arafat inoffiziell als seinen Nachfolger ein.

Eine erstaunliche Karriere gelang zudem seinem früheren Betreuer in Berlin, die Frank Bajohr in dem Aufsatz mit dem Titel »Erwin Ettel – vom SS-Brigadeführer zum außenpolitischen Redakteur der Zeit« beschreibt.

Ettel konnte nach dem Krieg einige Jahre untertauchen, um Anfang der fünfziger Jahre unter dem Namen Ernst Krüger als außenpolitischer Redakteur bei der Wochenzeitung Die Zeit angestellt zu werden – mit Hilfe von Kontakten im Auswärtigen Amt, wie Bajohr vermutet. Sechs Jahre lang schrieb Ettel unter falschem Namen für die Zeitung, insbesondere über den Nahen Osten und die USA. Seine Ansichten brauchte er dafür nicht zu ändern, wie der Überschrift eines Artikels von ihm zu entnehmen ist: »Unverträgliches Israel«.
Ist es kein Skandal für "Die Zeit"? Kommt eine Reaktion von der Redaktion?

16.6.06

Krauthammer oder Schmitz?

Zwei Zeitungen geben heute Gas in Sachen Pallywood - die "Washington Post" und die "Süddeutsche". Thorsten Schmitz (ich glaube, zum ersten Mal in der deutschen Presse) berichtet über die bekannten Fälschungen der palästinensischen Propaganda in den Medien und stellt die Frage nach deren Bedeutung:

Beweise, die verschwinden, ein Toter, der plötzlich wieder lebt, ein Mädchen, das Regieanweisungen gibt - wie Palästinenser die Wahrheit verbiegen.
Wir sind geduldig und sehen darin einen Fortschritt. Umsomehr dass Charles Krauthammer zeigt, dass es auf diese Frage auch eine Antwort gibt, die sogar laut und deutlich gesagt werden darf. So oder so, der Vergleich ist selbstredend. Quid licet jovi non licet bovi, nicht wahr?

This is another example of the Palestinians' classic and cowardly human-shield tactic -- attacking innocent Israeli civilians while hiding behind innocent Palestinian civilians. For Palestinian terrorists -- and the Palestinian governments (both Fatah and Hamas) that allow them to operate unmolested -- it's a win-win: If their rockets aimed into Israeli towns kill innocent Jews, no one abroad notices and it's another success in the terrorist war against Israel. And if Israel's preventive and deterrent attacks on those rocket bases inadvertently kill Palestinian civilians, the iconic "Israeli massacre" picture makes the front page of the New York Times, and the Palestinians win the propaganda war.

Klaus Maria Brandauer über das heutige Theater und sich

Ein bemerkenswertes Interview mit Brandauer in der heutigen "Welt". Nicht weil der Schauspieler besonders gut wäre, sondern weil der Interviewer Roger Köppel ihn lebensnah, das soll heißen - naturgetreu, präsentiert. Ich mag diese Art. Einige Beispiele:

Welt: Man hat den Eindruck, es gebe eine Art Gottesdienst, einen heiligen Pakt zwischen Theatermachern und einer Kritik, die auch noch den größten Unsinn zur Kunst erklärt.

Brandauer: Halt. Ein Gottesdienst ist das nicht, eher ein mafioses System. Man betreibt Theater als ideologische Zwangsbeglückung, leider oft am Publikum vorbei. Der Grund ist einfach: Wenn Sie ein großartiges Stück mit zehn schauspielerischen Begabungen inszenieren, kommen Sie als Regisseur nicht vor. Das ist für manche kränkend. Viele Schauspieler leiden zwar unter dem sogenannten Regietheater, aber sie würden sich nicht trauen, gegen den Trend anzureden. Man will ja arbeiten.

Welt: Inwiefern hat der Siegeszug des Effekt- und Regietheaters zu einer Verwahrlosung der handwerklichen Standards geführt?

Brandauer: Die Verwahrlosung könnte langsam einsetzen. Bis jetzt war die Ausbildung hervorragend, aber inzwischen höre ich, daß Schauspieler für die perfekte Beherrschung des Handwerks kritisiert werden. Man holt Fernsehstars ins Theater, um die Säle zu füllen, die schauspielerischen Standards gehen weiter nach unten. Nicht jeder Serienheld ist für eine klassische Rolle geeignet. [...]

Welt: Sie haben mal gesagt, das Theater müsse einen Bildungsauftrag wahrnehmen.

Brandauer: Na gut, die Leute sollten ja schon einiges wissen, wenn Sie zu uns kommen. Wir können den Bildungsauftrag nicht nachholen, aber wir sind die Leidtragenden eines grassierenden Mangels an Bildung. Leute lernen keine Gedichte mehr, sie lesen keine Romane, sie haben keine Vergleichsmöglichkeiten mehr. Hätten sie die, würden sie vielleicht so manches, was heute auf deutschen Bühnen stattfindet, rundweg ablehnen.

Welt: Ihr Ansatz wird von der Kritik als "konservativ" bezeichnet. Kränkt Sie das?

Brandauer: Für mich ist Theater in erster Linie Sprechtanz. Auf dem höchsten Niveau der Virtuosität Gedanken zu jonglieren, die allerdings auch die Ruhe bekommen, den Menschen zu erreichen, und zwar alle Anwesenden. Im Zentrum steht der Virtuose, ein großer Atem, ein großer Zuschnitt, große Textbehandlung, alles ausgerichtet auf den Inhalt. Das ist das, was ich mit Vergnügen gelernt habe. Das interessiert sogar in der Stille, bei der bloßen Lesung, es muß gar kein Event werden. Event kann sein, was sich aus dem Text ergibt. Wenn man das als konservativ bezeichnet, dann kränkt es mich nicht. [...]

Welt: Viele Schauspieler haben panische Angst vor dem Liebesentzug durch das Publikum und flüchten sich in Drogen.

Brandauer: Die Arbeit war mir nie eine Belastung. So, wie ich heute dastehe, habe ich mir das auch in den kühnsten Träumen nie vorstellen können. Der Journalist würde vielleicht lieber hören, wie ich leidend ums Burgtheater wandere aus Angst vor dem Scheitern in der "Nathan"-Inszenierung morgen abend, aber so ist es nun mal nicht. Nein, ich hab' mich gern, ich hab' mich sehr, sehr gern. [...]

Ich hatte halt oft das Gefühl, nur mit Leuten zusammenarbeiten zu wollen, die mehr wissen als ich. Ich bin jederzeit in der Lage, mich gut unterzuordnen. Ich bin ein ausgezeichnetes Ensemblemitglied.

Welt: Das glaubt Ihnen niemand.

Brandauer: Es ist aber wahr.

Welt: Haben Sie je herausgefunden, was das Geheimnis Ihrer Bühnenpräsenz ist?

Brandauer: Nein. Mittlerweile glaube ich daran, daß ich so etwas ausstrahle, weil man es mir immer wieder gesagt hat. Und so etwas glaubt man ja gern. Ich möchte kein verkannter Mensch sein. [...]

Welt: Gingen Sie zum Theater, um der Realität zu entkommen?

Brandauer: Nein, im Gegenteil. Ich wollte auffallen und sah da eine Möglichkeit. Flucht war es bestimmt nicht. Ich wollte ans Licht. [...]

Ich bin viel herumgeflogen, habe Mengen gelesen, saß im Zug, während meine Kollegen mit den Mädels herumgemacht haben. Spielte Hamlet in Wien, als ich gleichzeitig "Out of Africa" in Kenia drehte mit Löwen aus einem Zirkus in Los Angeles. Ich habe ein herrliches Leben.

14.6.06

Was weiß Kofi Annan?

Der Vergleich zwischen den Berichten in den Medien weltweit einerseits und einer einzigen Meldung der israelischen Botschaft andererseits zeigt: Israel verliert den PR-Krieg. So gut wie alle deutschen Zeitungen informieren:
UN-Generalsekretär Kofi Annan ließ in New York Zweifel an der offiziellen Darstellung Israels erkennen. "Dass an einem Strand eine Mine gelegen haben soll, ist ziemlich seltsam", sagte er auf eine Journalistenfrage.
So informiert das Deutschland-Radio, zum Beispiel. Genauso wird er auch in der israelischen Presse zitiert:

UN Secretary General Kofi Annan doubts the findings of an IDF inquiry into the Gaza beach shelling.

"The Israeli claim that the beach blast was caused by an explosive charge at the site sounds strange to me. I don't believe it is plausible that the Palestinians planted charges in a place where civilians often spend their time," Annan told the London-based Al-Hayat daily.

Annan said he would send a representative on his behalf to the region to investigate the Palestinian claims that an IDF shell killed the Ghalia family on the Gaza beach.

Annan called on Israel to "respect international law and human life", urging the IDF to operate at a distance from civilians. The secretary general also condemned the firing of Kassam rockets at Israel.
Und nur in der bescheidenen Meldung der israelischen Botschaft in Deutschland kann man nachlesen:

Diplomatischer Zwischenfall zwischen Israel und UN-Generalsekretär Kofi Annan: Annan forderte am Wochenende, den Tod der palästinensischen Familie am Strand von Gaza zu untersuchen.

Diplomatische Stellen der UNO teilten mit, dass Annan am Samstagabend Ministerpräsident Ehud Olmert anrief und darum bat, dass Israel angemessen und entsprechend internationalem Recht auf den Beschuss aus Gaza reagiert. Das ärgerte Olmert: „Entspricht denn der Abschuss von Hunderten Qassam-Raketen dem internationalen Recht? Warum haben Sie mich nicht angerufen, nachdem 300 Raketen auf Israel abgefeuert wurden und haben darum gebeten, diese Sache zu untersuchen?“ Annan antwortete, dass ihm dies nicht bewusst gewesen sei. Die Worte Annans stießen in politischen Kreisen und im Sicherheitsbereich auf Verwunderung.

Das Außenministerium beschloss, dass die israelische UNO-Delegation den Generalsekretär und den Dienst habenden Präsidenten des Sicherheitsrats ab sofort täglich über den palästinensischen Beschuss mit Qassam-Raketen informiert. In den letzten drei Tagen zum Beispiel schlugen 69 Qassam-Raketen ein. (Yedioth Ahronoth, 13.6.)
Die Quelle ist also eine israelische Zeitung. Warum wird diese Nachricht nicht weitergegeben? Warum sind es bis jetzt nur zwei Blogger, die die Meldung verarbeitet haben? (Das sind David Harnasch und Wolfram.)

Der einzige Journalist, der über die Blamage der israelischen "Medienoffensive" heute gesprochen hat, ist Ulrich W. Sahm:

Die Palästinenser erweisen sich als PR-Meister
Aber auch er erwähnt den Annan-Vorfall nicht. Warum?

13.6.06

Suchmaschinen für Blogger

Es ist immmer noch schwer, mit einer einzigen Suchmaschine alles zu finden. Auch beim Bloggen. Die Analyse von F!XMBR (Link) kann ich bestätigen. Google erfasst nur den Anfang eines Textes, und Technorati lässt sich oft nicht anpingen. Ich nehme zu der Google und Technorati noch Clusty.

Thorsten Schmitz: Unkonzentrierte Israelis

Thorsten Schmitz gehört zu den besten Journalisten, die in den deutschen Zeitungen über Israel schreiben. Eigentlich. Ja, sehr selten macht er seine Leser darauf aufmerksam, dass Israel etwas besonderes ist und Israelis anders sind als seine Leser. Die anderen tun das jeden Tag, er dagegen selten. Es bleibt aber dabei. Ein Beispiel von vielen:
In der heutigen "Süddeutschen" berichtet Thorsten Schmitz über einen großen Verkehrsunfall mit mehreren Toten. Der Bericht ist voller Details. Die Zeitung betitelt den Beitrag in üblicher "bescheidenen" Manier:

Totales Verkehrschaos
Warum denn? Ganz einfach, weil im Text steht:

In Israel kommt es täglich zu Verkehrsunfällen, weil viele Autofahrer unkonzentriert und oft entgegen Verkehrsregeln fahren. Jede Woche sund deshalb Verkehrstote zu beklagen.
Diese besondere Aufmerksamkeit auf die Unaufmerksamkeit in dem Staat Israel und seinen unkonzentrierten Autofahrern gegenüber grenzt an ein Panoptikum. In Deutschland stirbt infolge von Verkehrsunfällen "fast alle 90 Minuten ein Verkehrsteilnehmer tödlich" (Link). "Insgesamt 5.844 Menschen verloren im vergangenen Jahr 2004 ihr Leben im Straßenverkehr." (Ebenda) Im selben Jahr 2004 sind in Israel 190 Menschen in Verkehrsunfällen gestorben (Link). Vergleichen wir prozentual: Von 83 Millionen Menschen in Deutschland macht es 0,007 %. In Israel wohnen 7 Millionen Menschen, daraus ergibt sich der Prozentsatz von Verkehrsopfern 0,003 %. Derselbe Prozentsatz wäre für die USA 0,014 %, weitere Daten für Europa kann jeder aus den Angaben der Europäischen Komission ausrechnen (Link).

Was ich damit sagen will: In Israel gibt es weniger Verkehrstote als in Deutschland - sowohl in absoluten Zahlen als auch in der relativen Rechnung und viel-viel weniger als in den USA, China etc.

Diese besondere Aufmerksamkeit, dieses ganz besondere Interesse zu allem, was in Israel passiert, diese Konzentration der Aufmerksamkeit - im Unterschied zu den unkonzentrierten Autofahrern - was will sie uns sagen?

12.6.06

Göteborg

Es war eine schöne Reise, wenn auch 10 Stunden hin und 10 Stunden zurück im Zug nicht unbedingt ein Vergnügen war. Jung aussehende Stadt, auf den Straßen sind viele junge Menschen, dafür aber kaum alte und gebrechliche zu sehen, warum nur?

Und hier einige Fotos, um die Möglichkeiten des Bloggers auszuprobieren. :-)

Die Oper in Göteborg ist postmodern, reiht sich in die Hafenlinie und in die Perspektive zu den mehrschichtigen mehrstöckigen Häusern ein:

Aus der Entfernung sieht das Gebäude eher wie ein Schiff aus:

Aus der Nähe eigentlich auch:

Von der anderen Seite aus kann man auf das Wasser und auf echte Schiffe hinausblicken:

Und vom Wasser aus zeigt sich das Haus viel festlicher und gemütlicher:

Aber auch in der Stadt selbst spürt man die Nähe zum Meer. Auf der Suche nach dem Konzerthaus haben wir ein junges Pärchen gefragt, der Mann antwortete:

Go directly to the Naked Man!
Als wir den nackten Mann entdeckt haben, stellten wir fest: Das ist Poseidon!

Im Konzerthaus gab es Bruckner, sehr gut gespielt, mit allen spätromantischen Rafinessen, in der alten, fast schon veralteten Tradition. Das städtische Orchester ist wirklich gut.

8.6.06

Mohammad Ali Ramin: noch ein Historiker

Mohammad Ali Ramin ist der Berater (Advisor) des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad (Ahmadinejad). Er wird als Historiker vorgestellt. Für alle Zweifelnden, ob und inwiefern die aktuelle Staatspolitik Irans antisemitisch geprägt ist, hat die Nachrichtenagentur Irans über den Vortrag Ramins vor Studenten berichtet:

Link

No comments. Falls der verlinkte Text verschwindet, bitte benachrichtigen. Der Text wurde abgespeichert. :-)

Ich darf in dem Zusammenhang noch darauf verweisen, dass Ramin laut der Zeitschrift "Spiegel" kein Berater des Präsidenten ist. Wer weiß das besser - "Spiegel" oder die Regierung Irans? (Sorry, das war eine rhetorische Frage...)

7.6.06

Tiere denken

Im Offenen Kanal Bremen lief eine Sendung über den Umgang mit den Tieren. Eine Frau, im Tierschutz tief verwurzelt, erzählte über die Gestaltung der Rundgänge für die Interessenten, die sich das eine oder das andere Tier in einem Heim holen wollen. Das dürfe aber nicht zu viel werden, sonst sei es zu stressig für Tiere. Denn:

Die Tiere denken: "Na, gleich werde ich mitgenommen..."

2.6.06

Handke und seine Verteidiger

Die Posse um den abgesetzten Heine-Preis geht weiter. Spannend, wie viele sich auf die Seite des leidenden Opfers stellen und wie sie das tun. Seine Verlegerin (Ulla Berkéwicz), sein Filmregiesseur (Wim Wenders), seine Kritikerin (Sigrid Löffler) - alles feine Leute - sind total empört und schlagen in dieselbe Kerbe wie Jelinek (Link). Diese Methode ist medienwirksam und hat einen "der bedeutendsten Autoren der Gegenwart" (Löffler) zu den ganz "sonderbaren und eigentümlichen" (F.Schirrmacher, Link) Stellungnahmen verführt, die fast an der Grenze des Zumutbaren liegen. Vielleicht hat sein ungewolltester Verteidiger, Wiglaf Droste, Recht:

Schon möglich, dass Peter Handke einen Dachschaden hat.
Ich habe wenig Aussagen zu dem eigentlichen Thema gefunden. Kaum einer hat sich über die Unproffesionalität der Jury ausgelassen. Sie hat versagt, in dem Moment, wo sie nach Weizsäcker an Handke gedacht hat, mit dem Plan, nach Jelinek an Handke zu denken. Es wurde kein Konsens gefunden, zu dem man hätte stehen können. Jetzt kann Sigrid Löffler sich heldenhaft empören, die Juri verlassen und sich für sauber erklären, in der Tat aber hat eben sie zu wenig an die Konsequenzen ihres internen Pro-Handke-Lobbyismus gedacht. Der Ruf des Heine-Preises ist hin. Die lächerliche Maschinerie der Literaturpreise wurde offenbart. Das ist möglicherweise gar nicht so schlecht, denn es ist längst ein Betrieb geworden, einer von vielen, die die Kultur ruinieren. Inzwischen bekämpfen die Süddeutsche und die FAZ einander und versuchen sich pro et contra zu positionieren, wo es am wenigsten passt, und am besten jeden Tag anders, um unparteiisch zu wirken und die Diskussion zu verlängern und noch heißer zu machen. Handke als Dichter wird immer mehr zum Opfer stigmatisiert und mit Inbrunst verteidigt. Auf dem Höhepunkt dieser Verteidigungsszenerie erscheint ein Text von Botho Strauß, der das non plus ultra der gesamten Schlammschlacht bis dato wurde.

Eine schlimmere Fürsprache kann man Handke nicht wünschen, sie offenbart die dunkelsten Hintergründe der gesamten Diskussion und erinnert schon wieder an die Walser-Debatte, an die Sätze, wie "man wird doch wohl noch sagen dürfen", die die öffentliche Seele (Verzeihung!) masturbieren, ohne befriedigen zu können. Allein die Liste der zu vergleichenden Vorbilder, die Strauß einfallen, sagt das. Er argumentiert darüber hinaus haarsträubend:

Was bleibt von Handke?
Im Titel schon reduziert Strauß den Dichter auf einen Teil seines Schaffens, utilisiert ihn. Diese Methode wird weiter angewendet:

Was bleibt von dem Gefangenen im Pisaner Käfig, dem gegen Roosevelt eifernden Faschisten? Es bleibt der überragende Rhapsode und Poet, der Matador der Moderne, der reiche Anreger und Talenteförderer Ezra Pound.
Schwarzweiß, entweder-oder? Nein - sowohl-als-auch!

Was bleibt von dem berüchtigten Rechtslehrer Carl Schmitt, dem man Mitwirkung an den Nürnberger Rassengesetzen nachwies? Es bleibt der einflußreichste Staatsrechtler des zwanzigsten Jahrhunderts, der intuitivste Denker über Verfassungs- und Rechtsgeschichte, dessen Einfluß weit über die Grenzen Deutschlands hinaus lebendig blieb.
Na-na, wir wollen nicht übertreiben: Einen "intuitivsten Denker" im Fach der "Verfassungs- und Rechtsgeschichte" kann nur ein getreuer Leser einer "Jungen Freiheit" gebrauchen, welche Strauß liebevoll einen "Dichter der Gegen-Aufklärung" nennt. Aber auch nach der gebührenden Diminuierung der Bedeutung Schmitts bleibt beides an ihm hängen - sowohl seine Mitwirkung an der Naziwelt als auch seine Beobachtungen der Staatsgeschichte, auch wenn sie eher ein Bestand der neurechten Denkweise sind als die der wahren Geschichte.

Von Heidegger zu sprechen und dabei seine Rolle als brauner Universitätsrektor hervorzuheben erweist sich inzwischen als Lächerlichkeit.
Da irrt sich aber einer. Inzwischen ist es nicht mehr möglich, über den feinen Philosophen Heidegger zu reden, ohne seine Mitwirkung an dem Gebäude des Dritten Reichs zu erwähnen. Seine Nachwirkung im selben Sinne gehört auch dazu.

Was bleibt aber von Brecht, einem Dichter, dem die Revolution wichtiger als Menschenleben war und der gegen den blutigen Stalin nur ein wenig Dialektik ins Feld führte? Es bleibt einer, der die Dramaturgie des Theaters nachhaltiger veränderte als jeder andere europäische Autor und der noch bis tief in die Mentalität und Empfindungskälte des heutigen Theaters beherrschend wirkt.
Aaah so! Strauß will objektiv aussehen, ein Linker muß dafür geopfert werden. Auch in diesem Fall - keine Dichotomie bitte! Sowohl ein Dichter als auch ein Kommunist, der u.a. auch darunter leiden musste. Das Eine ist von dem Anderen nicht zu trennen, auch wenn Strauß das so gerne hätte.

Was bleibt schließlich von dem angeblichen Sänger des großserbischen Reichs, Peter Handke? Nicht nur der sprachgeladenste Dichter seiner Generation, sondern wie nur Überragende es sind, ein Episteme-Schaffender (nach dem Wortgebrauch Foucaults), eine Wegscheide des Sehens, Fühlens und Wissens in der deutschen Literatur.
Jetzt kommt Strauß endlich zu seinem Helden. Bei all seinen Vorbildern lässt Strauß keinen Zweifel an ihren Vergehen (ein Faschist, ein berüchtigter Mitwirkender an den Rassengesetzen, ein brauner Universitätsdirektor, ein Revolutionär - eine gute Kompanie). Bei Handke sind seine politischen Ansichten und Handlungen nur "angeblich" und dabei übertrieben, so übertrieben, dass sie nicht mehr glaubwürdig zu sein scheinen. Um das aufzuwiegen, baut Strauß dem angeblich größten Dichter seiner Generation einen Denkmal und nennt ihn, den Dichter, "eine Wegscheide". Hmm, soll das ein Kompliment sein? Was bleibt dann für Strauß selbst?

Wer Schuld und Irrtum nicht als Stigmata (im Grenzfall sogar Stimulantien) der Größe erkennt, sollte sich nicht mit wirklichen Dichtern und Denkern beschäftigen, sondern nur mit den richtigen.
Wir wissen, die beste Verteidigung ist der Angriff. Strauß kommt dazu. Wenn einer so groß ist, dass er Schuld auf sich nimmt und sich Irrtümer zu eigen macht, dann solle er gerade dafür gepriesen werden, sonst sei dieser kein wirklicher Dichter und Denker. Die "richtigen" dagegen seien Trug und Schein. Wir ahnen, gleich kommt der "political correctness"-Popanz.

Wir leben gottlob noch nicht in einer Lea-Rosh-Kultur, in der sich deutscher Geist nur geduckt bewegen soll oder rückschaudernd erstarren und jede erhobene Stirn, etwa zum Ausschauhalten, als pietätlos und mißliebig angesehen wird.
Na endlich. Ein Volksdichter bräunt sich langsam durch, die Volksgemeinschaft darf sich erfreuen. Diesen Satz werden wir noch mehrfach zitiert lesen dürfen, ganz bestimmt. Walser-, Möllemann-, Hohmann-Debatten lassen grüßen: Es geht weiter.

Aber das allgemein Richtige, ein Gezücht unserer konsensitiv geschlossenen Öffentlichkeit, ist dennoch ein am Boden schleifendes träges Ungetüm, wie sehr es sich auch selbst gefallen mag.

Einige andere aber müssen in der Höhe sich härter ausbilden und werden selbst aus einer Verrannt- oder Verstiegenheit heraus mehr Gutes unter die Menschen bringen als je tausend Richtige zusammen.
Ja-ja, härter ausbilden. Nicht mehr nicht weniger. Auf-auf zum Kampfe. Botho Strauß ist schon soweit!

Ich hoffe sehr, dass Handke sich von diesem freundlichen Bärendienst distanziert. Falls er dafür noch eine "Parallelsprache" (Schirrmacher) findet.

Was hat er denn bei der Beerdigung Milosevics gesagt? Hat denn jemand ein Manuskript davon? Die einzige Quelle bis jetzt ist die Selbstdarstellung Handkes in "Le Monde", die jetzt auch in seinem FAZ- (Link) und SZ-Text nachinszeniert wurde:

Die Welt, die vermeintliche Welt, weiß alles über Slobodan Milosevic. Die vermeintliche Welt kennt die Wahrheit. Eben deshalb ist die vermeintliche Welt heute nicht anwesend, und nicht nur heute und hier. Ich kenne die Wahrheit auch nicht. Aber ich schaue. Ich begreife. Ich empfinde. Ich erinnere mich. Ich frage. Eben deshalb bin ich heute hier zugegen. (Link)
Es lebe Jugoslawien. Zivela Jugoslavija. (Link)
Es gibt eine Welt Handkes und eine vermeintliche Welt. Die Wahrheit dieser vermeintlichen Welt sei keine, sie wird zumindest in Frage gestellt. Und einer, der nicht zu der vermeintlichen Welt gehört, tut etwas, nämlich geht zu einer politischen Veranstaltung, spricht in der serbischen Sprache vor zwanzig tausend Teilnehmern dieser politischen Veranstaltung und sagt dabei in seiner "Parallelsprache", dass er nicht zu der vermeintlichen Welt gehört, dass er alles anders sieht, begreift und empfindet, dass er andere Erinnerungen und andere Fragen hat als die vermeintliche Welt und dass er mit seinen Zuhörern solidarisch ist. Dass er das verlorengegangene Jugoslawien betrauert, genauso wie Millionen von ehemaligen anderen verlorenen Seelen die Sowjetunion beweinen. Das Imperium und kleine Imperien hinterlassen ihre Spuren. Sie sprechen durch diese Rede. Handke wird politisch aktiv. Das tut er und einige Wochen später distanziert sich davon. Wie viel stimmt in diesen Zitaten mit der Rede überein? Was wird dabei verschwiegen? Wann werden wir das erfahren? Denn wir wissen:

Der bedeutende Schriftsteller Handke, so kann man vielleicht arg verkürzt zusammenfassen, neigt zu politisierenden Wutausbrüchen mit beachtlicher Fabulierkunst.

1.6.06

Russische Weisheiten

Passend zum vornehmen Gespräch zwischen Wladimir Putin und seinen Gästen in St.Petersburg möchte ich zwei geflügelte Worte zitieren, einmal alt und bekannt, einmal ganz frisch:

Vor ca. 15 Jahren hat der damalige Premierminister Russlands Wiktor Tschernomyrdin vor dem russischen Parlament über die ersten Erfolge der Perestroika gesagt:

Wir wollten das Beste, aber es kam das gleiche heraus wie immer. (Original: Хотели как лучше, а получилось как всегда.)
Der Mann ist fern jeder Ironie, geschweige denn Selbstironie. Die Urkomik des Spruchs liegt in dessen nackten Wahrheit und in der ungewollten Wiederaufnahme der russischen poetischen Tradition, die Geschichte des eigenen Landes zu bespotten (Alexei K. Tolstoi, 1868: 'Das Land ist voll des Reichtums, doch Ordnung gibt es nicht' (original: "Земля наша богата, /Порядка в ней лишь нет." Link) Geflügelte Worte bestimmen den Fluss der Rede, ohne dass einer über seine Worte verfügen kann: Sie verfügen über ihn!

Heute, in der einzigen noch freien Zeitung Russlands, "Kommersant", schreibt der ironische Nachfolger Soschtschenkos und Platonows, Andrei Kolesnikow, zur Zeit der kühnste Journalist Russlands, über ein Treffen des Präsidenten Putin mit den verantwortlichen Beamten in Sachen Sport. Putin sagt darin:

Самой большой дисциплины в любой из областей, которыми занимался, добивался Лаврентий Берия. Но это не наши методы. [...] К решению вопросов нужно комплексно подходить. А то мы за что ни беремся – у нас НКВД получается. (Die größte Disziplin auf jedem Gebiet, mit welchem er sich beschäftigte, erreichte Lawrenti Beria. Das sind aber nicht unsere Methoden. [...] Man muss an die Lösung der Fragen komplex herangehen. Denn was wir auch auf uns nehmen - am Ende kommt der NKWD heraus.)
Beria ist, wie bekannt, der größte Henker Stalins gewesen, der beim NKWD begonnen hat. Der NKWD ist hier ein Sammelbegriff für GPU, KGB und wie sie alle im Laufe der Sowjetgeschichte hießen. Putin kann seine Herkunft nicht leugnen, sie verfügt über ihn, schimmert durch seine Vergleiche und Metaphern durch. Dasselbe geflügelte Wort und dieselbe unfreiwillige Selbstverspottung!

31.5.06

Elfriede Jelinek verteidigt Peter Handke

Die Debatte über die Verleihung oder doch Nicht-Verleihung des Heinrich-Heine-Preises an Peter Handke ist zu einer bemerkenswerten Posse geworden. Nun ist die nobelgepriesene Granddame der destruktiven Literatur auf die Barrikade gegangen. Der Text ist typisch Jelinek. Einmal möchte ich mich an ihren Text doch heranwagen. Der Anlass ist viel zu gut dafür, der Text steht online.

Aus gegebenem Anlaß, aber ich habe ihn nicht gegeben, ich habe ja nichts zu geben, und ich habe nichts zuzugeben
Der Titel ist sehr schön, lässt sich fein aussprechen und, wie immer will die Autorin ihre Distanz zum Thema betonen: Der Anlaß ist da, und sie sagt dazu alles, was sie meint, gibt aber vor, es nicht zu tun.

(Handke/Heine)
Der Untertitel weist darauf hin, was das eigentliche Thema ist. Das wollen wir noch prüfen.

Was soll man sagen? Ich überlege, was ich zu Handke sagen könnte, während das Geheul und Gebell rundherum anschwillt. Ich bin versucht damit anzufangen, daß ich politisch in Bezug auf Serbien nicht seiner Meinung bin, daß ich das Eingreifen fremder Mächte bei drohendem Völkermord, den ich damals am Balkan gesehen hatte, auch völkerrechtlich gedeckt fand und immer noch finde, aber schon das ist eine Falle, in die ich nicht laufen müßte, nicht einmal dürfte. Ich muß meine politische Position nicht darlegen, um meine Besorgnis über die wachsende hysterische Hetze gegen einen Dichter artikulieren zu dürfen. Auch sollte ich nicht eigens drauf hinweisen müssen, daß ich nicht seiner Meinung bin, aber, nein, sterben würde ich für seine Meinung nicht, das muß nicht sein, es sterben schon viel zuviele, aber daß ich jedenfalls alles täte, damit er diese Meinung äußern darf.
Zuerst bezieht Jelinek ihre politische Position. Sie sei mit Handke nicht einverstanden, mit seiner politischen Meinung, der politischen Position eines Dichters. Sie sieht sich dabei in der Rolle eines Voltaires, Handke dürfe seine Meinung äußern, als würde ihm einer das verbieten wollen.

Ich muß auch nicht darauf hinweisen, wie oft Heine seine politische Meinung veröffentlicht – und wieder geändert - hat, mit großer Leidenschaft, und darauf kommt es an.
Heines politische Meinung war ein der Hauptstränge seiner Dichtung, und nicht - wie bei Handke - ein expansiver Zusatz, kurz vor dem Ausbruch der Gedanken über die Rente. Der zweite große Unterschied - Heine bekam keine Preise, und schon gar keine offizielle Würdigung für seine politische Position. Seine Texte wurden zensiert, verboten und sogar verbrannt, es fanden sich deutschsprachige Kritiker, die seine Sprache für eine Schande hielten usw.

Er hat den Kommunismus begrüßt, im Wissen, daß Leute wie er (und ihre Werke) die Ersten wären, die ihm zum Opfer fallen würden. Also da gibt es im Schreiben immer das Trotzdem. Und das Dazwischen.
Ist es eine Parallele zwischen Heine und Handke? Hat Heine den Kommunismus im Wissen der künftigen blutigen Katastrophen begrüßt? Wo nimmt Jelinek ihr Wissen über dieses Wissen her? Und andererseits - wo findet sie das Trotzdem und Dazwischen bei Handke, konkret in seinen "politischen" Texten? Gibt es überhaupt so etwas Subtiles bei ihm? Ist seine Dichtung der von Heine darin vergleichbar?

Und dort hinein haben wir uns zu begeben, auch wenn es dort eng wird. Indem wir erkennen, was für jeden einzelnen von uns notwendig ist zu sagen. Aber soll nicht mehr drin sein als das zu bejahen, was allgemein Konsens ist, das, was doch nicht zu ändern ist („glücklich ist, wer vergißt!“) einfach zu übernehmen?
Und seit wann haben wir uns dorthin zu begeben, wo Jelinek selbst zu eng wird? Warum überhaupt nimmt jemand auf sich etwas zu sagen, was für jeden einzelnen von uns notwendig zu sagen ist? Ist die Abweichung von einem allgemeinen Konsens, sollte es einen geben, gleich seine vollständige Umkehr? Und sollen wir jetzt alle Wiener werden, indem wir uns zurück ins Neunzehnte Jahrhundert versetzen lassen, im Walzer, um jegliche Revolution zu vermeiden? Ist dann eine Änderung gleich einer blutigen Revolution, ist denn jeglicher Konsens, zum Beispiel auch über eine politische Position eines Dichters, in Frage zu stellen, nur weil ein einzelner Dichter für seine unakzeptable politische Position einen ganz speziellen Preis bekommen möchte, zu allen anderen, die er schon hat, angewidert von der ganzen Maschinerie der Preisverleihungen?

Was wäre das für ein Denken, ich meine ein Fortdenken im Hinblick auf das Hinschreiben, das nur im Hinblick auf ein feststehendes Ergebnis denkt und schreibt und nicht dagegen? Dagegen auch, wenn es weiß, daß es vielleicht falsch ist? Das, was von der Allgemeinheit gesagt wird und also gesagt werden muß (der berühmte Konsens über etwas), läßt dem Dichter keine Möglichkeit mehr übrig, etwas zu sagen, da alles schon ausgerechnet, zusammenaddiert und saldiert ist. Das, was allgemein und der Allgemeinheit (und die Gemeinheit bereits enthält) gesagt werden muß, entscheidet nicht darüber, ob einem Dichter etwas zu sagen nötig scheint, und wäre es das absolut Unnötige, Überflüssige, Sinnlose. Der Dichter hat, was er zu sagen hat, zu sagen, weil es ihm notwendig ist, es zu sagen, aber er hat nicht das Notwendige zu sagen, sonst hätte er gar nichts mehr zu sagen. Sonst hätte er nur noch zu erledigen, was erledigt werden muß. Das ist zuwenig.
Dasselbe noch einmal in Grün, Jelinek schreibt immer gerne in Umschreibungen des Geschriebenen. Klar, de Sade und Genet dürfen vom Konsens der Gemeinheit abweichen. Die Liste der Beispiele könnte man fortsetzen. Wurden sie dafür gepriesen, speziell für ihre politische Position?
Und klar auch, die Literatur soll nicht nur nützlich sein, dienen, erledigen. War denn darüber die Rede?

So, und jetzt darf ich mich endlich Handke und seiner Stellungnahme anschließen, die Lügen und Halbwahrheiten von der Rechnung abziehen (die rote Rose auf Milosevics Sarg – also wirklich! Vielleicht macht man aus ihm noch einen Sargspringer wie in der großartigen US-Familienserie „six feet under“!), die längst getätigten Klarstellungen noch einmal vom tiefen ins seichte Wasser ziehen, damit man sie genauer sieht (Handke hat das alles selber längst richtiggestellt, vor allem den entsetzlichen Vergleich des Schicksals der Serben mit der Vernichtung der Juden), das hätte man alles längst nachlesen können.
Hier bezieht sich die Schriftstellerin offensichtlich auf den Text von Handke in der FAZ vom 29.5.2006. Jelinek schreibt unter dem Eindruck davon, am nächsten Tag, zutiefst betroffen. Sie glaubt ihm so sehr, dass all seine anderen, von dem Selbstverteidiger Handke darin nicht erwähnten Faupas ausgeblendet werden, sie werden somit auch von der Rechnung abgezogen.

Was an dem, was er geschrieben hat, richtigzustellen ist, ist nichts, denn er darf alles schreiben. Was an dem, was er gesagt hat, richtigzustellen war, hat er getan, und das Vor-Sich- Hin-Denken, in dessen Verlauf das Niederschreiben (nicht das Nieder-Schreiben) von Gedanken entsteht, das schreibende Denken über etwas, das Denken im Zeitablauf, muß immer ein Anfang sein, es muß bei Null anfangen, nicht bei der veröffentlichten Meinung, es hat sich nicht an irgendwelche Lehren zu halten, es muß immer wieder neu anfangen, als wäre davor nie etwas gedacht worden. Mich hat immer gewundert und auch geärgert, daß Handkes Schlüsselstück über das ehemalige Jugoslawien, „die Fahrt im Einbaum“, in der Debatte kaum je erwähnt worden ist. Ich habe das Stück gelesen und die Aufführung in Wien (in der Regie Claus Peymanns) gesehen: In diesem Stück ist doch alles drin. Es ist doch alles gesagt. Da steht es ja. Es ist mehr (und gleichzeitig weniger) als alles gesagt.
Er darf in der Tat alles schreiben, das tut er übrigens auch. Und er darf genauso gerne sein Schlüsselstück weiter auf die Bühne bringen, falls die Regie alle Hintergründe aufzudecken vermag. War das das Thema?

Der Dichter sagt alles, indem er nicht alles sagt, und gerade darin ist alles gesagt.
Das würde sogar ich unterschreiben. Im Bezug auf Handke ganz insbesondere. Hätte er weniger gesagt, sich weniger deutlich als Dichter politisch auf die Seite des Milosevic gestellt, hätte man das vielleicht weniger in Frage gestellt. Dann wäre es Dichtung und nicht die blamable Politik.


So kann ich mit Handke nur das Mindeste erwarten, was zu erwarten ist, nämlich möglichst alles zu lesen, was er in den letzten Jahren zum Balkankonflikt und seinen blutigen Kriegen, Nachbar gegen Nachbarn, geschrieben hat. Lesen und dann reden, aber nicht hetzen. Sonst wagt man sich zu weit vor, und dann haben sogar die Hunde, die treuen, einen verlassen (ihr klagendes Gebell hört man allerdings noch lang), und die guten Geister verlassen einen auch irgendwann, und dann wird es nur noch geistlos.
Das einzige Problem hier bleibt, dass es ein anderes Thema ist: Handke wird nicht gejagt und nicht verjagt, nur die Verknüpfung Handke-Heinepreis will nicht akzeptiert werden. Heine hat nie einen Diktator verteidigt oder gelobt. Heine schaffte es immer, seine Ironie für alle zugänglich zu gestalten, begreiflich, pointiert, unmißverständlich. Ich möchte mit seiner politischen Position im Konsens sein und nicht mit der von Handke, umsomehr dass ich - genauso wie Jelinek - sie, die politische Position von Handke, nicht teile. Und noch was: Ich habe diese Aussage bis zum Ende des geschriebenen Schreibens nicht vergessen.

Feine Unterschiede in der Darstellung

Ein und dieselbe Nachricht zweimal:

Die israelische Botschaft informiert (Link):

Bei der ersten Operation mit Bodentruppen der israelischen Armee seit der Abkoppelung im vergangenen Sommer haben israelische Spezialeinheiten am Dienstag im Gazastreifen vier bewaffnete Mitglieder des „Islamischen Jihad“ getötet. Acht weitere wurden verletzt. Die Männer waren auf dem Weg, Qassam-Raketen von Beit Lahiya im nördlichen Gazastreifen auf Israel abzuschießen. Unterschützt von Kampfhubschraubern eröffneten die Soldaten am Boden das Feuer.

Die Truppen rückten etwa 3 km in den Gazastreifen vor. Abgesehen von vereinzelten Aktionen zur Minensuche entlang des Sicherheitszauns hatte die Armee bis jetzt palästinensische Raketen-Angriffe lediglich aus der Luft und mit Artillerie von israelischem Staatsgebiet abgewehrt.
Die "Süddeutsche" schreibt:

Israelische Truppen sind erstmals seit ihrem Abzug vor acht Monaten wieder in den Gazastreifen eingedrungen und haben dort vier Palästinenser getötet. [...] Israelische Soldaten überschritten die Grenze zu Gaza am Dienstag vor Morgengrauen und setzten sich in der Nähe der früheren jüdischen Siedlung Dugit fest. Dort eröffneten sie das Feuer auf Kämpfer der Organisation Islamischer Dschihad. In dem Gefecht kamen drei Mitglieder des Islamischen Dschihads ums Leben. Bei dem vierten getöteten Palästinenser handelt es sich um einen Polizisten der Truppe 17, die für den Schutz des palästinensischen Präsidenten Mahmud Abbas zuständig ist. Die israelischen Truppen, Boden wurden aus der Luft von Kampfhubschraubern unterstützt. Die Truppen verließen den Gazastreifen nach etwa fünfstündigen Kämpfen.
Die Militäraktion stellt eine Änderung der bisherigen Strategie Israels im Kampf gegen Raketenangriffe dar. In den vergangenen Monaten gingen die Streitkräfte mit gezielten Luftangriffen gegen Extremisten vor, konnten die Angriffe auf israelisches Territorium aber nicht stoppen. [...]
Die Zeitung beruft sich auf Meldungen der Agenturen AP und dpa. Bei AP steht allerdings (Link):

An Israeli helicopter fired a missile in northern Gaza early Tuesday, killing three militants and wounding four, Palestinian security and hospital officials said.

The officials said the incident began with a gun battle across the border, and then the helicopter fired the missile.

The Israeli military had no immediate comment.

The area where the clash took place is a frequent flashpoint. Palestinian militants fire rockets and Israel from there, and there are frequent infiltration attempts by unarmed Palestinians seeking work in Israel and armed militants trying to carry out attacks.
Und die dpa-Meldungen bei anderen Zeitungen sehen so aus (Link):

Bei dem ersten tieferen Vorstoß Israels in den nördlichen Gaza-Streifen seit dem Abzug im vergangenen Sommer sind vier Palästinenser getötet worden.

Eine Armee-Einheit drang bis in den Bereich Beit Lahia im nördlichen Gaza-Streifen vor. Ein Sprecher des Islamischen Dschihad sagte, Mitglieder seiner Gruppierung hätten dort einen Raketenangriff auf israelische Grenzorte vorbereitet.

Die israelische Einheit lieferte sich ein heftiges Gefecht mit den Kämpfern. Dabei setzte die Armee den Angaben zufolge auch einen Hubschrauber ein, der Raketen auf die militanten Palästinenser feuerte. Mindestens 13 weitere Palästinenser wurden verletzt.
Man hätte wählen können:

1. Nennt man die Getöteten "bewaffnete Mitglieder einer terroristischen Organisation, die einen Raketenangriff vorbereiteten", oder einfach nur "Palästinenser". Die Zeitung entschied sich für die überbetonte Gegenüberstellung: Hier - friedliche Widerstandskämpfer, dort - eine Armeeinvasion.
2. Erwähnt man die Vorbereitung des Raketenangriffs überhaupt oder nicht. Die Zeitung erwähnte die Raketenangriffe erst am Rande des Berichts ohne den Zusammenhang herzustellen. Der Eindruck des Lesers - Israelis hätten ohne jeglichen Grund angegriffen.
3. Geht man den Berichten vor Ort über den Vorfall nach oder nicht. Die Zeitung hat den poetischen Ton gewählt ("Morgengrauen"), Fakten nicht recherchiert und zum Teil verschwiegen.

Zur Verfügung stehen zum Beispiel

"Jerusalem Post" (Link):

Operating on precise intelligence, the troops laid an ambush in the northern Gaza village of Beit Lahiya. Backed up by IAF helicopter fire, they opened fire at a terror cell they spotted on its way to launch Kassam rockets. Four Palestinians were killed and eight were wounded during the clash, which lasted close to five hours and ended just before dawn.[...]
Oder "Haaretz" (Link):

[...] an Israeli special forces unit killed four Palestinian members of a Qassam-launching cell in northern Gaza as they were preparing to fire a rocket at Ashkelon.

The IDF said that small special forces teams have been operating in northern Gaza for about two months, but it finally decided to publicize it Tuesday, because the results of Tuesday's operation were impossible to hide. The senior officers explained that such operations generally have a cumulative effect, by undermining the Qassam-launching cells' sense of security and restricting their freedom of action.

"The IDF's large-scale activity against Qassam rocket launches in the Strip will continue by air, sea and land, in order to stop the firing," Defense Minister Amir Peretz pledged at the cabinet meeting Tuesday.

The IDF believes that infiltrating Gaza does not place the soldiers at unreasonable risk, since they are skilled, experienced teams and operate with a broad backup network. The senior officers also noted that this practice enables Israel to hit terrorists with precision, reducing the risk of civilian casualties, which sometimes occur during aerial strikes or artillery bombardments. No civilians were killed in Tuesday's operation.
Es gibt eigentlich noch eine ganze Reihe weiterer feine Unterschiede (eine Rakete wurde abgefeuert, landete auf dem Gazagebiet; der angebliche Polizist eilte den Jihad-Leuten zur Hilfe anstatt seinen Aufgaben nachzugehen, unter den Verletzten befanden sich zwei palästinensische Reporter etc.), aber die wichtigsten habe ich schon aufgelistet.

Pallywood 1

Eine bebilderte Sammlung der präparierten und umbeschrifteten Fotos, kommentiert von Lee Kaplan (Link). Darunter auch der Link zum berühmten Film über die inszenierte Tötung des Mohammed al Durra (andere Schreibweise Al-Dura), ein Kommentar ist bei Gudrun Eussner zu lesen..

29.5.06

Robert James Woolsey über die Situation in Palästina

Einige Publikationen werden sofort von allen aufgegriffen, zitiert, diskutiert. Die anderen werden ignoriert oder verschwiegen. Warum nur? Kann man das voraussagen? Die Situation im Krisengebiet "Israel-palästinensische Autonomie" lädt zur Diskussion ein. Neulich ging es darum, den eventuellen Einfluss der Israel-Lobby zu ergründen, die Politik der israelischen Regierung zu kritisieren. Jeder der zum Thema erschienenen Aufsätze wurde genau verfolgt.

Zu den realen Verhandlungen des israelischen Ministerpräsidenten Olmert mit dem Präsidenten der USA Busch erschien ein Artikel, der mit der seltenen Emphase die Beschleunigung des Verhandlungsprozesses um die Bildung des palästinensischen Staates in Frage gestellt hat. Dieser Artikel wurde von dem ehemaligen CIA-Direktor Woolsey in "The Wall Street Jornal" am 23.5 geschrieben. Keine Diskussion, keine Besprechung, sogar unter den Bloggern - nur zwei-drei Meldungen. Kann mir das einer erklären?

Der Mann gehört dank seiner Tätigkeit zu den informiertesten Politikern. Wenn er etwas sagt, und das tut er nicht so oft, dann soll es einen Sinn haben. Ist es schon wieder die Israel-Lobby? Ist es ein Falke, der da spricht? Oder ist es eine ernstzunehmende Warnung? Ich zitiere einige Fragmente:

Israel’s Prime Minister Ehud Olmert is in Washington, where he will be asking for advice and assistance in financing the withdrawal of 50,000 to 100,000 Israeli settlers from 90% to 95% of the West Bank and major portions of Jerusalem, and for the Israeli Defense Forces (IDF) to be repositioned largely near the security barrier Israel is constructing. Most Americans are inclined to believe that such disengagement may be a reasonable step toward a two-state solution, even if some territorial disputes remain to be negotiated. It is also widely assumed that Palestinian hostility to Israel is fueled by despair that can only be reduced by Israeli concessions. Both assumptions, however, may be fundamentally flawed.

The approach Israel is preparing to take in the West Bank was tried in Gaza and has failed utterly. The Israeli withdrawal of last year has produced the worst set of results imaginable: a heavy presence by al Qaeda, Hezbollah and even some Iranian Revolutionary Guard units; street-fighting between Hamas and Fatah and now Hamas assassination attempts against Fatah’s intelligence chief and Jordan’s ambassador; rocket and mortar attacks against nearby towns inside Israel; and a perceived vindication for Hamas, which took credit for the withdrawal. This latter almost certainly contributed substantially to Hamas’s victory in the Palestinian elections.

The world now needs to figure out how to keep Palestinians from starving without giving funds to a Hamas government in Gaza resolutely focused on destroying Israel. Before his massive stroke last year Ariel Sharon repeatedly said he would not replay the Gaza retreat in the West Bank. With good reason: Creating a West Bank that looks like today’s Gaza would be many times the nightmare. How would one deal with continuing launches of rockets and mortars from the West Bank into virtually all of Israel? (Israel’s Arrow missile defense will probably work against Iranian Medium Range Ballistic Missiles but not against the much shorter-range Katyushas.) A security barrier does no good against such bombardment. The experience in Gaza, further, has shown the difficulty of defending against such attacks after the IDF boots on the ground have departed. Effective, prompt retaliation from the air is hard to imagine if the mortar rounds and Katyushas are being launched, as they will be, from schools, hospitals and mosques. [...]

Three major Israeli efforts at accommodation in the last 13 years have not worked. Oslo and the 1993 handshake in the Rose Garden between Yitzhak Rabin and Yassir Arafat produced only Arafat’s rejection in 2000 of Ehud Barak’s extremely generous settlement offer and the beginning of the Second Intifada. The Israeli withdrawal from Southern Lebanon in 2000 has enhanced Hezbollah’s prestige and control there; and the withdrawal from Gaza has unleashed madness. These three accommodations have been based on the premise that only Israeli concessions can displace Palestinian despair. But it seems increasingly clear that the Palestinian cause is fueled by hatred and contempt.

Israeli concessions indeed enhance Palestinian hope, but not of a reasonable two-state solution — rather a hope that they will actually be able to destroy Israel. The Iranian-Syrian-Hezbollah-Hamas axis is quite explicit about a genocidal objective. When they speak of “ending Israeli occupation” they mean of Tel Aviv. Under these circumstances it is time to recognize that, sadly, the Israeli-Palestinian issue will likely not be the first matter settled in the decades-long war that radical Islam has declared on the U.S., Israel, the West and moderate Muslims — it will more likely be one of the last.

Someday a two-state solution may become possible, but it is naive in the extreme to believe that this can occur while the centerpiece of the radical Islamic and Palestinian agendas is maximizing Jewish deaths. [...]

Today we cannot envision the 250,000 Jewish settlers who live outside Israel’s pre-1967 borders being permitted to live at all, much less live free and unmolested, in a West-Bank-Gaza Palestinian state. But some 1.2 million Arabs, almost all Muslim, today live in Israel in peace among some 5 million Jews — about double the percentage of Jews now in the West Bank as a share of the Muslim population there. Israel’s Arab citizens worship freely — one hears muezzins calling the faithful to prayer as one walks around Tel Aviv. They vote in free elections for their own representatives in a real legislature, the Knesset. They give every evidence that they prefer being Arab Israelis to living in the chaos and uncertainty of a West Bank after Israeli withdrawal.

A two-state solution can become a reality when the Palestinians are held to the same standards as Israelis — to the requirement that Jewish settlers in a West Bank-Gaza Palestinian state would be treated with the same decency that Israel treats its Arab citizens. Until then, three failures in 13 years should permit us to evaluate the wisdom of further concessions.

28.5.06

Peter Schäfer "informiert"

Im neuesten Beitrag zur Situation in den palästinensischen Autonomiegebieten stellt sich Peter Schäfer wieder viel zu deutlich auf die propalästinensische Seite. Auch wenn das nicht mehr neu ist, bleibt es trotzdem kritikwürdig. Er schreibt:

Zum gleichen Zeitpunkt befand sich Ramallah in Trauer. Läden, Restaurants und Cafés waren geschlossen, weil die israelische Armee am Mittwoch um die Mittagszeit ins Stadtzentrum [extern] einrückte, vier Menschen erschoss und über 60 verletzte. Ein Angriff von vielen. So zeigt Israel bisher kein Interesse am Friedensvorschlag der palästinensischen Gefangenen.
In Wahrheit (unzählige Quellen weltweit sind sich darin einig) kam eine israelische Einheit nach Ramallah, um einen Führer des Islamischen Jihad zu verhaften (diese terroristische Organisation führt ununterbrochen Anschläge gegen Israel aus). Während Soldaten das Haus von Schobaki (Schubaki, nach anderen Quellen) umzingelten, wurden sie angegriffen, mit Steinen beworfen und beschossen. Verstärkung musste eingefordert werden. Nach einer Stunde ergab sich Schubaki und die Armee zog sich zurück. Dabei ergab sich ein skurilles Beispiel für die Zusammenarbeit der Feinde: Al-Jazeera war begeistert über die Möglichkeit, die Straßenkämpfe live zu übertragen. Israelis konnten dank dieser Übertragung die Position der Angreifer orten und sie blockieren.
Also eine Verhaftung, kein Angriff!

Außerdem: Zu dem Friedensvorschlag haben Israelis auch beigetragen, indem sie die Vorschläge der Terroristen, die in lebenslanger Haft nach der gerichtlichen Verurteilung sitzen, an Abbas weitergeleitet haben. Laut Schäfer sagte Abbas über sie Folgendes:

Die Gefangenen sind sauber und nur Gott weiß, wann sie freikommen.
Sauber! Die Gefangenen! Schreibt Peter Schäfer nicht zu propagandistisch? Den Gipfel seiner Nachforschungen bildet sein Interview mit einer besonderen Autorität:

"Die Fatah hat Israel damals anerkannt, und es hat uns überhaupt nichts eingebracht", so ein Hamas-Mitglied gegenüber Telepolis.
Soll man jede Desinformation publik machen?

27.5.06

Michael J. Totten über Ramallah

Vor einigen Wochen habe ich mit Interesse Reisenotizen einer deutschen Journalistin bei Perlentaucher gelesen, und daraus sogar zitiert. Ute Ruge beschreibt darin viel, lässt die Straßen und Menschen mit ihren Augen sehen. Am Ende bleibt leider nicht viel übrig - zu wenig Substanz.

Im Vergleich dazu sind Eintragungen von Michael J.Totten eine enorm dichte, anregende, sehr informative Quelle. Konkret: Der neueste Text über seine Reise nach Ramallah ist einfach toll. Seine Gespräche, u.a. mit führenden Politikern darin sind viel sagend, sowohl im positiven als auch im negativen Sinne. So lobe ich mir einen Journalisten!

Nur ein kleines Beispiel, das Gespräch mit einem Palästinenser:

“Did the intifada help or hurt the Palestinian cause?” I said.

“Both intifadas were created by the Israelis,” he said. “They fed it and benefited from it. It was very bad for us. Daily life changed. Roadblocks. Factories closed down. Officials lost their respect among us. They lie all the time and won’t help us.”

26.5.06

Günter Grass: schnörkellos oder nicht?

Nichts ist es mehr so, wie es mal war. Schriftsteller wollen Politiker sein, Pamphlete schreiben, große Reden halten, Moral predigen. Oder auch umgekehrt. Einmal alt geworden, merken sie plötzlich, dass sie nicht so politisch aktiv sind, wie Seneca, Dante oder Leo Tolstoj ihrerzeit. Schriftsteller sind auch Menschen, wie auch Blogger, sie müssen halt nur nicht so genau sein. Die neueste Rede, die Günter Grass gehalten hat, liefert ein schönes Beispiel dafür.

Ein deutscher Schriftsteller Grass sieht seine Aufgabe darin, die Politik der USA-Regierung zu kritisieren. Bei ihm zu Hause ist dagegen alles sauber. Ach nein, ein Kritiker hat sich doch erlaubt zu mucksen. Grass prangert an:

Im Dezember des letzten Jahres wurde in Stockholm die Nobelpreisrede Harold Pinters veröffentlicht. In seinem beispielhaft schnörkellosen Text sprach sich der Dramatiker zuerst als Schriftsteller, dann als englischer Staatsbürger aus. Als seine bittere, niemanden schonende, also unser aller Versagen und rücksichtsvolles Bemänteln offenlegende Rede vorlag, löste sie hierzulande bis ins Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung blindwütige Attacken aus. Ein Theaterkritiker namens Stadelmaier versuchte Pinter als Altlinken, dessen Bühnenstücke längst passé seien, lächerlich zu machen und abzutun. An der Offenlegung von Wahrheiten, die hinter Beschwichtigungen und einem Gespinst von Lügen versteckt waren, wurde Anstoß genommen.
Harold Pinter hat tatsächlich einen brisanten politischen Text geschrieben, der in seiner Abwesenheit vorgetragen wurde, nämlich am 7. Dezember 2005. Das stimmt. Ob dies zu der Zeremonie der Nobelpreisverleihung passt, ob es sozusagen nobel ist, sei dahingestellt. Ich würde sagen, das darf ein Literat tun. Pinter hat dabei keinen Kritiker für die Kriegsverbrechen verdammt. Und hat seine Rede nicht schlechter geschrieben, als ein Michael Moore das tun würde, eben schnörkellos.

Zurück zu Grass. Der Aufsatz von Gerhard Stadelmaier, in dem der Kritiker die Verleihung des Nobelpreises in Frage gestellt hat - aus Gründen der Qualität, - ist in der FAZ am 13. Oktober 2005 erschienen. Nicht nach der Rede, sondern fast zwei Monate früher! Darin ironisiert Stadelmaier:

Wenn die Schwedische Akademie Harold Pinter für dessen Dramen zu dessen längst vergangener, also im besten und obenzitierten Sinne unmoralischer Zeit mit dem Literaturnobelpreis geehrt haben will und wenn sie das merkwürdigerweise im Jahr 2005 tut, dann muß die Akademie, deren peinliche Zwischendurch-Fehlentscheidungen sich langsam zu einer komischen Liste addieren, vor dem Pinter, wie er heute und seit gut zwanzig Jahren leibt und schreibt, derart die Augen verschlossen haben, daß es fast schon an Blindheit grenzt - oder an Ratlosigkeit. Oder an eine Privatmarotte eines der Akademiemitglieder. Alles zusammen beschädigt langsam, aber sicher den Ruf der Akademie. Oder die allgemeine Hochschätzung des Literaturnobelpreises hätte ihr Äquivalent allein in der hohen Dotierung - nicht in hoher Qualität.

Denn wenn es inzwischen einen Autor gibt, der einem sein „Anliegen” aufzudrängen versucht, der keinen Zweifel an seinem menschlichen Wert, an seiner Nützlichkeit, seinem Altruismus, seiner politischen Güte und Korrektheit aufkommen läßt, der sein Herz auf dem rechten, das heißt hier natürlich linken Fleck zu haben behauptet, und das exakt dort pulsiert, wo man in seinen Arbeiten Charaktere sehen müßte, aber nur noch leere Definitionen und hohle Klischees sieht - dann ist dies Harold Pinter. Er hat unsagbare banale, aber halt auch unsäglich brave, aufrechte, wütende Gedichte gegen den Irak-Krieg geschrieben. Er hat Mr. Blairs „Arschlecken gegenüber dem Big Business” gegeißelt. Er hat die Vereinigten Staaten von Amerika für einen GULag (ein einziges Straflager) gehalten. Er hat Freiheit für den braven serbischen Freiheitskämpfer Milosevic gefordert, den andere für einen Diktator und Schlächter halten. [...]

Harold Pinter ist zu einem intellektuellen Stammtisch-Dramatiker geworden, der mit der Faust auf den Tisch haut und: „Das mußte einfach mal gesagt werden!” dröhnt. Daß die Papiere wackeln. Und die Moral überschwappt. Hier spreizt und produziert sich ein eingebildet Engagierter. [...]

Wahrscheinlich weiß die Schwedische Akademie selbst nicht so recht, was sie will. Sie greift weniger nach Literatur. Sie greift mehr nach irgend einem Namen. Und hält sich daran fest. Der Name Pinter ist ein Halm, der stark und streng nach trocken Stroh riecht.
Ähnlich kritisch, wenn auch milder in der Beurteilung der Stücke von Pinter ist Peter Münder, der sich am 11. November 2005, also vier Wochen vor der Rede, in einem Internetforum äußerte:

Wie erklärt sich nun Pinters radikales Umdenken, seine Flucht aus dem Elfenbeinturm hin zum dezidierten Polit-Engagement?

Sein entscheidendes politisches Erweckungserlebnis hatte Pinter 1985 während eines Besuchs in der Türkei, als er zusammen mit Arthur Miller im Auftrag von PEN-International die Lage verfolgter Autoren und die Situation der Kurden untersuchte und dabei mit brutalen Foltermethoden der damaligen Militärdiktatur konfrontiert wurde. In seinem einfühlsamen Nachruf auf den im Frühjahr verstorbenen Arthur Miller evozierte er noch einmal die deprimierenden Gespräche mit den verfolgten Autoren und erinnerte an ein Dinner beim amerikanischen Botschafter in Ankara, das mit dem Rauswurf der beiden prominenten kritischen Beobachter endete. Der Botschafter hatte die US-Unterstützung für das brutale türkische Regime mit den "besonderen Bedingungen vor Ort", vor allem auch mit der Bedrohung durch die Sowjets begründet, während Pinter vehement gegen dieses merkwürdige Demokratieverständnis protestierte und den US-Diplomaten mit der Frage provozierte: "Wie würde es Ihnen denn gefallen, wenn Ihr Penis mit Stromschlägen traktiert würde?" Als Pinter sich dann mit der Bemerkung "Ich glaube, jetzt hat man mich rausgeworfen" an Arthur Miller wandte, reagierte der ebenso prompt wie entschieden und sagte nur "Dann gehe ich mit". Pinter beendete den Nachruf mit dem Satz: "Mit Arthur Miller aus der amerikanischen Botschaft in Ankara rausgeworfen zu werden, das war einer der stolzesten Momente in meinem Leben".

Zweifellos hat diese emotional aufwühlende Erfahrung, die Begegnung mit gefolterten türkischen und kurdischen Autoren wie auch die Konfrontation mit der Arroganz der Macht in Gestalt eines ignoranten amerikanischen Diplomaten, bei Pinter einen Prozess der politischen Neuorientierung ausgelöst und aus dem ehemaligen Laissez-Faire-Briten einen radikal denkenden Demokraten gemacht. In Stücken wie "One for the Road" ("Noch einen Letzten") und "Mountain Language" ("Bergsprache") hatte Pinter dann diese Eindrücke thematisiert, indem er das brutal-bedrohliche Verhalten von Folterknechten und die Diskriminierung eines Bergvolkes sowie den Verlust einer eigenen Sprache beschrieb.

Sicher sind manche Attitüden und Proteste des Angry Old Man, der seinen Speiseröhrenkrebs nur knapp überlebte, überzogen. Man wird sich auch damit abfinden müssen, dass Harold Pinter seine Dankrede anlässlich der Preisverleihung in Stockholm als eher drastische Gardinenpredigt gestalten dürfte, in der Präsident Bush und Tony Blair als unerträgliche Bedrohung für den Weltfrieden angegriffen werden. Doch die Diskussionen über das politische Engagement dieses streitbaren Preisträgers haben die Auseinandersetzung mit dem literarischen Werk in den Hintergrund treten lassen - dabei sollte der Nobelpreis doch vor allem der Würdigung des Gesamtwerks gelten.

Sicher sind Pinters große Stücke - wie ja auch die faszinierenden Drehbücher der Filme "Accident", "The Servant", "The French Lieutenant's Woman" - schon vor etlichen Jahrzehnten verfasst worden. Doch welcher zeitgenössische Autor hat sich schon so souverän und eindrucksvoll mit dem seit Eugene O'Neill ("Der Eismann kommt") und Ibsen ("Die Wildente") altvertrauten Motiv der Lebenslüge auseinandergesetzt wie Pinter im "Hausmeister"? Da suggeriert sich der obdachlose Hausmeister-Aspirant Davies, dem vom gutmütigen Aston ein Quartier angeboten wird, zwar selbst permanent, eines Tages werde er bestimmt seine Papiere aus Sidcup holen und sich dann einen herrlichen Schuppen bauen. Doch er verstrickt sich in bösartige Intrigen, spielt Aston gegen dessen geschäftstüchtigen Bruder Mick aus und hat am Ende alles verspielt - ohne Zukunftsperspektive und Quartier muss diese zum ewigen Vagabundieren verdammte tragische Figur wieder von vorn anfangen und sich neue Lebenslügen zurechtzimmern, um sein Scheitern zu rechtfertigen.

In diesem frühen Stück demonstriert Pinter schon seine große Kunst, hinter banalen Alltagsphrasen bedrohliche Dimensionen ungefilterter, bis ins Paranoide gesteigerter Ängste und Aggressionen aufflackern zu lassen. Seit Tschechow hat sicher kein Dramatiker so nuanciert und elektrisierend den Subtext unterhalb konkreter Inhaltsebenen mit dramatischen Spannungsmomenten aufgeladen und damit auf eine bedeutungsschwangere Beziehungsebene transponiert. Das ergibt dann wohl den immer wieder beschworenen "pinteresken" Aspekt der Stücke, der zwar mehr oder weniger diffus an Kafka erinnert, der aber immer noch ganz unvergleichlich ist.
Grass irrt sich also: Kritiker haben nicht die Rede Pinters lächerlich gemacht. Sie haben die Nobelpreisverleihung in Frage gestellt. Dafür sind sie da, die Kritiker. Wer hat sich nun lächerlich gemacht?

Sein Verteidigungsobjekt Pinter sagte in der Rede:

Moralpredigten gilt es unter allen Umständen zu vermeiden. Objektivität ist unabdingbar.
Oha, wen meinte Pinter denn?

25.5.06

Art Buchwald: Vertraue deinen Nieren nie!

Einer der liebenswürdigsten amerikanischen Satiriker, Art Buchwald, dessen Kolumne ich seit Jahrzehnten gerne lese und den ich genauso gerne mit Mark Twain vergleiche, hat einen schönen Essay über seine Genesung geschrieben. Ich hätte den Text vielleicht übersetzen sollen, aber sein English ist so fein. Einige Fragmente:

Heaven Can Wait

Even though I'm in a hospice, I'm not going to Heaven immediately. [...]

For those who have been wondering what this is all about, it has to do with the fact that my kidneys weren't working and I didn't want to take dialysis, which is a machine you are attached to three times a week for five hours.

In February I was warned that if I didn't take dialysis I wouldn't survive more than two or three weeks.

Since I didn't want dialysis, I decided to move into a hospice and go quietly into the night.

For reasons that even the doctors can't explain, my kidneys kept working, and what started out as a three-week deathwatch has turned into nearly four months.

When word got out that I was in a hospice, I became a celebrity. I was on all the TV shows and the notice of my intentions was in all the papers, including The Washington Post and the New York Times, which made it valid.
[...]
Then the mail poured in. People were pleased that I had made my own choice. The letters and e-mails were in the thousands.

At the same time, friends came to the hospice to say goodbye. Everybody felt they should make the pilgrimage. They came with flowers, cheesecake and corned beef sandwiches.

I sat in the salon of the hospice and, pretty soon, when people came to see me, it was as if they were visiting Lourdes. They came to be blessed and cured.

Since I was expected to die soon, the French ambassador gave me the literary equivalent of the Legion of Honor. Because of the publicity I've gotten, the National Hospice Association made me man of the year.

I never realized dying was so much fun.

Then a few weeks ago, my doctor said I had to change course. [...]

Things I didn't care about because I was going to die, I now had to care about. This included shaving in the morning, buying a new cellphone that works, rewriting my living will and scrapping all the plans for my funeral. I also had to start worrying about Bush again.

Alas, the people who come to visit me now look at me with great suspicion. They want to know if the whole thing was a scam. They can't believe, after I said goodbye, I'm going to Martha's Vineyard instead of Paradise.

I called up the TV stations and the newspapers and asked them if they would make a correction and retract the original story. They said they never correct stories about people who claimed they were dying and didn't.

This is where I am now. I'm writing a book called, "Standby in Heaven: The Man Who Wouldn't Die."

I'm still seeing friends, but instead of saying farewell we discuss the Redskins.

So, dear reader, I hope you don't feel you were duped. The moral of this column is: Never trust your kidneys.
Das erinnert mich ein wenig an den Roman "Die Glocken von Bicêtre" von Georges Simenon, mutatis mutandis. :-)

20.5.06

Ärzte wissen alles

Die Meldung über die gezielte Tötung des Anführers der Islamischer Dschihad in Gaza wird bei der "Tagesschau" so eingeführt:

Der bei dem Luftangriff der israelischen Armee getötete Dschihad-Anhänger war nach Angaben von Ärzten Hintermann für zahlreiche Angriffe auf Israel in den vergangenen Jahren.
Anstatt des Anführers - ein Anhänger. Na ja, die Ärzte wissen es halt besser, geröntgt, einmal Blutgasanalyse und eine Biopsie - und die Diagnose fertig: Hintermann!

16.5.06

Rabbi Sussja noch einmal

Nach einer langen Suchaktion habe ich zwei Bücher gefunden, in denen über Rabbi Sussja in etwa dieselben Geschichten aufgeschrieben sind. Aus meiner Sicht zeigt sich in den kleinen und großen Abweichungen die mündliche Tradition der jüdischen Überlieferung. In beiden Büchern sind mehrere Aufzeichnungen auch über andere chassidische Rabbiner gesammelt. An einigen Beispielen will ich diese Nuancen aufzeigen, und zwar an den Geschichten, die ich noch nicht zitiert habe.

Über den Elimelech, den Bruder von Sussja, schreibt Chajim Bloch (Chassidische Geschichten, 1929, zitiert nach der Ausgabe Wiesbaden 1996):

Einst sagte er zu seinem Schüler [...]: "Wenn sie nur aufhören wollten, mich zu verfolgen und mich zwei Jahre in Ruhe ließen, brächte ich die Kraft auf, die Ankunft des Messias zu erzwingen und die vollkommene Erlösung herbeizuführen." (S.121)
Dieselbe Geschichte bei Eli Wiesel (Chassidismus, 1972, zitiert nach der Ausgabe Freiburg 1988):

"Hätte man mich zwei Jahre lang in Ruhe gelassen, dann hätte ich erreicht, dass der Messias kommt." (S.124)
Wiesel erzählt die Pointe prägnanter, traut seinem Leser mehr Hintergrundwissen zu.

Ähnlich sieht es mit der folgenden Geschichte aus. Bei Bloch:

Einst sprach Rabbi Elimelech: "Meine Seele entsinnt sich, wie sie am Berge Sinai gestanden hat und wer beim Empfang der Lehre in ihrer Nähe war." (S.123)
Wiesel meistert die Darlegung viel klarer und bildhafter:

"Ich erinnere mich ausgezeichnet an die Offenbarung auf dem Berge Sinai. Ich sehe nicht nur mich selbst dort, sondern auch die Seelen zu meiner Rechten und zu meiner Linken." (S. 126)
Zum Schluss noch eine Geschichte, in der Ausführung von Eli Wiesel:

Von allen Schülern des Maggid [...] war Rabbi Sussja der einzige, der nicht die Reden des Lehrers wiederholte. Hier der Grund dafür: Sobald der Maggid den Mund öffnete, verfiel Sussja bereits in einen Begeisterungstaumel und stieß solche Schreie aus, dass man ihn hinausschicken mußte. Und wie hätte er wiederholen sollen, was er nicht gehört hatte? (S.119)


13.5.06

Mearsheimer und Walt: Hintergründe

Nachdem wir einigermaßen klar sehen, wie Tony Judt zu seinem antizionistischen Manifest kommt, zu welchem er immer wieder nachlegt (Israel sei ein "political anachronism"), ist ein Blick in die Richtung der beiden Autoren des ersten Protokolls, Mearsheimer und Walt, aufschlussreich. In einem Interview erzählt John Mearsheimer, wie er den Weg zu seinen Ideen gefunden hat.

Mearsheimer was hawkish about Israel until the 1990s, when he began to read Israel's "New Historians," a group of Israeli scholars and journalists (among them Benny Morris, Avi Shlaim and Tom Segev) who showed that Israel's founders had been at times ruthless toward Palestinians. Mearsheimer's former student Michael Desch, a professor at Texas A&M, recalls the epiphany: "For a lot of us, who didn't know a lot about the Israel/Palestine conflict beyond the conventional wisdom and Leon Uris's Exodus, we saw a cold war ally; and the moral issue and the common democracy reinforced a strong pro-Israel bent." Then Desch rode to a conference with two left-wing Jewish academics familiar with the New Historians. "My initial reaction was the same as John's: This is crazy. [They argued that] the Israelis weren't the victims of the '48 war to destroy the country. Ben-Gurion had real doubts about partition. Jordan and Israel talked about dividing up the West Bank together. All those things were heretical. They seemed to be coming from way, way out in left field. Then we started reading [them], and it completely changed the way we looked at these things." Mearsheimer says he had been blinded by Uris's novel. "The New Historians' work was a great revelation to me. Not only do they provide an abundance of evidence to back up their stories about how Israel was really created, but their stories make perfect sense. There is no way that waves of European Jews moving into a land filled with Palestinians are going to create a Jewish state without breaking a lot of Palestinian heads.... It's just not possible."
Es ist inzwischen bekannt, dass Benny Morris (Link) und Tom Segev (Link) den Essay der beiden Profs sehr negativ bewertet haben. Ihre Arbeiten dürfen trotzdem dafür verantwortlich gemacht werden, dass dieser Essay entstanden ist. Bezeichnend, dass Professoren naiv zugeben: Ihre Kenntnisse auf dem Gebiet entstammen einem Film und einer selektiven Lektüre, ohne jegliche Überprüfung der vorhandenen Literatur, bzw. Kritik. Sie zitieren Morris und - wie auch Judt - ignorieren Karsh, obwohl Morris selbst längst zugegeben hat, dass seine eigenen Arbeiten im Lichte der Kritik von Karsh nicht der Wahrheit entsprechen ("My treatment of transfer thinking before 1948 was, indeed, superficial." - Link)

So ist die neulich zusammengestellte Kette zu erweitern: Es waren zuerst doch die israelischen Revisionisten, deren Bücher immer noch den bestimmenden Einfluss, u.a. auch auf die unbelesenen Professoren so weit ausüben, dass daraus die unwürdige Polemik entsteht, die sogar die Revisionisten daraufhin als unwissenschaftlich und antisemitisch bezeichnen. Über den völlig unwissenschaftlichen Umgang mit den historischen Fakten in dem Essay schreibt z.B. Robert Fine sehr klar - Link:

All we might learn is how an excess of enthusiasm for the anti-Israeli cause can pave the road from radical criticism to dangerous conspiratorial nonsense.

So schliesst sich der Kreis. Ob Morris und Segev sich dessen bewußt sind?

9.5.06

Tony Judt zitiert. Noch einmal

Durch die Klärung der Hintergründe für den Artikel über die Granddame der österreichischen Presse bin ich auf das nächste in Frage kommende Zitat bei Tony Judt gestoßen. Es ist kaum zu glauben - auch hier zitiert er selektiv, besser gesagt tendenziös.

Es geht um den israelischen Journalisten Tom Segev, der für die Zeitung "Haaretz" schreibt. Tony Judt zitiert ihn wie folgt:

Der israelische Journalist Tom Segev beschreibt den Essay als "arrogant", räumt aber dennoch ein: "Sie (Mearsheimer und Walt) haben recht. Hätten die USA Israel vor den eigenen Dummheiten bewahrt, würde unser Leben hier heute besser aussehen. Die Israel-Lobby in den USA schadet Israels wahren Interessen".
Wie wir uns erinnern, das ist die Schlüsselpassage des gesamten Aufsatzes, denn daraus hat die "Süddeutsche" den Titel "Doppelter Schaden" gemacht. Nehmen wir den Abschnitt genauer unter die Lupe und gehen wir deswegen zum Original. Tony Judt:

The Israeli journalist Tom Segev described the Mearsheimer-Walt essay as "arrogant" but also acknowledged ruefully: "They are right. Had the United States saved Israel from itself, life today would be better ...the Israel Lobby in the United States harms Israel's true interests."
Jetzt vergleichen wir das Zitat mit dem, was Tom Segev geschrieben hat. Sein Artikel (vom 23.3.2006) heißt

The protocols of Harvard and Chicago
Auf diese Weise wird der berüchtigte Essay mit einem antisemitischen Klassiker verglichen und als vergleichbar bestempelt. Auch im Text wird der Essay äußert negativ bewertet:

[...]In fact, it can be claimed that U.S. support for Israel reflects the fact that neither country respects the values of democracy, but this claim would destroy the thesis of the two respected scholars. Similarly, they do not confront the fact that the Israeli lobby in the U.S. usually operates by the accepted rules of the game in America, and expresses the view of a majority of Americans.

The article is very arrogant: Most of it is written in the past tense, as though reflecting historical research. In fact, the authors' academic degrees do not make their opinions any more worthy than those of readers of the newspapers that they often cite, including Haaretz, Maariv, Yedioth Ahronoth and the Jerusalem Post. The editor who allowed the two to touch on so many topics that are irrelevant to the issue did not do them a favor: Yitzhak Shamir did in fact operate as a terrorist, but the Britons whose rule he wanted to eliminate also defined the fathers of American independence as terrorists. And who even remembers Shamir today? Similarly, I wouldn't have dragged the murder of Ilan Halimi in Paris into this debate: What for, dear professors? After all, not every anti-Semitic incident in the world is an Israeli invention, wouldn't you agree?

What begins as an attack on Israel and its lobby, soon turns out to be part of a domestic debate: One gets the impression that Walt and Mearsheimer attack U.S. support for Israel because they don't like President Bush. One can understand them. Apparently, they won't be angry if the Israel lobby decides that Bush is bad for Israel, and works against him. Nor would they be opposed if someone were to convince the administration to force Israel to withdraw from the territories.

They are right: Had the United States saved Israel from itself, life today would be better. Therefore, the authors are also correct in the most important argument in their essay, which unfortunately is too incidental: The Israel lobby in the United States harms Israel's true interests. It made the continuation of the occupation and the settlements possible. Its influence led, among other things, to missing out on a peace treaty with Syria and to a loss of the opportunities created in Oslo. The effort to suppress the Palestinian national movement did not enhance Israel's security; on the contrary, it brought Hamas to power.

Now there is great excitement there in America on account of this essay, but maybe not really. Israel's influence is based on an ancient anti-Semitic myth about the Jews who rule the world. This is a myth that is self-fulfilling as long as the world believes in it: If you shatter it, you have eliminated Israel's influence. From that point of view, Walt and Mearsheimer are doing the Israel lobby a good service.
Nach Segev ist der Essay nicht "arrogant", sondern "sehr arrogant". Er beschränkt sich aber nicht auf die Feststellung, dass der Ton der Profs sehr arrogant ist, er erwähnt den polemischen und unwissenschaftlichen Charakter des Textes, betont seine antisemitische Intention und propagandistische Ausrichtung auf die innenpolitischen Probleme der USA. Segev filtert die einzige Invektive heraus, die ihm passt, und beschreibt sie mit eigenen Worten, eignet sie sich an und verwendet sie für seinen innerpolitischen Kampf - nämlich in Israel. Segev ist viel kritischer dem Essay gegenüber als das, was Judt davon wiedergibt.

Judt deutet den Text von Segev um und bringt ihn als eine Unterstützung für Walt/Meirshammer ein. Stellen wir uns vor, er würde den Titel von Segev wiedergeben und seine letzen Sätze komplett zitieren. Hätte die "Süddeutsche" dann seinen Artikel übernommen?

Um den Artikel, den Ton und die Hintergründe der Publizistik von Tom Segev zu verstehen, muß man sich die Rolle der "Haaretz" vorstellen. Shmuel Rosner, einer der anderen Kolumnisten dieser Zeitung, hat treffend gesagt:

Enter the Walt-Mearsheimer study, and some of my readers became confused. Firstly, the study contains many quotes from the newspaper I work for. These quotes are meant to help the authors prove the two claims they are making (I'm saying two because of Judt). But then they read what I have to say and start sending me emails along the lines of: "How can you say this study is flawed when it was built on anecdotes and remarks by Haaretz commentators?"

Some of the readers I answered personally, but I came back to the issue because of the Judt article, in which my newspaper is mentioned three times.

The first reference, in which he doesn't mention the paper, but the name of one of its columnists: "The Israeli journalist Tom Segev described the Walt-Mearsheimer essay as 'arrogant,' but also acknowledged ruefully that, "They are right. Had the United States saved Israel from itself, life today would be better... the Israel Lobby in the United States harms Israel's true interests'."

The second: "It was an Israeli columnist in the liberal daily Haaretz who described the American foreign policy advisers Richard Perle and Douglas Feith as 'walking a fine line between their loyalty to American governments... and Israeli interests'." The columnist, by the way, is Akiva Eldar.

The third: "Daniel Levy (a former Israeli peace negotiator) wrote in Haaretz that the Walt-Mearsheimer essay should be a wake-up call, a reminder of the damage the Israel lobby is doing to both nations."

Now, as proud as this might make me, there's a problem here that's self-evident to any Israeli reading the article (and it doesn't matter to which political wing he belongs). The choices Judt made on whom he was going to quote are either uneducated or biased. You can't take these three (excellent) commentators, and pretend that they represent - well, what exactly do you want them to represent?

The Segev quote aims to prove that the lobby work is "bad for Israel." Is this true? Yes, if you believe in what Segev believes - and most Israelis and Americans don't.

And what about the Eldar quote? This one was meant to prove that "the uncomfortable issues" were aired in Israel, so why not here in America? On this I will say two things: First, you can "air" them here as much as needed, but make sure you don't do it in a manner that Eliot Cohen rightly exposes as anti-Semitic.

Second, don't rely on the bragging Israelis as proof. Israelis are sometimes very narrowly focused on the "Israeli" aspect of every issue, and tend to exaggerate it. So they think Douglas Feith has nothing better to do than to think day and night about Israel? Many of them will say the same about President Bush, or, for that matter, President Clinton. It's not because these people are so preoccupied with Israel as to distort everything else, but because Israelis are so preoccupied with Israel to the extent that they see everything through this narrow hole.

And, since I dealt both with Segev and Eldar, let me add a word about Levy. He was a guest writer for Haaretz. I thought his piece reflected a certain point of view. And, comfortably enough, there was no problem in finding an opposite opinion to use, had Judt wanted to. (Try "Embarrassing and dangerous" by Reuven Pedhatzur here). So why choose him?

As you might understand, this is a very delicate issue for me to write about. These are my colleagues, and this is the paper that pays my salary. However, the truth must be told, and in this case, the truth is that my paper is being used here in a manner that makes me uncomfortable (I'm sure that many Haaretz commentators will not feel the same - that's one of the reasons for which you need more than one person writing for a newspaper, and more than one point of view).

Haaretz is a very good source of news. It is also a good source for commentary, but when it comes to views you have to bear two weaknesses in mind. One, you need to use it in an honest manner, otherwise there's enough fringe material in it as to distort reality. Two, you have to realize that this fine paper does not - repeat, does not - represent the majority view in Israel.

That's why it was so easy for Walt-Mearsheimer to use material from Haaretz in their study. That's where the Judt piece is also somewhat flawed. The great thing about the paper though, is that it gives voice to more than one opinion. Hence, you shouldn't have been surprised to read in my blog my reaction to the study and its aftermath.
Die wichtigsten Stellen noch einmal: Die "Haaretz" vertritt die Meinung einer Minderheit. Es ist bedauerlich, dass sowohl Mearshammer/Walt als auch Judt nur die Meinungen von drei besonders israelkritischen Autoren dieser Zeitung übernehmen und dazu noch für die Meinung ausgeben. Auf diese Weise bedingen und bedienen sie einander. Wir wir darüberhinaus gesehen haben, werden Zitate dazu noch selektiv übernommen und angepasst.

Die Kette sieht somit folgendermaßen aus: 1) Inneramerikanischer politischer Kampf, in dem zwei Autoren versuchen, mit antisemitischen Mitteln die Außenpolitik der eigenen Regierung zu beeinflussen. 2) Innerisraelischer Politkampf, in dem Revisionisten (die seit Jahren versuchen, die Geschichte des eigenen Landes mit falschzitierten Dokumenten umzuschreiben) diesen ersten Auftritt für sich nutzen, um mit antizionistischen Argumenten die Außenpolitik der eigenen Regierung zu beeinflussen. 3) "Israelkritische" Stimmen nutzen weltweit diese Gelegenheit aus, um gegen die Politik des Staates und den Staat Israel selbst aufzutreten. Dabei werden Meinungen und Argumente nur selektiv wiedergegeben. 4) Führende deutschsprachige Zeitungen nutzen die Gelegenheit, um die Debatte einseitig zu präsentieren. Warum nur? Möchte man so gerne "israelkritisch" aussehen, dass alle Methoden dafür gut zu sein scheinen?

8.5.06

Barbara Coudenhove-Kalergi will auch ein Tabu gebrochen haben

Es ist immer hilfreich (wenn auch nicht unbedingt gesund), bei den Antisemiten vorbeizuschauen. Sie freuen sich riesig, wenn irgendwo ein antisemitischer Artikel erscheint und fühlen sich wie bei dem einen oder anderen Parteitag. Heute habe ich nur auf diese Weise den Text von der angeblichen Granddame der österreichischen Presse entdeckt. In der Zeitung "Standard" hat sie auch ein Tabu gebrochen, so viel Mut habe ich von ihr nicht erwartet. Einige Beispiele:

Zwei renommierte amerikanische Wissenschaftler haben ein Tabu gebrochen und damit eine gewaltige Aufregung im US-Blätterwald ausgelöst. Ihre These: Die mächtige "Israel-Lobby" habe seit Jahrzehnten die amerikanische Außenpolitik bestimmt und damit sowohl den Interessen der USA als letztlich auch denen Israels massiv geschadet.
Die beiden sind inzwischen nicht mehr renommiert, das Thema Israel-Lobby ist nie ein Tabu gewesen, die Aufregung in den USA ist ziemlich mäßig, die These selbst wird als unwissenschaftlich zurückgewiesen. Die Granddame hat das Thema aber erst jetzt für sich entdeckt. Ein Volltreffer also.

Ist das alles wirklich gut für Amerika? Und ist es, wie man früher sagte, "gut für die Juden"? Mearsheimer und Walt sagen: nein. Der Anti-Amerikanismus in der arabischen Welt und auch der Terrorismus werden durch das enge Bündnis USA-Israel angestachelt, umgekehrt wird Israel für die Exzesse der US-Besatzer im Irak mitverantwortlich gemacht. Das internationale Image beider Länder hat durch deren enge Verbindung nachweislich gelitten.
Tony Judt lässt grüßen. Ich habe das ungute Gefühl, die Granddame hat fast ein halbes Jahr geschlafen, bis sie den "Doppelten Schaden" mitgekriegt hat. Ist das alles wirklich gut? Gibt es keine Widerlegung von namhaften Fachleuten?

Der hervorragende britische Intellektuelle Tony Judt hält das für falsch. Im Gegenteil, sagt er (in einem unlängst in der Süddeutschen Zeitung veröffentlichten Kommentar), der Missbrauch des Begriffs Antisemitismus durch die "Israel-Lobby" könnte dazu führen, dass eines Tages auch echter Antisemitismus nicht mehr ernst genommen wird, wenn heute jede Israel-Kritik mit diesem Namen belegt wird. Und für die Israelis, meint er, ist der Rekurs auf den Holocaust als Rechtfertigung für eine verfehlte Politik in der Gegenwart erst recht von Übel, ebenso wie das blinde Sich-Verlassen auf den großen amerikanischen Verbündeten.
Das stimmt also doch: Die Granddame hat in der Tat den "Doppelten Schaden" und kennt den Judt-Text nur aus der "Süddeutschen". Und hat der "hervorragende britische" Intellektuelle das echt so gesagt? Nein, zum Begriff Antisemitismus äußerte der "Hervorragende" sich z.B. anders:

Gewiß, Antisemitismus ist eine Realität (keiner weiß dies besser als ich, der in den fünfziger Jahren als Jude in England aufgewachsen ist). Doch gerade deshalb sollte niemand in die antisemitische Ecke gestellt werden, der Kritik an der Politik Israels oder seiner amerikanischen Unterstützer übt.
Dasselbe im Original bitte:

Anti-Semitism is real enough (I know something about it, growing up Jewish in 1950's Britain), but for just that reason it should not be confused with political criticisms of Israel or its American supporters.
Wir sehen, die Granddame kann noch besser zitieren als der hervorragende Intellektuelle, noch weiter vom Original nämlich. Davon hatten wir hier gerade das erste Beispiel. Zwei weitere folgen:

Und der Holocaust? Es gibt immer weniger Überlebende, die sich aus eigener Erfahrung darab erinnern. Dass die Urgroßmutter eines israelischen Soldaten in Treblinka gestorben ist, entschuldigt in den Augen der Welt dessen eigenes Fehlverhalten nicht.
Ein Soldat bei Judt und die gesamte "verfehlte" Politik bei der Granddame. Aha.

Vom blinden Sich-Verlassen ist bei Judt überhaupt nirgendwo die Rede. Der einzige Satz, der in diese Richtung irgendwie weisen könnte, ist ein Zitat von Tom Segev, der bei Judt sagt:

Die Israel-Lobby in den USA schadet Israels wahren Interessen.
Auch hier eine andere Intention. Übel.

Am Ende des Artikels träumt die Granddame:

Was, wenn dieser einmal nicht mehr mitmacht? Davon ist allerdings vorderhand noch nicht die Rede.
Sie wünscht sich, dass die USA Israel nicht mehr unterstützen. Keiner soll Israel unterstützen, so? Ist Österreich dann zufrieden?

Das ist mindestens der dritte Auftritt von Barbara Coudenhove-Kalergi, der auf diese Weise protokolliert werden muss. Die zwei davon waren:

Anders als bei früheren Nahostkriegen sind antisemitische Töne in Österreich ausgeblieben, obwohl diesmal mehr als früher Grund zur Kritik am israelischen Vorgehen besteht.
Das hat Karl Pfeifer richtig auseinandergenommen.

Diese jüdischen Mitbürger sind nämlich nicht irgendwelche Gastarbeiter, denen wir freundlicherweise erlauben, bei uns Steuern zu zahlen. Sie sind unsere Leute, sie sind Fleisch von unserem Fleisch. Sie gehören zur Familie, als möglicherweise ungeliebte, aber untrennbar mit uns verbundene Verwandte. Wer sie beleidigt, beleidigt uns.
Dies hat Heinz P. Wassermann aufgeschrieben. Nichts Neues unter die Sonne. "Die Standard" kann zufrieden sein. "Trippelter Schaden" ist offensichtlich.

"Sie sind quasi mein zu beobachtender Blog"

Eine nette Studentin hat diese Nacht versucht, auf dem Wege eines Kommentars mich zu erreichen. Der Text lautet:
hallo- ich interessiere mich seit einiger zeit für ihren blog. durch ein seminar sind wir auf diese seite gestoßen- jeder sollte sich einen blog aussuchen und ihn beobachten. sie sind quasi mein zu beobachtender blog. da jeder teilnehmer einen artikel über seinen blog schreiben soll, brauche ich natürlich nähere infos. Vielleicht könnten Sie/ Du mir etwas aus der "about me" rubrik schreiben- das wäre toll- ich habe nämlich nichts dieser art gefunden.
danke, nähere infos zu dem seminar: http://web20-hro.de
liebe grüße
Tja, was macht man in einem solchen Fall?

Zuerst recherchieren. Die Homepage des Seminars begutachten. Sprachliche Kommunikation und Kommunikationsstörungen. Aha. Deutsche Gesellschaft für Online-Forschung. Hmm. So weit so gut.

Der Weblog der Studentin. Viele "nähere Infos". :-)

Ok. Also:

Liebe firlefanz, wenn du mit deinem Artikel fertig bist, würde ich ihn gerne kommentieren (auf deinen Wunsch hin, gerne auch nur intern). Dein Seminar ist eine Beobachtung der Beobachtung und eine gute Schule der Kommunikation. Zu der Kommunikation im Internet gehört aus meiner Sicht die Beherrschung von verschiedenen Sprachen. Ich meine dabei viel mehr Sprachebenen, d.h. wie man miteinander redet. Die Interpunktion und die Satzkonstruktion bedeuten hier sehr viel, Emoticons und Smileys kommen noch dazu. Man möchte den Menschen hören, seinen Ton deuten. Ein Journalist, ein Lehrer müssen das mindestens wollen, noch besser - können.

Und noch - unbedingt eine Recherchekunst. Je mehr man über das Subjekt bzw. das Objekt der Kommunikation weiß, desto sicherer ist die Aussage. Andersrum: Wenn man zu wenig und/oder überwiegend falsche Infos hat, kommt es zu Kommunikationsstörungen. Eigentlich ganz einfach oder? :-)

Der Sinn der Kommunikation per Blog ist nicht anders als im realen Leben, nämlich der Dialog. Ist ein Text erst dann aussagekräftig, wenn dahinten ein "About me" steht? Worin besteht die Beobachtung - im Zuschauen oder im Mitmachen? Was wird hier beobachtet - ein Subjekt oder ein Medium? Ist es dasselbe? Themenbezogen, Ich-bezogen oder Du-bezogen? Wer bestimmt die Regeln der Kommunikation?

3.5.06

Noch einmal zum "Doppelten Schaden" von Judt

Der Titel des Aufsatzes von Tony Judt in der deutschen Übersetzung, wie die "Süddeutsche" ihn gemeistert hat, ließ mir keine Ruhe. Nach der Recherche kann ich mich entspannen. Und noch ein Beispiel der üblichen Tricks präsentieren. Das geht folgendermaßen:
Tony Judt hat geschrieben:

Daniel Levy (ehemals israleischer Verhandlungspartner bei Friedensgesprächen) schrieb in "Haaretz", der Essay sollte als Weckruf verstanden werden, um uns den Schaden bewußt zu machen, den die Israel-Lobby für beide Nationen anrichtet.
Ich bringe denselben Text im Original, um es noch einmal deutlicher zu machen:

Daniel Levy (a former Israeli peace negotiator) wrote in Haaretz that the Mearsheimer-Walt essay should be a wake-up call, a reminder of the damage the Israel lobby is doing to both nations.
Jetzt vergleichen wir diese Stelle mit dem Text, den Daniel Levy am 23.3. tatsächlich geschrieben hat:

The new John Mearsheimer and Stephen Walt study of "The Israel Lobby and U.S. Foreign Policy" should serve as a wake-up call, on both sides of the ocean.
Ein Weckruf, ja. Für beide Nationen, na ja, eigentlich nicht. Levy unterstützt die Gedanken von Walt und Mearsheimer nämlich nicht. Er meint, die Debatte müsse man ganz anders führen. Von dem doppelten Schaden spricht er nämlich nicht. Judt hat den zweiten Teil des Satzes erfunden und Levy zugeschrieben. Levy hat das nicht gesagt. Levy betont, dass Interessen des Staates Israel und der Israel-Lobby in den USA nicht übereinstimmen. Nach seiner Einschätzung schadet diese Lobby den Interessen Israels, über die USA-Auswirkung sagt er nichts. Er meint Israel und Israel-Lobby, nicht - wie Judt und noch mehr die "Süddeutsche" - Israel und die USA. Am Ende seines Artikels spricht Levy deswegen über

the simplistic Harvard study authors
"Doppelter Schaden" liegt somit ganz bei der "Süddeutschen", die dem falschen Zitat soviel Bedeutung zugeschrieben hat.

1.5.06

Judt: Israel-Lobby - keine Verschwörung, dafür ein doppelter Schaden?

In der Diskussion um den berüchtigten Aufsatz von zwei amerikanischen Autoren (Stephen Walt und John Mearsheimer) über die Hintergründe der USA-Politik mit Blick auf die israelische Lobby zeigen sich einige deutsche Zeitungen besonders interessiert und leider auch parteiisch. Anstatt die laufende Diskussion in ihrer Breite zu präsentieren, wird nur jeweils eine Meinung vertreten, und dabei leider nicht immer die richtige. Im Original steht der Text seit dem 23.3.2006 online. Der "Spiegel" hat die Studie schon am 31.3 vorgestellt, eher als eine Tratschstory:

Walt und Mearsheimer geben seit Erscheinen des Artikels keine Interviews mehr. Doch aus der Woche davor sind von ihnen Prophezeiungen überliefert: "Es ist klar, dass die Lobby zurückschlagen wird", raunten sie da düster.
Dann ist jede Kritik von Anfang an schon sinnlos, nicht wahr? Der "Tagesspiegel" fand dafür klarere und kürzere Worte ("Eine obskure amerikanische Debatte", geschrieben von Christoph von Marschall).

"Die Zeit" bewundert mutige Professoren:

Nur selten haben Wissenschaftler den Wunsch und den Mut, ein Tabu zu brechen. In den Vereinigten Staaten ist die Bindung an Israel zu einem Tabu geworden. [...] Bisher haben sie zu Hause nur dreierlei geerntet: publizistisches Wegschauen, den wohlfeilen Vorwurf des Antisemitismus und den opportunistischen wissenschaftlicher Schludrigkeit. Es ist eben auch in Amerika nicht mehr so einfach, ein Tabu herauszufordern.
So schreibt Christoph Bertram, der dafür eine Menge von unterstützenden antisemitischen Leserkommentaren bekommen hat. Genauso platt schreibt die "Junge Welt" (sogar zweimal - hier und hier), ähnlich meint auch Uri Avnery. Viele antisemitische Seiten und Blogs übernehmen diese Lesart und beglückwünschen einander.

Ernsthafte Analysen von Robert Misik in der TAZ (Link) oder von Andreas Mink im "Rheinischen Merkur" (Link) oder von Pierre Heumann und Alain Zucker in der "Weltwoche" (Link) finden viel weniger Beachtung.

Den größten Erfolg geniesst allerdings bei Antisemiten der Artikel von Tony Judt (vom 19.4. in "New York Times" - Link), den die "Süddeutsche" am 28.4. verkürzt übersetzt hat. Die Zeitung enthält sich eines Kommentars, im Wissen dass der Artikel eine nicht weniger starke Kritik verdient und bekommen hat als der Aufsatz, der der Diskussion zur Grundlage wurde. Die Zeitung hat ausserdem den Titel geändert und nahm das, was ihr besser gefällt, - den "Doppelten Schaden". Tony Judt ist da subtiler, mit seinem Hinweis auf "keine Verschwörung". Ich darf hier wenigstens auf eine substanzielle Kritik verweisen.

Jeff Weintraub macht eine Sprachanalyse und zeigt, wo die antizionistischen Pointen sitzen, die auf Antisemiten so anziehend wirken. Die wichtigste Stelle in diesem Sinne ist:

Künftigen Generationen von Amerikanern wird es nicht mehr einleuchten, weshalb eine imperiale Macht wie die USA ihr Ansehen durch dir enge Verknüpfung mit einem kleinen, umstrittenen Mittelmeerstaat aufs Spiel setzt.
Weintraub kommentiert:

Note the formulation here. It is not Israel's policies that are "controversial," it is Israel that is "controversial." Actually, this is true. Whether or not Judt meant to do so, his formulation here has stripped away the usual pious cant about the Arab world's objections to Israeli policies, to Israel's oppression of the Palestinians, to the "uncritical" support of Israel by the US, etc. The Arab world's fundamental grievance has always been Israel's existence, and they would resent any US support that helped preserve Israel's survival.
Das nächste Beispiel:

Doch es war der (jüdische [- Dieser Zusatz stammt von der "Süddeutschen"!]) Journalist David Aaronovitch, der in der Londoner "Times" Mearsheimer und Walt nicht nur kritisierte, sondern einräumte: "Ich sympathisiere mit ihrem Wunsch, die Dinge richtig zu stellen. Es gibt tatsächlich ein aberwitziges Unvermögen in der US-Politik, das schwere Los der Palästinenser zu verstehen". And it was the German writer Christoph Bertram, a longstanding friend of America in a country where every public figure takes extraordinary care to tread carefully in such matters, who wrote in "Die Zeit" that "it is rare to find scholars with the desire and the courage to break taboos." [Den Satz hat "Die Süddeutsche" gestrichen!]
Weintraub setzt fort:

Yes, they did say that. But I've read their pieces, and I have to ask, so what? And how is citing these statements at all relevant to M&W's actual arguments (which people like Aaronovitch & Hitchens & Dershowitz & many other critics actually engage, whether or not you agree or disagree with their criticisms)?

(For example, as Judt acknowledges, M&W do not care a bit about "the plight of the Palestinians," and consider that such concerns are irrelevant to serious "realist" foreign-policy discussions--unless Arab anger about this "plight" has some instrumental significance for US "national interests". If they thought Israel were a strategic asset, then they would be impatiently contemptuous about any complaints concerning the "plight of the Palestinians".)

As for breaking "taboos" ... Michelle Goldberg's piece in Salon got it right ... as in this passage that I quoted in my post on Juan Cole on Mearsheimer & Walt ...

Along with Juan Cole's piece, Salon also carries a piece on this subject by Michelle Goldberg, "Is the 'Israel Lobby' distorting America's Mideast policies?" Unlike Cole, Goldberg does systematically engage Mearsheimer & Walt's arguments--with devastating results. What makes her criticisms especially telling is that in some ways Goldberg clearly wanted to be sympathetic to M&W's position, but they made that impossible by writing such a transparently weak, "clumsy," tendentious, and meretricious piece.

This is not just a case of brave academics telling taboo truths. In taking on such a sensitive, fraught subject, one might expect such eminent scholars to make their case airtight. Instead, they've blundered forth with an article that has several factual mistakes and baffling omissions, one that seems expressly designed to elicit exactly the reaction it has received. The power of the Israel lobby is something that deserves a full and fearless airing, but this paper could make such an airing less, not more likely.
Ich darf ergänzen: "Tabubrüche" sind eine besondere Beschäftigung der Antisemiten, eine Art Sprachcode im Umgang mit dem selbsterfundenen Popanz, - so sind sie sehr leicht erkennbar. Zurück zu den beiden Profs. Zusätzlich zu vielen kritischen Kommentaren will ich noch einen witzigen von einer Bloggerin Violet zitieren:

Mearsheimer and Walt's argument can be summarized as follows:

* Premise: "Neither strategic nor moral arguments can account for America's support for Israel."

* Conclusion: "The explanation is the unmatched power of the Israel Lobby."

What is controversial about the Mearsheimer-Walt paper is the premise: that U.S. support for Israel is strategically and morally unjustified.
Wie wir sehen, die Debatte ist viel spannender und kann viel tiefer geführt werden, - die "Zeit" und die "Süddeutsche" merken es einfach nicht.

29.4.06

Peter Schäfer: kein gutes Aushängeschild

Vor einigen Tagen habe ich eine freiwillige Sprecherin der Hamas in Andrea Nüsse zu erkennen gemeint. Heute bei Heise erschien mir noch ein Hamas-Korrespondent, diesmal Peter Schäfer. Das droht eine Tendenz zu werden. Arabisten, die in der islamistischen Umgebung arbeiten, wollen sich nicht kritisch, sondern solidarisch stellen, erlauben sich keinen Kommentar und geben als eigene Meinung die Propaganda der Hamas weiter an den unschuldigen deutschen Leser. Wie kann das sein? Zuerst ein paar Beispiele.

Die Hamas wird von der westlichen Staatengemeinschaft boykottiert. Der Eindruck entsteht, dass die Hamas für die innenpolitische Unsicherheit verantwortlich ist.
Der bekannte Umkehrschluss: Weil die Hamas boykottiert wird, entstehe der Eindruck, die Hamas sei veranwortlich für den Chaos in der Palästinensischen Autonomie. Also nicht von der Realität zu der Schlussfolgerung, sondern andersrum. Die ganze Welt sagt: Die Hamas tut nicht das, was eine Regierung tun muss, deswegen soll sie boykottiert werden. Die Hamas und Peter Schäfer sehen das anders, genau umgekehrt.

Hamas-Kader schlugen moderatere Töne an. Etwa seit 2002 lässt man immer wieder durchblicken, dass eine palästinensische Staatsgründung in den von Israel 1967 besetzten Gebieten – also in 22 Prozent des historischen Mandatsgebiets – durchaus in Betracht komme. "Wir sind dazu bereit", so Samir Abu Aische, der neue Planungsminister, "unser System innerhalb der Grenzen von 1967 aufzubauen. Wenn die Israelis unser Recht zu einem solchen Staat anerkennen, dann können wir über die nächsten Schritte diskutieren."
Hier, wie an vielen anderen Stellen, baut Schäfer an dem friedliebenden Bild der Hamas. Die Auflistung der Originaläußerungen zeigt die Wahrheit, nämlich, nach dem altbekannten Vorbild Arafats erzählen Hamas-Politiker jedem auswärtigen Zuhörer, was er hören will. Und bei sich zu Hause wird Klartext gesprochen:

Khaled Mashal, Al-Rai Al-Aaam, 26. März 2006:
„Nein zu Verhandlungen mit Israel, Nein zur Anerkennung Israels und Nein zur Aufgabe palästinensischer Rechte”.

Ismail Haniyeh, palästinensischer Ministerpräsident, in der arabischen Zeitung Alsharoq, am 1. März 2006:
„Zu den Grundlinien unserer neuen Regierung gehört es, dass wir uns nicht den Bedrohungen der internationalen Gemeinschaft ergeben und wir die Anerkennung Israels ablehnen“.

Mahmoud Al-Zahar, palästinensischer Außenminister, am 3. März 2006:
„Ich träume davon, eine große Weltkarte in meinem Haus in Gaza aufzuhängen, auf der Israel nicht erscheint.“
Genauso wird die aktuelle Geschichte über den vorerst gescheiterten Versuch der Hamas ausgemalt, einen Terroristen zum Befehlsinhaber der neuen Truppe zu ernennen. Schäfer geht aber noch weiter:

Extremisten von Fatah und Islamischer Dschihad werfen der Hamas aber jetzt vor, nicht mehr für die Sache Palästina zu kämpfen. Der Selbstmordanschlag des Dschihad von vor zwei Wochen in Tel Aviv wurde von der Hamas deshalb als "Selbstverteidigung" bezeichnet, obwohl man die Tat nicht begrüßte.
Die Hamas wird also im Laufe des Artikels so moderat, dass die Fatah im Vergleich zu ihr zu Extremisten bestempelt werden darf. In der Wahrheit bleibt die Hamas so wie sie war:

Ahmad Al-Jaabari, auf der Hamas-Website, am 5. April 2006:
„Unser (gewaltsamer) Widerstand in Palästina wird fortgesetzt und wird unter keinen Umständen beendet werden. Die Al-Qassam-Brigaden werden den Marsch für die totale Befreiung des Bodens ihrer geliebten Heimat Palästina vom Mittelmeer bis zum Jordanfluss fortsetzen.“
Nur will Peter Schäfer davon nichts erzählen. Das Schönste erzählt er aber fast am Schluss:

Die Fatah übernimmt so die Haltung der internationalen Gemeinschaft.
Das ist aus der Sicht von Peter Schäfer ganz schlimm, genauso wie aus der Sicht der Hamas:

Der jetzige breite Boykott des Wahlsiegers allerdings ist kein gutes Aushängeschild für die westliche Auslegung von Demokratie.
Peter Schäfer schreibt in diesem Stil für viele deutsche Zeitungen, u.a. für die "Junge Welt", "Neues Deutschland". Für seinen anderen Arbeitgeber, die Friedrich-Ebert-Stiftung findet er einen anderen, ausgeglicheneren Ton. Von Arafat lernen - unterschiedliche "Wahrheit" sagen lernen?.. Kein gutes Aushängeschild, in der Tat.

Heitmeyer: Kampf gegen Rechts

Wilhelm Heitmeyer wurde vom ZDF interviewt. Nach vielen Plaudereien der letzten Tage endlich eine fundierte Meinung eines Spezialisten, für mich - eine willkommene Gelegenheit, mich hinter einem Zitat, zu dem ich mich bekenne, zu verstecken:

Das Gewaltniveau hat sich eher auf einem gewissen Level eingependelt, und nimmt laut ersten Angaben des Verfassungsschutzes offenbar wieder leicht zu. [...] Unsere Untersuchungen [haben] gezeigt, dass feindselige Einstellungen gegenüber schwachen Gruppen in den letzten Jahren zugenommen haben. Dies bezieht sich nicht nur auf Fremde, sondern auch auf Homosexuelle, Juden und andere Minderheiten. Und diese feindseligen Einstellungen in der Bevölkerung bilden einen Hintergrund für die Legitimation von Gewalt. [...]

Wenn Menschen ihre Teilhabe an der Gesellschaft bedroht sehen, etwa durch Arbeitslosigkeit, Armut, bröckelnde Familien oder fehlende politische Partizipation, dann entstehen Ängste. Dies führt in der Regel zur Abwertung schwacher Gruppen, um sich selber dadurch aufzuwerten. [...] Aufklärungs- und Informationskampagnen können wenig gegen die Ursachen von Rechtsextremismus ausrichten, Demos auch nicht. Diese setzen zwar richtige Zeichen, sind aber in dieser Hinsicht nicht effektiv. Wir müssen uns vielmehr die Integrationsfähigkeit unserer Gesellschaft ansehen - dabei geht es nicht nur um Zuwanderer, sondern auch um Teile der Mehrheitsgesellschaft. [...]

Ein Teil unserer Gesellschaft ist bereits desintegriert oder davon bedroht, abgekoppelt zu werden. Die Möglichkeiten, sich Anerkennung zu verschaffen, werden knapper. Dieser Prozess ist zum Teil gar nicht mehr umzukehren - denken Sie an den Arbeitsmarkt für Niedrigqualifizierte! [...] Die Gesellschaft braucht neue Antworten, die über Repression hinausgehen. Natürlich müssen die Täter bestraft und die organisierten Rechtsextremen unter Beobachtung gestellt werden. Nur hier fängt man am Ende, nicht am Anfang der Ursachenkette an. Entscheidend ist, die Menschen wieder zu integrieren, damit sie sich anerkannt fühlen und etwas zu verlieren haben - viele haben ja gar nichts mehr zu verlieren. [...]

Einstellungen in der Bevölkerung, wirtschaftliche Entscheidungen, organisierte rechte Gruppen, das Verhalten von Eliten - das alles ist nicht voneinander zu trennen. So tragen etwa die Eliten dazu bei, rechte Gewalt zu legitimieren - wie etwa vor einigen Tagen, als Innenminister Schäuble aufrechnete, dass auch Blauäugige und Blonde von Menschen fremder Herkunft malträtiert würden. Auch die Schuldzuweisungen in der Integrationsdebatte nach den Vorfällen an der Berliner Rütli-Schule gingen in diese Richtung. [...]

Was ist ein Kampf gegen Rechtsextremismus? Auf der einen Seite geht es natürlich um die rechten Organisationen. Der Kampf gegen Rechts wird aber umso schwieriger, je mehr sich etwa eine NPD für die Mitte trimmt. Und auf der anderen Seite findet die Feindseligkeit gegenüber einigen schwachen Gruppen auch immer mehr Zuspruch in der gesellschaftlichen Mitte. Das bedeutet natürlich auch, dass sich dort ein breiter Bodensatz entwickeln kann, der es schwerer macht, gegen Rechtsextreme zu mobilisieren. Denn die politische Mitte entscheidet über das, was in einer Gesellschaft als normal gilt.

27.4.06

Extrem Linke Schwierigkeiten mit dem zionistischen imperialistischen rassistischen Feind

Zeitungen linker Ausrichtung haben seit Jahren eine ausgeprägte antisemitische Tendenz - die alte stalinistische Tradition, die auch heutige Trotzkisten wie Stalinisten nicht weniger munter aufweisen, genauso wie auch die Neue Rechte bekennt sich zum braven alten Antisemitismus. Erst neulich erschien ein Offener Brief von sechs Autoren der Zeitung "Junge Welt", die sich darüber beschwerten. Darin steht u.a.:

In letzter Zeit ergehen sich Kommentatoren der jW in einer unerträglichen Verniedlichung des offen antisemitischen Staatschefs des Iran, was nicht selten wie eine Legitimation dessen Politik wirkt. [...] Wir fragen uns, wie man in Zukunft ähnlichen "Überlegungen" von Neonazis argumentativ entgegen treten will. Diese Relativierung der deutschen Massenmordgeschichte und Ignoranz gegenüber Antisemitismus verbieten sich für eine linke Zeitung von selbst, ganz abgesehen davon, dass dieses Regime jede fortschrittliche linke Opposition mörderisch unterdrückt.

Wir sind mit dieser inhaltlichen Ausrichtung, die sich in einer derart vereinfachenden Position ausdrückt, wonach der Feind-meines-Feindes-irgendwie-auch-mein-Freund-sei, nicht einverstanden. Ebenso entschieden wie wir den Kriegsplänen gegen den Iran entgegentreten, lehnen wir ein Kleinschreiben eines virulenten und aggressiven Antisemitismus ab.
Skurrilerweise antwortete die Zeitung darauf mit dem Hinweis:

jW mit Antisemitismus in Verbindung zu bringen ist die Geschäftsidee einer Hamburger Zeitschrift und ihr verbundener Autorinnen und Autoren. Diese Sicht der Dinge kann gern dort bleiben.
Vorbildliche Bereitschaft, auf die Kritik "sachlich" zu reagieren!

Vor zwei Tagen hat die "Junge Welt" eine in der Tat sachliche Antwort auf die Kritik abgegeben, indem zwei offen antisemitische Texte publiziert wurden, beide ohne Kommentare, somit nicht als Diskusssionsbeiträge, sondern als eine Meinung der Redaktion.

In dem ersten, den Ellen Rohlfs der Redaktion "besorgte", wie es im Text steht, wird die Position der Hamas-Regierung dargestellt, und zwar durch deren Minister-Präsidenten Ismail Hanija. Es ist eine bekannte Position der Hamas, die dazu führt, dass der Konflikt im Nahen Osten weiter blutige Spuren hinterlässt. Die Zeitung solidarisiert sich mit der Position der Hamas:

Die internationale Gemeinschaft muß Druck auf Israel ausüben.
Im zweiten Beitrag wird ein antizionistisches Buch präsentiert. Dessen Autor sagt u.a.:

Die israelische Regierung behauptet, daß sie nicht mehr mit der palästinensischen Autonomiebehörde verhandeln kann, weil sie von der Hamas gestellt wird. Das zeigt, daß die israelische Regierung Demokratie verachtet. [...] Hamas bemüht sich sehr um eine Öffnung. Sie hat die linke PFLP zur Zusammenarbeit eingeladen, und sie versucht, die PLO, den Dachverband der palästinensischen Bewegungen, über religiöse Grenzen hinweg auszubauen. Hamas diskutiert ernsthaft, wie Juden und Muslime Seite an Seite leben können, und viele erinnern daran, daß Araber und Juden in der gesamten Region jahrzehntelang friedlich zusammengelebt haben. [...] Ich habe das Buch geschrieben, damit die Linken Israel und Palästina besser verstehen, die Palästinenser unterstützen und mit dem Zionismus brechen.
Die Zeitung lässt das ohne Kommentar an den Leser heran. Genau, wie es die "Junge Freiheit" tut - siehe z.B. die Analyse des Interview mit Rantisi (Hamas) in der JF (August 2001) bei Alfred Schobert (Link) oder Anton Maegerle/Heribert Schiedel (Link). Linksaußen und Rechtsaußen treffen sich im Antisemitismus.

Tun wir, was hier zu tun ist?

Bei dem Perlentaucher, dem großen Helfer und Anbieter der Anregungen, breitet sich die Palette aus. Da werden u.a. auch journalistische Aufzeichnungen gepostet wie z.B. jetzt Notizen, die Ute Ruge auf ihrer Reise nach Ramallah macht. Die Reise ist noch nicht zu Ende, aber es sind immerhin schon acht Briefe. In einem der Briefe berichtet die Autorin von dem Gespräch mit Roni Hammermann, einer israelischen Friedensaktivistin von Machsom-Watch.

Ute Ruge erzählt sehr ausführlich über die Strassen und Beduininnen, das ist nicht schlimm, trägt viel zu der Atmosphäre bei. Irgendwann kommen auch Gedanken von Roni Hammermann zum Ausdruck, nicht sehr viele, im Netz kann man mehr finden. Allerdings erzählt Ute Ruge etwas ganz Besonderes nach, was ich hier mit einem gewissen Nachdruck übernehmen möchte:

Was man tun könne, um zu helfen, ist sie im Ausland, in Deutschland und Österreich, oft gefragt worden. Jeder soll im eigenen Land, im eigenen Stadtviertel, die Augen aufmachen, gegen Unrecht protestieren, sich einmischen. Wir tun, was hier zu tun ist.

26.4.06

Die schwere Artillerie rückt nach: die FAZ gegen die "Süddeutsche"

Damit habe ich nicht gerechnet. Heribert Prantl hat sich doch zur Sache geäußert und nüchtern, fast trocken erklärt, warum der Generalbundesanwalt Kay Nehm richtig gehandelt hat. Einen Tag danach meldet sich der Feuilletonchef der FAZ Patrick Bahners und bildet sich ein, er könne Prantl belehren. Mal schauen, wie das nach hinten losgeht.

Prantl prantlt in dem Fall nicht, wie gesagt, er nimmt einen ruhigen Ton und stellt ("Die Süddeutsche" vom 25.4.2006) fest,

Hinter der Kritik Schönbohms steht auch die Frage, ob ein Einzelverbrechen die innere Sicherheit des Landes überhaupt in einem Maß gefährden kann, dass dies die "Kernsubstanz" des Gemeinswesens berüht. [...]

Nehms Behörde, die Bundesanwaltschaft, hat in solchen Fällen sehr häufig ein Beurteilungsproblem: Bei Übernahme der Ermittlungen muss sie von einer Einschätzung ausgehen, die eigentlich erst am Ende einer Ermittlungskette stehen kann - ob nämlich eine Gewalttat wirklich die Sicherheit des Landes gefährden kann. [...]

Der an Nehm mäkelnde Schönbohm sollte das Urteil des Bundesgerichtshofs aus dem Jahr 2000 nachlesen, das - den Fall Eggesin betreffend - die Kriterien für die Zuständigkeit des Generalbundesanwalts bei Ermittlungen gegen Rechtsextremisten ziemlich genau festgelegt hat. In der vorpommerschen Ortschaft Eggesin hatten 1999 fünf rechtsextreme Jugendliche auf einem Volksfest zwei Vietnamesen fast zu Tode geprügelt. Nehm übernahm die Ermittlungen. Die damals zwischen 16 und 20 Jahre alten Täter wurden zu Jugendstrafen von vier bis sechs Jahren verurteilt. Die Täter legten Revision ein und begründeten diese unter anderem mit der fehlenden Zuständigkeit des Generalbundesanwalts.

Das Gericht wies diese Ansicht zurück und präzisierte hierbei die, wie es sagte, bis dahin "konturenlose" Zuständigkeitsvorschriften im Gerichtsverfassungsgesetz. [...] Der Generalbundesanwalt kann die Ermittlungen an sich ziehen, wenn eine schwere Gewalttat das verfassungsrechtliche Toleranzgebot gegen Minderheiten verletzt, das Erscheinungsbild der Bundesrepublik beeinträchtigt oder Signalwirkung für potenzielle Gewalttäter haben könnte.
Am nächsten Tag schreibt Bahners. Süffisant und selbstgefällig, teilt er nach links und nach rechts aus. Er macht sich über die Empörung in der Gesellschaft lustig, so kriegt zuerst die ehemalige Bundesjustizministerin Leutheusser-Schnarrenberger etwas ab:

Leutheusser-Schnarrenberger hat einen Schreck bekommen. Und wir hatten immer gedacht, sie stamme vielleicht nur aus der bayerischen Nebenlinie des süddeutschen Liberalismus, aber Furcht kenne sie nicht.

Wer hat der früheren Bundesjustizministerin den Schreck eingejagt? Jörg Schönbohm, Innenminister des Landes Brandenburg. Frau Leutheusser-Schnarrenberger hat Schönbohms Kritik an Generalbundesanwalt Nehm kritisiert. Sie findet es „erschreckend, daß über die Zuständigkeit gestritten wird und nicht darüber, was die Ursachen und der Hintergrund dieses Falles sind“. Ja, man bekommt es mit der Angst zu tun, wenn bei der Strafverfolgung Rücksicht auf Formfragen und Kompetenzen genommen wird. Wie soll man ein Land nennen, in dem die Rechtmäßigkeit staatlicher Maßnahmen davon abhängt, daß die zuständige Stelle sie ergriffen hat? Das wäre eine knifflige Frage für einen Einbürgerungstest. Auch dem bärtigsten Iman und dem blondesten Unhold käme die Antwort „Rechtsstaat“, da zu einfach, wohl falsch vor.
Wie immer in solchen Debatten, der Gegenseite wird die "Vorverurteilung" vorgeworfen, ein Popanz aufgebaut, mit dem man kämpft, um am Ende als die aufgeklärte höhere Instanz von sich selbst inthronisiert zu werden. Das geht in dem Fall so:

Frau Leutheusser-Schnarrenberger sagte nicht, was sie, bevor auch nur Anklage erhoben worden ist, für den Hintergrund der Bushaltestellenattacke hält, aber man kann es sich denken.
Bahners denkt sich weiter und weiter und kommt irgendwann zur Sache:

Ernsthaft läßt sich nicht behaupten, daß alkoholisierte Totschläger das Staatsgefüge ins Wanken bringen können - selbst wenn man dieses Gefüge nicht im institutionellen Sinne auffassen und etwa befürchten wollte, eine Kampagne ostentativer Gewaltakte könnte geeignet sein, die rechtstreuen Bürger einzuschüchtern und von der Verteidigung der Grundrechte abzubringen.
Der Konjunktiv ist eine feine Sache. Man behauptet, es könnte was sein oder eben nicht. Und wenn man gerade dabei ist, belässt man das beim Konjunktiv und verkündet:

Wir dürfen ruhig schlafen
Ja, liebe FAZ, ihr könnt ruhig schlafen, sicher. Was meint Schönbohm dazu?

Es gibt in Brandenburg wie auch in anderen deutschen Städten Gegenden, wo man sich klugerweise nachts lieber nicht allein aufhalten sollte. Ich ging vor einiger Zeit abends im Dunkeln allein durch eine fast menschenleere märkische Stadt, da kamen mir vier Kahlgeschorene in Bomberjacken und Springer- Stiefeln entgegen. Ich bin auf die andere Straßenseite gewechselt. Aber so etwas habe ich zum Beispiel auch in Bonn und Frankfurt am Main erlebt.
Sogar Schönbohm kann inzwischen nicht überall friedlich spazieren gehen, ihr aber. Na gut.

Um seine Rechtfertigung für den ruhigen Schlaf zu begründen, übernimmt Bahners die Infos vom Feind und färbt sie um, wie es ihm besser passt:

In einem Fall von 1999, als zwei Vietnamesen fast totgetrampelt worden waren, befand der Bundesgerichtshof, die Justiz des Bundes sei nicht für jedes rechtsextremistische Tötungsdelikt, sondern „ausnahmsweise nur dann zuständig, wenn die Tat darauf gerichtet ist, das innere Gefüge des Gesamtstaates oder dessen Verfassungsgrundsätze zu beeinträchtigen“. Es ist eine anspruchsvolle Abstraktion, bei einer mutmaßlich nicht geplanten oder verabredeten schwersten Körperverletzung unter Alkoholeinfluß nach einer Richtung der Tat zu fragen.
Auch hier wird mit erprobten Methoden gearbeitet: Nicht alles zitieren - nur was passt. Auf keinen Fall sich auf eine Diskussion einlassen - verschweigen und ignorieren. So wird aus einem Popanz eine Ignoranz. Klingt gut oder? Ich finde, das klingt besser als "eine anspruchsvolle Abstraktion"...

25.4.06

Kritik unter Freunden

Auch wenn sich nur wenige Stimmen erheben, sind sie - vielleicht gerade deswegen - besonders gut hörbar. Welche Kritik und welche Unterstützung Schäuble und Schönbohm in diesen Tagen bekommen, ist höchst interessant, ein Lehrstück. Zwei Beispiele.

Wolfgang Schäuble sowie Jorg Schönbohm sehen beim Überfall in Potsdam keinen rassistischen Hintergrund. Dem ersten eilt Wolfgang Bosbach zur Hilfe und sagt:

Es ist auch zum jetzigen Zeitpunkt keineswegs unzweideutig klar, dass diese Tat einen rassistischen Hintergrund hatte. Möglicherweise handelte es sich auch um einen Streit zwischen Betrunkenen, der dann eskaliert ist.
Merkel schweigt dazu. Die Medien schweigen dazu. Schäuble hat sich nicht entschuldigt, das hat die Medien ermutigt, über den Fall zu schweigen. Bosbach hat dasselbe wie Schäuble gesagt und keine Kritik geerntet. Wunderbar!

Zu dem Auftritt Schönbohms wurde Matthias Platzek gefragt. Seine Reaktion: Schönbohm stehe wegen des öffentlichen Streits mit Generalbundesanwalt Nehm wohl derzeit unter enormem Druck.

Und ins solchen Situationen hyperventiliert er schnell mal – da kommt dann so was raus wie in Sachsenhausen.
Gute Freunde sind viel wert. Das soll Ermyas M. lernen, falls er wieder zu sich kommen sollte.

24.4.06

Bischof-Moralist: Huber über das "kollektive Verbrechen"

Ungefähr zur selben Zeit hat Bischof Wolfgang Huber "bei Christiansen" im ARD seine "moralische Beurteilung" wieder abgegeben und ein Frankfurter Richter Karsten Koch ihm, dem Oberhaupt der Evangelischen Kirche in Deutschland, einen Offenen Brief online gestellt.

Die Gegenüberstellung ist sehr aufschlussreich.Im ARD-Text findet sich ein Zitat aus der Sendung:

Ich fürchte, dass man davon ausgehen muss, dass das ein kollektives Verbrechen ist. Das ist eine moralische Beurteilung und keine Richterschelte und dieser Frage muss man nachgehen. Es ist an der Zeit, dass wir an solchen Stellen auch Erwartungen einbringen in den Integrationsdialog und uns nicht solche Fragestellungen verbieten lassen.
Der Richter meint dazu:

Woher nehmen Sie die für einen evangelischen Bischof geradezu erschreckende Überheblichkeit, den freigesprochenen Brüdern schon vor rechtskräftigem Abschluss des Verfahrens öffentlich eine moralische Schuld zuzuweisen? [...]

Möglich, dass am Ende des noch anhängigen Verfahrens ein anderes Ergebnis steht. Aber wenn Sie jetzt schon persönliche Überzeugungen von der Schuld Freigesprochener öffentlich äußern, müssen Sie auch sagen, worauf Sie sich stützen. Ein aufgeklärter Mensch sollte schon unterscheiden können zwischen auf Vorurteilen basierenden pauschalen Verdächtigungen und individueller Schuld - wobei ich hier bewusst nicht unterscheide zwischen strafrechtlich relevanter Schuld und dem, was Sie als moralische Schuld bezeichnen. Freilich ist es gut, dass nicht alles bestraft wird, was wir für unmoralisch halten mögen. Und es mag auch unterschiedliche Anforderungen an Gewissheit geben. Aber für eine öffentliche Zuweisung moralischer Schuld - noch dazu durch den Ratsvorsitzenden der EKD - dürfen keine geringeren Anforderungen gelten als für eine gerichtliche Feststellung strafrechtlich relevanter Schuld. Unser staatliches Strafrecht kennt - Gott sei Dank! - in der Tat nur individuelle Schuld. Oder möchten Sie für eine Tat bestraft werden, für die Sie nicht ganz persönlich und individuell verantwortlich gemacht werden können? Wie stellen Sie sich ein Strafrecht vor, das auf ein "kollektives Verbrechen einer ganzen Familie" eine nach Ihrer Auffassung zureichende Antwort findet? Ich gestehe jedem Angehörigen welcher Religion auch immer und jedem Atheisten zu, etwas zu glauben, für das er nach rationalen Kriterien keine Beweise hat. Aber ich gebe niemandem - und schon gar nicht einem Bischof der Kirche, der auch ich angehöre - das Recht, einen Mitmenschen öffentlich moralisch zu verurteilen, bevor er dafür Beweise nennen kann. Und wer sich in der "Bild" äußert, muss ganz besonders vorsichtig sein. Er muss - noch dazu als Mann in Ihrer Position - wissen, dass dort nahezu jede Aussage auf die Ebene einer Stammtischparole verkürzt wird. Die reißerische Überschrift "Bischof verurteilt Ehrenmord-Familie" spricht für sich. Wenn sie persönlich wirklich überzeugt sind von der moralischen Mitschuld anderer Familienmitglieder, dann nennen Sie Ross und Reiter: Sagen Sie bitte genauso öffentlich, worauf Sie diese persönliche Gewissheit von der "Kollektivität des Verbrechens" stützen. Oder entschuldigen Sie sich bei der Familie für Ihre unbedachten Äußerungen. Und warten Sie ab, wie das noch nicht rechtskräftig abgeschlossene Verfahren ausgeht. Die Unschuldsvermutung gilt auch für die nicht verurteilten Angehörigen der Familie des Opfers. Wer gerade in diesem Fall den Angehörigen öffentlich ohne Beweise moralische Schuld zuweist, schürt Fremdenfeindlichkeit.
Kein Kommentar.

"Mutmaßlicher Rechtsextremer sticht Mann nieder"

Einsam berichtet NDR online über den Zwischenfall am Samstagmorgen bei Hannover. Im Text geht es um einen Täter, der "rechtsradikale Lieder" singt, "verfassungsfeindliche Symbole" trägt, fremdenfeindliche Parolen ausruft - und wird im Titel nur als "mutmaßlicher" Rechtsextremer benannt.

Klar, Vorsicht ist geboten, sonst fühlt sich Schönbohm oder gar Schäuble gezwungen, etwas Intellektuelles dazu zu sagen. Das wollen wir doch vermeiden. Deswegen bleibt es lieber bei der einzigen Meldung, keine Zeitung will davon etwas wissen. Klar, es geschah nicht im Osten, angegriffen wurde "nur" eine deutsche Italienerin, lebensgefährlich niedergestochen - ein Deutscher. Da gibt es nichts zu berichten, nicht wahr?

23.4.06

Meggle zu Tränen gerührt: "Ist so etwas an einer Uni verboten?"

Eine Veranstaltungsreihe an der Universität Leipzig ging zu Ende. Der Veranstalter Georg Meggle berichtet bei Heise und teilt seinen Bericht in die Abschnitte: Information zuerst, Kommentar danach. Das klingt sehr wissenschaftlich, ja, sehr wissenschaftlich. Nur - mit der Teilung in Paragraphen endet die Wissenschaftlichkeit leider. Das Problem der gesamten Session sowie der Darstellung durch Meggle ist seine unwissenschaftliche, zutiefst persönliche Note sowie die offene Einseitigkeit und Parteinahme.

Die Leipziger Philosophen haben offensichtlich Schwierigkeiten sowohl mit der Ethik als auch mit der Planung: Wird das Fach so vertreten? Werden Gelder so ausgegeben?

Einige Beispiele:
Beide Seiten widersprechen sich. Wir haben also ein echtes Dilemma. Dieses Dilemma manifestiert sich nicht nur bei diesem Thema und nicht nur bei Universitäts- Ringvorlesungen. Das Dilemma zwischen Distanz-Notwendigkeit und Distanzierungs-Unmöglichkeit ist ein ganz allgemeines. Es tritt überall dort auf, wo ein Streben nach Erkenntnis und Verstehen einerseits und ein Verlangen nach (individueller wie kollektiver) Vergegenwärtigung von Vergangenem (in unserem Fall: von vergangenem und gleichwohl nachwirkendem Leid) andererseits miteinander in Konflikt geraten.
Es geht zuerst um die Vorstellung und die Gegenüberstellung von zwei Positionen - etwa so? Welche sind es? Israel und die Palästinensische Autonomie? Nein, es geht um "das Dilemma zwischen Distanz-Notwendigkeit und Distanzierungs-Unmöglichkeit". Es wird zu Beginn des Artikels postuliert, was sein (durchaus ethisches!) Thema sein sollte. Dieses Thema wird im Verlauf des Berichtes nie wieder, von keinem der Redner aufgenommen und behandelt. Das Thema bleibt also nur im Bewußtsein des Professors existent, der alles geplant und durchgeführt hat. Aha. Und der nicht gemerkt hat, dass die gesamte Reihe zu einem anderen Thema umgedeutet wurde, zum Thema - Ein nettes Gespräch über verschiedene Blicke auf den Konflikt im Nahen Osten.
PS.1 Seine klaren Argumente zur Rechtfertigung der Gegengewalt von Seiten Israels unterstützte der Referent mit zahlreichen Fotos von den Opfern von Selbstmordattentaten. Fotos, die beim Betrachter außer Entsetzen auch reflexartig die Solidarität mit den Opfern und deren Angehörigen auslösen. Bei jedem, der noch einen Rest von menschlichem Mitgefühl hat.
So gibt Georg Meggle den Inhalt des Vortrags eines Vertreters der israelischen Likud-Partei wieder. "Klare" Argumente und "zahlreiche" Fotos der israelischen Seite sind dazu da, um eine "reflexartige Solidarität" auszulösen. Das schreibt er im informativen Abschnitt, das Wort "reflexartig" verrät die wertende Position des Berichterstatters, die gleich darauf deutlicher wird:

Und die eines vergessen machen: Dass es entsprechende Bilder auch auf der anderen Seite gäbe; mit den gleichen Wirkungen, wenn wir deren Bilder überhaupt zu sehen bekämen. Und zudem verschweigen solche Bilder den gewöhnlichen Alltag: und der ist auf den beiden Seiten ein sehr verschiedener.
Wir werden belehrt, all die unzähligen Fotos der israelischen Opfer, die Meggle und wir jeden Tag sehen (Vorsicht, Ironie!), sollten bei uns keine "reflexartige Solidarität" auslösen. Zudem leben Israelis besser als Palästinenser, das sollten wir ihnen übelnehmen. Das ist die Meinung des verantwortlichen Profs.

Damit wir noch mehr Verständnis für die missionierende Position des Autors einbringen, springen wir zu seiner Beschreibung des Auftrittes einer friedensengagierten Palästinenserin:

Sumayas Beiträge sind nicht nur wie aus dem Leben gegriffen, sie sind das Leben – und zeigen das Leben unter israelischer Besatzung. Das heißt, mit ihren Worten: Isolation; Trauer; Angst um mich, um die Familie und um die Zukunft; Depression; das Gefühl zu ersticken; Wut, Verzweiflung; Armut; Schuldgefühle; Aggression; Streit in der Familie, in der Klasse, auf der Straße; Unruhe und Schlaflosigkeit; Rachegefühle; Neid; Gefühllosigkeit und Gleichgültigkeit; Früh-Heiraten; Gewalt – auch in den Familien.

PS: Man muss Sumaya Farhat-Naser hier stehen gesehen haben: wie eine Tänzerin, die mit leuchtenden Augen lachend die schwarzen Vögel der Dummheit und des Wahnsinns vertreibt. Eine Liebeserklärung, ich weiß. Ist so etwas an einer Uni verboten?
Alles emotional - sowohl die Information als auch der persönliche Kommentar, ohne jegliche Warnung vor "reflexartigen Solidarität". Alles klar?

Letzten Endes entsteht der Eindruck der typischen Selbsttherapie auf Staatskosten, den der Autor freiwillig bestätigt:

PS.2 Am lehrreichsten waren für mich nicht die Vorlesungen, sondern die persönlichen Begegnungen drum herum: die Vorbereitungsgespräche und die Gespräche danach. Abraham Sion zum Beispiel hatten wir, meine Tochter und ich, bereits im Februar 2005 in einem Cafe in Tel Aviv zu einem langen Vorgespräch getroffen. Ich hatte dabei erzählt, dass ich beim Beginn des 1967er Krieges, da war ich junger Fallschirmjägerleutnant beim Bund, bereit war, mich, so das nötig werden sollte, als Freiwilliger zur Verteidigung Israels zu melden. Ich war überrascht, daraufhin zu hören, dass im Sechstagekrieg tatsächlich deutsche Freiwillige beteiligt gewesen waren. Noch nie habe ich so viel in Geschichte gelernt wie im Kontext dieser Ringvorlesung.
Ich würde sagen, es gibt auch Bücher, u.a. auch im Fach Geschichte. Einige Professoren wissen das offensichtlich noch nicht.

Im anderen Fall warnt Georg Meggle seine Leser schon wieder - aber diesmal ganz andererseits - davor, der Hamas die von ihm propagierende "reflexartige Solidarität" zu entziehen:

PS: Vor einem Ignorieren dieses Plädoyers kann ich nur warnen. Was wäre das für ein Verständnis von Demokratie, demokratische Wahlen nur dann zu akzeptieren, wenn sie zum gewünschten Ergebnis geführt haben. Mit dieser Haltung würde sich die Forderung einer Demokratisierung des Nahen Ostens – bzw. der gesamten arabischen Welt – nur selbst als das entlarven, was es vielleicht ja auch ist: als Propaganda-Rhetorik.
Das Niveau eines Anfängers, eines aggressiven Laien in der Politologie und Geschichte. Welches Fach will Meggle eigentlich vertreten?

Chomsky, Krippendorff, Beck, Kapitan, Avnery, Honderich, Primoratz - in der Darlegung Meggles sind sie alle lächerlich und einseitig antizionistisch geprägt. Einige davon bestimmt gewollt, die anderen werden uminterpretiert. Neben Chomsky sieht Georg Meggle nur einen auf der gleichen hohen Stufe der Erkenntnis - das ist "der Physiker, Geigenbauer und Auschwitzüberlebende" Hayo Meyer! Die Krönung der ethischen Philosophie nach Meggle: Deutschland, Israel, Hayo Meyer als drei ethische Postulate! Das sieht so aus:

* (D) Nie wieder Auschwitz!
* (I) Nie wieder Opfer!
* (HM) Nie (so werden) wie die Täter !
Soll man hier weinen oder lachen?

Am Rande sei noch erwähnt, dass Georg Meggle auch den Film "München" für sich umzuinterpretieren weiß:

Wer selbst zum Täter wird, verliert letztlich seine eigene Seele. (Das ist die Lehre, die uns und den Israelis Spielbergs "Gebet für den Frieden" – sein neuer Film "München" – zu recht nahe legt.)
Dieser Prof. ist ein Wunder der Wissenschaft, wahrlich sage ich euch, wahrlich...

Meggle, bleib bei deiner Butter!

Wer hat "Schwein" gesagt?

Gestern haben zwei Zeitungen den Versuch unternommen, den Tathergang in Potsdam zu rekonstruieren. Das Resultat ist ein ziemlicher Widerspruch. Die "Märkische Allgemeine" will den entscheidenden Moment so gesehen haben:

Kurz danach sollen die späteren Täter, einer links, einer rechts, Ermyas M. an der Haltestelle passiert haben. Der 1,97 Meter große Mann aus Addis Abeba soll danach die beiden Männer, die schon einige Meter entfernt waren, mit dem Wort "Schwein" beleidigt und zumindest einen zu treten versucht haben. Der Tritt wird durch die Zeugenaussage eines vorbeifahrenden Taxifahrers bestätigt. "Schwein" ist auf dem originalen Mailbox-Mitschnitt zu hören. Danach beschimpften die beiden Männer Ermyas M. als "dreckigen Nigger".
Das Opfer ist somit zum Täter umgewandelt worden, weil er als Erster seine Schläger beschimpft haben soll. Der Beweis wird in der Handymailbox-Aufnahme geortet. Über den Unterton des Berichtes ("der Mann aus Addis Abeba") sage ich kein Wort.

Die Berliner "B.Z." macht das gemeinte Fragment publik, ohne zu wissen, was Kollegen am selben Tag behaupten:

Täter1: „So, Nigger...“
Täter2: „Wie heißt deine Mutter, Mann?“
Täter1: „Was soll ’n passieren, sag’?“
Täter2: „Was meinst du, Schwein?“
Opfer: „Warum sagst du Schwein? Was denn? Geht doch mal bitte, ja?“
Täter2: „Scheiß Nigger!“
Täter1: „Was soll uns passieren? Wir machen dich platt, du Nigger! Was soll passieren?“
Hier steht schwarz auf weiß - das Opfer wird beschimpft und versucht die Situation zu deeskalieren. Das Opfer bleibt also das Opfer.

Einige schnelle Interpreten wollen nur die erste Meldung gelesen haben und ziehen voreilige Schlüsse. Diese Interpretation wird von vielen weiteren Quellen übernommen und zitiert. Die zweite Meldung musste ich mühsam suchen, keine einzige Zitation habe ich gefunden.

Schäuble kann ruhig schlafen, sein rassistischer Spruch wird sehr bald vergessen werden: die Medien sorgen dafür.

22.4.06

Unterstellte Menschlichkeit eines Schäuble

Die ersten Zeitungskommentare sind erschienen. Ich bin nicht an den in der FAZ rangekommen. Dafür kann ich drei Beiträge - zwei contra und einen pro - zitieren, die in den kleineren Zeitungen geschrieben wurden.

Die "Berliner Zeitung" bringt einen anonymen, somit redaktionellen Kommentar:

Wenn in Brandenburg was schief läuft, ob es sich jetzt um Neugeborene in Blumentöpfen handelt oder halb tot geprügelte Schwarze, sind regelmäßig einige CDU-Politiker mit Überschallgeschwindigkeit an den Mikrofonen und wissen warum: Die Mauer ist schuld! Der Sozialismus! Die jahrelange Abschottung! Man nennt das auch das Schönbohm-Syndrom. Diesmal ist sogar Wolfgang Schäuble infiziert, der gleich anmerkt, dass auch blonde, blauäugige Menschen Opfer von Gewalt sind. Sicher gibt es ein Gebiet, auf dem blonde, blauäugige Menschen gezielt Opfer von Gewalt werden: in schwedischen Domina-Pornos! In Brandenburg hingegen ist nur das Innenministerium ziemlich blond im Kopf und besonders blauäugig, wenn es um rechte Gewalt geht. Da sagt Schönbohm auch gleich, dass nicht notwendigerweise ein fremdenfeindlicher Hintergrund gegeben sei, nur weil einer der Täter "Scheißnigger" sagt. Klar, vielleicht handelt es sich bei "Scheiß - Nigger" bloß um eine freundliche Aufforderung zur Entleerung des Enddarms?

Da es sich bei solchen Gewalttaten nur um "bedauerliche Einzelfälle" handelt (übrigens reden Nazis auch gerne von "bedauerlichen Einzelfällen", wenn sie über Auschwitz referieren!), sieht man kaum Handlungsbedarf. So sollen etwa staatliche Vorsorgeprogramme gegen rechte Gewalt weniger Geld erhalten, um dafür linksextremistische Gewalt besser zu bekämpfen. Wo gibt es denn noch Linksextremisten? Die werden doch mittlerweile von der UNO unter "bedrohte Tierarten" geführt!

Vielleicht sollten wir Schäuble informieren, dass nicht nur blonde, blauäugige, sondern sogar rothaarige, grünäugige Menschen Opfer von Gewalt werden. Und brünette, grauäugige. Bloß an braunäugige Glatzen traut sich keiner so recht ran!
Die "Märkische Allgemeine" berichtet über eine Seminararbeit (!) an der Universität Potsdam. Im Artikel lesen wir u.a.:

In Anspielung auf Äußerungen von Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) sagte Studienteilnehmer Marvin Schulte: "Es werden auch blonde, blauäugige Punks Opfer rechter Gewalt."

Die Verfasser der Studie gehen davon aus, dass es in Potsdam etwa 200 Neonazis gibt, darunter 90 gewaltbereite. Sie berufen sich auf Angaben des brandenburgischen Innenministeriums. Entgegen Angaben der Polizei sei die Szene sehr wohl organisiert. Das habe das geballte Auftreten von Rechten bei Gerichtsprozessen bewiesen. Auch regelmäßig erscheinende Flugblätter des "Schutzbund Deutschland", Aufkleber und rassistische Schmierereien mit dem Zusatz "Anti-Antifa Sektion Potsdam" seien als Beleg für organisierte Strukturen zu werten, sagte Schulte. Das Verbot der rechtsterroristischen "Nationalen Bewegung" Anfang 2001 habe die Zahl der Straftaten zunächst eingedämmt. Inzwischen sei die Szene wieder strukturiert und erhalte Unterstützung aus Berlin.

"Potsdam hat ein Problem mit Rechts", sagte Schulte. Er forderte eine Auseinandersetzung. Insbesondere die Stadt sei in der Verantwortung. "Ich vermisse eine effektive Arbeit auf der Straße", sagte Schulte. Die Mobile Einsatzeinheit gegen Gewalt und Ausländerfeindlichkeit (Mega) und die täterorientierten Maßnahmen gegen extremistische Gewalt (Tomeg) der Polizei seien ohne Auswirkungen geblieben, fügte Blénessy hinzu.

So weit so gut. Und die versprochene Reaktion aus dem Ausland? Tja, sie ist ein besonderer Leckerbissen und kommt aus der Schweiz:

Der deutsche Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) ist ein Intellektueller und also keiner, der gedankenlos Plattheiten verbreitet. Umso heftiger waren die Reaktionen auf Schäubles Mahnung, das Verbrechen von Potsdam nicht voreilig zu schubladisieren. Noch kenne man die Täter und deren Motive nicht, sagte Schäuble kurz vor der Präsentation der angeblich Schuldigen und meinte wörtlich: «Es werden auch blonde blauäugige Menschen Opfer von Gewalttaten.» Als unerträglich und zynisch bezeichnete etwa Grünen-Chefin Claudia Roth diese Aussage und beschimpfte ihn wie viele andere als Verharmloser rechtsextremer Gewalt. Dass sich hier ein Politiker äusserte, der blaue Augen hat, helle Haare und selbst Opfer eines Gewaltverbrechens geworden war, gehört aber offenbar auch zu einer Realität, die - bequemerweise - ausgeblendet werden darf. Menschlichkeit ist aber auch ein Motiv, und Schäuble hätte es verdient, dass ihm das jemand unterstellt. Weil er aufmerksam machen wollte auf eine Welt, die sehr komplex gewalttätig ist. Und darum gibt es für die Politik nichts zu beschönigen - und nichts zu verharmlosen.
Noch einmal: Schäuble meine sich selbst, wenn er von den "blonden blauäugigen" Opfern "von Gewalttaten, zum Teil sogar von Tätern, die möglicherweise nicht die deutsche Staatsangehörigkeit haben", gesprochen hatte. Und sein Motiv, darüber zu reden, sei seine Menschlichkeit, die jemand ihm endlich unterstellen solle.

Also wirklich, eine ungeheuere Unterstellung, die aber jemand wagt, und zwar der mutige Fritz Dinkelmann in der Zeitung mit dem wunderschönen Titel "Schaffhauser Nachrichten". Weiter so!

Speziell für Schäuble

Im Zusammenhang mit der Untersuchung des fremdenfeindlichen Überfalls in Potsdam hat die "Süddeutsche" einige Leserbriefe veröffentlicht. Sie stehen nicht online zur Verfügung. Ich habe mir erlaubt, einen davon abzutippen. Der folgende Text erwähnt keine blauäugige Sprüche - er ist aber die treffende Antwort auf diese Sprüche. Die Realität ist anders als Wolgang Schäuble & C° sie sehen will:

Über das Silvesterwochenende war ich in Potsdam zu Besuch. Am 30. Dezember ging ich spät abends in eine Gaststätte in einem Neubaugebiet. Die Gaststätte war gut gefüllt. Die Leute tanzten zur Musik oder unterhielten sich ausgelassen. Plötzlich kippte die Stimmung. Es waren Nazis gekommen. Die brüllten ihre Parolen und beschimpften die Gäste. Viele Gäste verließen fluchtartig die Gaststätte. Ich stand auf und sagte den Typen, sie sollten damit aufhören. Daraufhin stand einer auf und schlug mir ins Gesicht. Ich zahlte, ging und rief die Polizei. Die kam in Zivil und in Uniform. Auf meine Beschreibung hin holten sie die Typen heraus. Die Neonazis wurden freundschaftlich befragt, und der Chef der Polizeigruppe gab mir den Rat: "Sie sollten abends nicht in eine Gaststätte gehen!" Ich war bedient und ging. Die Staatsanwaltschaft Potsdam teilte mir vorige Woche mit, dass es nicht im öffentlichen Interesse liege, die Sache weiter zu verfolgen.

JAN JOREK, Markkleeberg

21.4.06

Brie sagt, was Avnery denkt, Avnery denkt, was Brie sagt

In der Zeitung "Freitag" von heute gibt es zwei Beiträge zum israelisch-palästinensischen Konflikt. Die Zahl ist schon nicht schlecht, ich meine, nur zwei ist schon in Ordnung. Andere deutschsprachige Zeitungen schaffen an einem Tage auch nicht, sich ihrem Lieblingsthema weniger zu widmen.

André Brie erzählt über eine Begegnung mit einem Hamas-Politiker und zitiert ihn:
Der Holocaust gegen die Juden hat sechs Jahre gedauert, der Holocaust gegen die Palästinenser währt bereits sechs Jahrzehnte.
Brie vermerkt dazu:
Wer so denkt, kann keine Lösung herbeiführen.
Scharf bemerkt, nicht wahr? Was folgt für André Brie aus diesem Schluss? Noch einmal also - er spricht mit einem verantwortlichen Politiker einer Terror gutheißenden Regierung und stellt fest, sie kann keine Lösung herbeiführen. Was folgt daraus für einen schreibenden Politiker? Wie geht man mit einer Regierung um, die keine Lösung herbeiführen kann? Das geht bei ihm ganz einfach - man identifiziert diese Regierung mit dem Volk und verzichtet auf Forderungen, weil man ja dem Volk helfen möchte. Mit anderen Worten, die Hamas nimmt das palästinensische Volk als Geisel und beansprucht für sich die Bevormundung des Volkes - durch die Geschichtslügen, durch die Verbreitung falscher Meldungen und somit die verbrecherische Propaganda des Terrors. Und wenn die Hamas das will, wie kann man ihr das verbieten? Man sagt, sie würden doch von der Mehrheit des Volkes gewählt, das Volk wolle das so. Das muss man respektieren. Ab nun heißt sie nicht mehr Hamas-Regierung, sondern "die Palästinenser-Regierung":

Wer die Palästinenser-Regierung boykottiert, begünstigt neue Gewalt
Das ist zwar ein Umkehrschluss, aber wer will da schon was dagegen sagen...

Dass ein großer Teil eines derart gedemütigten Volkes Fundamentalisten wählt, ist nur zu erklärlich. Aber statt die Ursachen zu beseitigen oder abzuschwächen, wird das ganze Volk jetzt für das Ergebnis einer demokratischen Wahl bestraft, die in der arabischen Welt ihresgleichen sucht. Der Finanzboykott der Autonomiebehörde trifft nicht die Hamas-Regierung, sondern die Bevölkerung. [...] Insofern ist die Blockade der Finanzhilfen für das palästinensische Volk verbrecherisch, inhuman und kontraproduktiv.
Das klingt gut, zwar mehr als nur einseitig, aber wer will da schon über Feinheiten reden...

Der Westen applaudiert Israel und nimmt die verheerenden Konsequenzen in Kauf, obwohl sie auch ihn selbst erreichen werden.
Eine Prophezeiung des Horrors kommt auch gut an, egal, dass sie von falschen Prämissen ausgeht...

Richtig ist, dass die Hamas-Regierung das Existenzrecht Israels und den Gewaltverzicht anerkennen muss - Gleiches muss aber endlich auch mit klarer Stimme von den Israelis gefordert werden.

So wird die Propaganda gemacht. Einige besonders erfolgreiche Beispiele dieser Art kennen wir schon. Das Wörtchen "endlich" haben wir in diesem Zusammenhang gut in Erinnerung, oder?

Für den blutigen Anschlag am Montag in Tel Aviv gibt es keine Rechtfertigung. Und ebenso keine für die brutalen israelischen Angriffe auf den Gazastreifen.
Es gibt zwar keine "brutale israelischen Angriffe auf den Gazastreifen", insbesondere nach dem blutigen Anschlag in Tel Aviv. Aber wer will das schon wissen? Will das André Brie wissen?

Er sagt, was er denkt, nicht das, was wahr ist.

In der Zeitung findet sich noch ein Beitrag zum Thema, geschrieben zwar viel-viel indirekter, geschickter, aber immer noch einseitig. Allerdings kann Avnery das auch viel besser als Brie. Er schreibt:

Derzeit gibt es drei Lager in Israel: Das erste rekrutiert diejenigen, die wirklich mit den Palästinensern verhandeln wollen, um die Zwei-Staaten-Lösung zu ermöglichen. Das zweite umfasst all jene, die einen "einseitigen" Rückzug wünschen, um Teile der Westbank zu annektieren und deren Rest den Palästinensern zu überlassen, nachdem dort die Siedlungen aufgelöst wurden. Schließlich gibt es die dritte Gruppe, die solch einen "einseitigen" Rückzug unter dem Vorwand ablehnt, den Palästinensern werde Land gegeben, ohne dass die selbst etwas dafür geben müssten. Tatsächlich wird von dieser Seite jedes Abkommen mit den Palästinensern und jede Rückgabe von Land ausgeschlossen. Amir Peretz gehört zur ersten Fraktion, Olmert zur zweiten, Lieberman samt Yishai zur dritten. Die "Grundlegenden Richtlinien" sollen sie alle zufrieden stellen!
Wie? - Die Antwort liegt im britischen Witz. Das heißt, Israel wird zunächst die Palästinenser zu einem Frieden aufrufen, der auf einer Zwei-Staaten-Lösung beruht. Wenn dann klar wird, dass es keinen Partner für solch einen Frieden gibt, wird man sein Schicksal in die eigenen Hände nehmen und die Grenzen einseitig festlegen. In seiner Rede am Wahltag wandte sich Olmert bekanntlich mit klingendem Pathos direkt an den palästinensischen Präsidenten Abbas und bot ihm an, mit Friedensverhandlungen zu beginnen.

Diese Offerte ist von einem großen Augenzwinkern gegenüber dem israelischen Publikum begleitet. Jeder versteht, dass dies eine Phase ist, die wir durchlaufen müssen, bevor wir zur eigentlichen Sache kommen. Das Manöver bedient vielfältige Absichten: Es soll Amir Peretz mit einem Feigenblatt versehen, wenn er darum gebeten wird, die einseitigen Schritte zu unterstützen - und es soll die Amerikaner zufrieden stellen, wenn sie darum gebeten werden, der Annexion großer Teile der Westbank zuzustimmen, und Lieberman wie der Shas-Partei Zeit geben, in der sie sich an der Regierung erfreuen, bevor Ehud Olmert den "Plan des Zusammenlegens" erfüllen wird.

Das ist allen klar. Darum diskutiert keiner - absolut keiner - das Angebot an Mahmoud Abbas, während jeder über die Annexion redet, die danach kommt. Wie jener britische Wachsoldat: Rufe einmal, rufe zweimal, rufe ein drittes Mal - und dann schieße.
Zuerst wird die politische Situation gezeichnet, richtig gezeichnet. Es gibt sie, diese drei Lager, es gibt auch strategische sowie taktische Überlegungen und Schritte, wie gesagt. Am Ende wird aber ganz fein interpretiert - mit Witz wird der israelischen Regierung das "große Augenzwinkern" unterstellt. Sie reden vom Frieden? Ha-ha, und das soll Avnery dieser Regierung glauben? Auf gar keinen Fall. Das letzte Wort in dem feinen britischen Witz kommt deswegen nicht aus dem zu Beginn des Artikels erzählten Witz selbst - es soll geschossen werden, meint Avnery. Das mit dem Humor ist aber eine heikle Sache.

Uri Avnery nimmt den Witz über einen blöden Wachsoldaten zur Hilfe als eine rhetorische Figur. Der Wachsoldat schießt, ohne nachzudenken. Man lacht darüber, weil es ein Zeichen blinden Gehorsams und mangelnder Urteilsfähigkeit ist. Avnery unterstellt der israelischen Regierung dasselbe: Sie tue aus seiner Sicht genauso. Avnery muß dabei nichts beweisen, weil es das nicht direkt sagt, er deutet das nur an. Er denkt dabei das, was Brie sagt.

Im Grunde geht es um die Propaganda, die neulich an einem treffenden Beispiel gut entlarvt wurde. Ein amerikanischer Professor für Philosophie, Michael Neumann, hat diese Position selbtsagend (die Darstellung des Falls siehe hier und hier) offenbart:

My sole concern is indeed to help the Palestinians, and I try to play for keeps. I am not interested in the truth, or justice, or understanding, or anything else, except so far as it serves that purpose…I would use anything, including lies, injustice and obfuscation, to do so. If an effective strategy means that some truths about the Jews don’t come to light, I don’t care. If an effective strategy means encouraging reasonable anti-Semitism or reasonable hostility to Jews, I don’t care. If it means encouraging vicious racist anti-Semitism, or the destruction of the State of Israel, I still don’t care.
Zu viel hinein interpretiert?

Schäuble am Pranger

Eigentlich nichts Neues. Wolfgang Schäuble meldet sich zu Wort und sagt:

Es werden auch blonde blauäugige Menschen Opfer von Gewalttaten, zum Teil sogar von Tätern, die möglicherweise nicht die deutsche Staatsangehörigkeit haben. Das ist auch nicht besser.

Er darf das (Tätervolk-Spezialist-Hohmann lässt grüßen). Warum? Weil die kritische Reaktion darauf, einen vollen Tag darauf, sehr bescheiden aussieht - einige Stimmen aus der Opposition (das typische Beispiel kommt aber von den Jusos. Der Text ist gut - besser, als von den Grünen oder derPDS, nur warum wohl kommt er von den Jusos?), kaum von der Presse, erfreulich viele Blogger. Mal abwarten, wie und ob das Ausland kommentiert.

Bis dahin dürfen die Blogger meckern. Von den Texten, die mir persönlich zusagen, verlinke ich hier die folgenden (in chronologischer Reihenfolge):
Man schnappt als aufgeklärter Mensch bei solcher Argumentation doch manchmal hörbar nach Luft. (Link)

Wie absurd, zynisch und offen rassistisch jemand wie Schäuble agiert. (Link)

Mein lieber Herr Schäuble: Ein Mensch ringt auf der Intensivstation mit dem Tod. Ein Mensch, der von den Tätern deutlich vernehmbar "Nigger" genannt wurde. Und sie, Herr Schäuble, entblöden sich nicht, anzumerken, dass die Hintergründe dieser Tat ja noch gar nicht eindeutig klar seien.

Zudem: Welchen Eindruck haben jetzt die Menschen, die möglicherweise keine deutschen Staatsangehörigen sind und trotz dieses von Ihnen offensichtlich als Makel empfundenen Zustands trotzdem ganz normale, anständige Menschen sind? Ist das Ihr Verständnis von Integration? [...] Hat sich damals, als Sie das Opfer eines Attentäters wurden, jemand hingestellt und geblökt: "Es werden auch andere Menschen als Politiker Opfer von Gewalttaten, zum Teil sogar von Tätern, die möglicherweise nicht die deutsche Staatsangehörigkeit haben." Wie hätten Sie wohl auf einen solchen Spruch reagiert?

Wie wäre es mit einer sofortigen, bedingungslosen Entschuldigung bei der Familie des Opfers? Und mit einem sofortigen Rücktritt, da Sie offensichtlich nicht mehr in der Lage sind, Ihr Amt angemessen auszuüben?

Jetzt leiste ich mir nämlich mal einen Spruch: Es ist bekannt, dass Opfer von Attentaten möglicherweise lebenslang von Verfolgungsängsten und Paranoia gepeinigt werden. Kann es wohl sein, Herr Schäuble, dass Ihre Urteilsfähigkeit durch diese besonderen Umstände getrübt ist? Ist dies der Fall, wäre Ihre Äußerung natürlich entschuldigt und Ihnen könnte geholfen werden. In verantwortungsvoller Position sind Sie dann aber nicht länger tragbar.

(Link)

was soll denn diese anspielung? es werden auch grünäugige deutsche und ausländer opfer. offenbar soll diese bemerkung relativieren und anspielungen und andeutungen in den raum stellen, warum? deutsche werden opfer von deutschen und nicht-deutschen, banal, allerdings ist der rassismus eine typische inländermotivation (in unserem land eben i.d.r. deutsch).
daß andere gewalttaten besser seien, hat niemand behauptet! das ist mal wieder typisch plumpe rhetorik, etwas in den raum stellen, was niemand behauptet hat, um dann gegen diese nullaussage zu argumentieren. ein selbst inszeniertes und selbstgerechtes schattenboxen. gleichzeitig werden blond-blauäugige sprachbilder verwendet, die eindeutig aufgeladen sind, andeuten aber nicht direkt aussprechen, was sich die hörerInnen selbst daraus zusammenreimen sollen. übrigens herr schäuble, das opfer in potsdam ist ein deutscher!

Niemand dürfe in Deutschland diskriminiert werden, weder Ausländer noch Deutsche. wieder so ein platter allgemeinsatz, der den konkreten, rassistischen überfall relativiert und verwässert. seit der vereinigung deutschlands wurden über 100 menschen wegen ausländerfeindlicher, rassistischer motive ermordet. tausende brutale ausländerfeindliche gewalttaten mit schwersten körperverletzungen wurden begangen. als meister der relativierung möchte ich jetzt mal die statistik von herrn schäuble sehen, in der eine entsprechende anzahl blonder und blauäugiger wegen ihrer deutschen nationalität ermordet, geschändet oder gequält wurden.
(Link)

Daß Schäuble sich meiner Ansicht nach mit seinen blonden und blauäugigen Sprüchen in der logischen Struktur des "Bomben-Holocaust", im Rahmen dieser Nietzeanischen Umkehr- und Verdrehungssprüche bewegt, sollte als Grund für einen Rücktritt wohl reichen ... der Mann hat in einer Regierung im Jahre 2006 einfach nichts zu suchen. Zudem ein Schäuble sowas nicht einfach so dahersagt, als einer der wenigen Intellektuellen unter den Politikern Deutschlands (Link)


Schäubles Versuche, die Tat zu relativieren, sie – ebenso wie ausgerechnet Brandenburgs Innenminister Schönbohm - trotz des aufgrund der Aufzeichnung der Handy-Mailbox, auf der das Opfer als "dreckiger Nigger" [extern] beschimpft wurde, von einem rassistischen Motiven zu lösen und sie auch dann, wenn er sie mit Ausländerfeindlichkeit und Rechtsextremismus zusammenbringt, nur dem Osten Deutschlands zuzuschanzen, sind ebenso erbärmlich wie entlarvend. Schäuble hätte ein Zeichen setzen können, gerade weil die Situation gewissermaßen auch für seine Position günstig war. Schließlich ist das Opfer ein gut integrierter Wissenschaftler, der mit seiner Familie in Potsdam lebt, also ein Wunschzuwanderer, der nicht dem Sozialsystem auf der Tasche liegt. Schäuble forderte aber nicht die Deutschen dazu auf, ihren Teil zur Integration beizutragen, sondern monierte im Kontext der Gewalttat einmal wieder, dass "Versäumnisse über Jahrzehnte" gemacht worden seien, die größtenteils bei den Zuwanderern liegen. Überdies hatte Schäuble erst noch vor kurzem [extern] gemeint, dass die "Friedfertigkeit und Freiheitlichkeit unserer Gesellschaft" durch Zuwanderung nicht verloren gehen dürfe. Andersherum scheint dies nicht zu gelten. Vielleicht müssten auch deutsche Politiker erst einmal einem Test unterworfen werden, durch den sie beweisen können, dass sie integrationsfähig sind.
(Link)

Das ist schon mal was - ja, nicht sehr viel, aber mehr als Nichts in den übrigen Medien.

19.4.06

Die Hamas spricht

Die "Frankfurter Rundschau" hat einen merkwürdigen Text publiziert. Der Text stammt von Andrea Nüsse und ist nicht besonders lang - nehmen wir ihn hier doch auseinander. Vielleicht fühlt man sich nachher besser.

Es geht mit dem Untertitel los.

KOMMENTAR: ISRAEL/HAMAS
Aus dieser Benennung geht hervor, Israel und Hamas seien zwei Konfliktparteien. Nicht die Palästinensischen Autonomiegebiete: mit der Hamas an der Regierung heißt das künftige Land für die Zeitung ab nun Hamastan, so? Gibt es eine andere mögliche Deutung?

Der Titel ist noch besser:
Im Würgegriff
Gemeint ist ein Satz aus dem weiteren Text, den ich hier gleich vorwegnehme, weil es sonst nicht klar ist:
Die vom [israelischen] Kabinett beschlossenen Maßnahmen töten nicht. Aber sie stärken den Würgegriff um die Gurgel der Palästinenser.
Die Zeitung kommentiert den palästinensischen Terrorakt in Tel-Aviv am 17.04.2006 und die Reaktion der israelischen Regierung darauf. Opfer und Verwundete werden nicht erwähnt, die Reaktion der Weltöffentlichkeit auch nicht. Nicht Israelis wurden getötet, Palästinenser seien "im Würgegriff". Sie würden langsam gewürgt. Das solle die Deutung des Anschlags sein. So meint die Hamas, so schreibt die Arabistin aus Kairo.

Die Tragödie nimmt ihren Lauf. Die von der Hamas geführte palästinensische Regierung hat sich nicht von dem Terroranschlag in Tel Aviv distanziert. Im Gegenteil.
Wir hätten es so gerne, dass die Hamas sich davon distanzieren würde. So wie Arafat und Abbas es immer getan haben. Im Gegenteil, die Hamas begrüßt die Anschläge. Das soll doch gewürdigt werden, ehrlich sind sie, stehen dazu, was sie meinen und tun.

Und die Reaktion der israelischen Regierung wirkt nur auf den ersten Blick zurückhaltend. Premier Olmert und sein Kabinett verzichten zwar zunächst auf eine militärische Offensive als Antwort auf den Selbstmordanschlag des Islamischen Dschihad.
Die Reaktion der Hamas ist somit nicht so schlimm. Sie halten sich nicht zurück und das ist auch gut so. Die israelische Reaktion dagegen ist verdächtig zurückhaltend. Sie verzichten auf eine militärische Offensive. Ein leichtsinniger Leser würde das vielleicht gutheißen. Die Fachfrau für die Hamas-Ideologie deutet an: Dem ist nicht zu glauben. Nebenbei erfahren wir, dass die Hamas mit dem Anschlag eigentlich nichts zu tun hat, das waren die anderen. Was kann die Hamas-Regierung da tun? Klar, nichts. Die Leute wollen das doch so.

Doch die bereits stark eingeschränkte Bewegungsfreiheit innerhalb der Palästinensergebiete soll weiter beschränkt werden. Auch Mitglieder der Regierung können ermordet werden, falls Israel das für nötig hält. Und drei Ministern und Abgeordneten der Hamas, die aus Ost-Jerusalem stammen, soll die Aufenthaltsgenehmigung in ihrer Heimatstadt entzogen werden. Dies ist eine der schärfsten und symbolträchtigsten Waffen, über die Israel verfügt. Denn systematisch versucht Israel die Zahl der Palästinenser im besetzten Ost-Jerusalem gering zu halten oder zu reduzieren, um den Streit um die Stadt durch demografische Fakten zu lösen.
Das ist der Kern der Aussage. Das ist die Tücke der israelischen Antwort auf das Morden: Sie wollen die Bewegungsfreiheit der künftigen Attentäter beschränken. Die vollkommen unschuldigen Mitglieder der Hamas-Regierung, die wie wir hoffentlich schon erfassten, mit dem Anschlag nichts gemeinsam haben, können ermordet werden. Drei Hamas-Politiker dürfen nicht mehr in Israel wohnen, wo sie doch nur das Beste dem Staat Israel wünschen. Auf diese Weise wolle Israel sein Hauptziel erreichen, die Zahl der Palästinenser in Israel gering zu halten. Mit anderen Worten, drei Hamas-Politiker in Israel weniger ist drei Palästinenser weniger. Wer kann jetzt noch etwas über die Opfer des Anschlags reden? Wer wagt das, angesichts dieses "schärfsten und symboltrachtigsten" Waffeneinsatzes?

Die vom Kabinett beschlossenen Maßnahmen töten nicht. Aber sie stärken den Würgegriff um die Gurgel der Palästinenser.
Ja, das habe ich schon vorweg zitiert. Jetzt klingt es aber noch klarer. Die Hamas sei die Gurgel der Palästinsenser, und israelische Maßnahmen wollen an das Heilige, an die Hamas versuchen.

Gaza ist laut UN-Angaben bereits von einer Hungersnot bedroht, weil Israel seit Januar kaum Waren in das abgeriegelte Gebiet hineinlässt. 150 000 staatliche Angestellte werden kein Gehalt bekommen, weil Israel palästinensische Steuergelder zurückhält und der Westen seine Zahlungen einstellt. Eine Politik der Nadelstiche, die in der Vergangenheit jeweils zu neuer Gewalt führte.
Israel und der Westen sind an allem schuld, wie immer bei der Hamas. Der Westen soll gefälligst zahlen, sonst knallt es. Sofort zahlen, hört ihr? Die Hamas spricht.

Als ich den Kommentar von Andrea Nüsse gelesen habe, musste ich mich räuspern. Dann habe ich recherchiert. Die Jornalistin ist eine anerkannte Arabistin, hat über die Hamas geschrieben. Im Jahre 2000 soll sie bei einer Tagung ("Arabisch-islamische Judenfeindschaft. Die Entstehung von Feindbildern im Konflikt um Palästina") über "Die Haltung der Hamas-Bewegung zu Israel und den Juden" referiert haben (weiß jemand davon mehr? Das wäre interessant...) Jetzt und auch im März 2006 in der Zeitung "Tagesspiegel" hat sie die bewundernswerte Ideologie der Hamas dargestellt. Mit einem Unterschied - im März-Artikel ist die Darstellung der fremden Ideologie noch spürbar. In dem FR-Kommentar fehlt jegliche Distanz.

Warum? Eine mögliche Antwort gibt Andrea Nüsse in ihrem Weblog selbst:

Ich fühle mich manchmal schon wie ein Vorzeigebürger der neuen, globalisierten Gesellschaft [...] Irgendwann setzt die totale Verwirrung ein, wenn man so tut, als sei man in allen Kulturen gleichzeitig zu Hause.
In der Tat!

18.4.06

Alvin H. Rosenfeld über den Neoantisemitismus

Ein wissenschaftlicher Text, mit Zitaten und Widerlegungen, gut geschrieben, leicht leserlich. Und traurig...

Der Autor - Alvin H.Rosenfeld - ist eine anerkannte Größe auf dem Gebiet, ein von seiner Bücher ist übersetzt worden. Also lesen und nachdenken.

Ein paar Fragmente?
“German fascism came and went. Soviet Communism came and went. Antisemitism came and stayed.” [...]

Is there a new antisemitism today? There is, and while much of it resembles the antisemitisms of the past, certain features of present-day hostility to Jews and sometimes also to Judaism do seem new. One is that, like so much else today, Jew-hatred has been globalized and effortlessly leaps across borders. In the past, antagonism to Jews tended to take the form of localized activities, but thanks to the internet and other global media, antisemitism now belongs to the world at large.

Like all states, Israel at times makes costly mistakes. Its policy of large-scale settlement in Gaza and the West Bank has long been a flashpoint of dispute, and its sometimes harsh treatment of Palestinian Arabs living in those areas has also drawn a great deal of negative attention.
Criticizing such policies and actions is, in itself, not antisemitic. To call Israel a Nazi state, however, as is commonly done today, or to accuse it of fostering South African-style apartheid rule or engaging in ethnic cleansing or wholesale genocide is to go well beyond legitimate criticism. Apart from the United States, to which it is almost always linked by its enemies, no country on earth is as vilified as the Jewish state. Moreover, those who denounce it as an outlaw or pariah nation are found on both the left and the right, among the educated elites as well as the uneducated classes, and among Christians as well as Muslims. In some quarters, the challenge is not to Israel’s policies but to its legitimacy and right to an ongoing future. Thus, the argument leveled by Israel’s fiercest critics is no longer about 1967 and the country’s territorial expansion following its military victory during the Six Day War, but 1948 and the alleged “crime,” or “original sin,” of its very establishment. The debate, in other words, is less about the country’s borders and more about its origins and essence. One of the things that is new and deeply disturbing about the new antisemitism, therefore, is precisely this: the singling out of the Jewish state, and the Jewish state alone, as a political entity unworthy of a secure and sovereign existence. [...]

As if the foregoing were not bad enough, to point up how tainted Zionism is, Rose reaches for the ultimate weapon in the arsenal of the anti-Zionists--the alleged link between the Jewish national movement and Nazism–and offers this gratuitous and altogether baseless anecdote:
“It was the same Paris performance of Wagner,” she writes, “when-- without knowledge or foreknowledge of each other--they were both present on the same evening, that inspired Herzl to write Der Judenstaat and Hitler Mein Kampf “ (pp.64-65). Inasmuch as Herzl died in 1904 and Hitler never set foot in Paris until his triumphal entry into the French capital in 1940, this story is entirely apocryphal. Even if there were some historical basis for placing Hitler in the Paris opera house at the time when Herzl attended–and there is not–Hitler would have been a mere child then and hardly likely to draw inspiration for the writing of Mein Kampf. Surely Rose would have known that. Why, then, did she make this glaringly mendacious linkage between the father of Zionism and the father of Nazism? [...]

in left-wing rhetoric, including that of many “progressive” Jews, “Zionism” has now become a term of abuse, meant to convey a dangerous and defiled ideology that has given rise to a corrupt and evil state. To bring this state to its knees by aligning it with the most atrocious behavior of the past century’s most notoriously criminal states is the aim of the anti-Zionists. [...]

The fact that anti-Zionism–the rejection of the long-established Jewish right to a secure national homeland in Israel–is essentially nothing more than a version of antisemitism either eludes or fails to trouble Jews who identify with these political tendencies.

13.4.06

Webdesign 2

Noch eine Änderung. Kategorien sind da. Wie Blogger wissen, ist es nicht bei jedem Weblog-Betreiber leicht, Tags und Categories einzuprogrammieren. Einige sind deswegen zum Wordpress umgestiegen. Ich möchte beim Blogger bleiben, da ich auf die Dienste der Suchmaschine google angewiesen bin. Mit Technorati und Furl und Clipmarks lässt sich mein Blog gut führen. Oder besser gesagt, so denke ich im Moment. :-)

So oder so, beim Blogger ist es tatsächlich kaum möglich, Kategorien so einzuführen, wie ich es haben möchte. Es gibt viele Hacks, die über die Umwege arbeiten - meist über del.icio.us oder über andere Hosts. Mir ist es lieber, alles parat zu haben und den Besucher nicht umzuleiten.

Diese Lösung hat mir Gaby de Welde ermöglicht, dem ich dafür sehr dankbar bin. Immerhin hat es gedauert und es war offensichtlich nicht leicht, von seinen Opera-Erfahrungen auf Firefox umzudenken. Auf das endgültige Resultat kann man stolz sein. Empfehlenswert!

Link

10.4.06

Webdesign 1

Viele Wochen lang suchte ich nach einer Lösung für meinen Wunsch, längere Beiträge auf der Hauptseite nicht komplett zu zeigen, sondern nur einleitend, damit diese nicht überlastet wird. Mehrere Lösungen wurden ausprobiert. Heute habe ich endlich die flexible und komfortable Methode gefunden und - leicht bearbeitet - übernommen. Mein Dank an Julie Meloni!

Der Link

8.4.06

Warten auf Beckett

In Zeitungen von heute steht viel zum Jubiläum von Samuel Beckett. Einige Literaten sind selbstredend, ich meine, sie sagen mehr über sich selbst (ich zitiere aus der "Welt" und NZZ):

Elfride Jelinek

Beckett ist für mich der Autor der radikalen Reduktion. Das macht ihn zu einem sehr männlichen Autor, denn die Souveränität, etwas wegzunehmen, indem man erschafft, hat die Frau nicht und bekommt sie auch nicht.

Joachim Unseld

Mir ist vom Whiskey und der Hitze schon etwas mulmig, Beckett ist nichts anzumerken. Das Zimmer ist völlig verraucht und unser Gespräch inzwischen weit entfernt vom Thema Literatur beim Sport gelandet. "Bum Bum Becker" hat es ihm angetan, zum Beispiel. Welchen Sport ich mache. Schwimmen. Und seit neuestem für die Gesundheit Yoga. Beckett zeigt sich amüsiert: Da würde man doch auf dem Kopf stehen und ob ich das könne? Ich nicke. Er fragt: "Hier?" - "Wie: Hier?", frage ich zurück. "Na, hier eben." Und er deutet lächelnd vor sich auf den Dielenboden. "Hier?" frage ich erneut "Aber ja!" bestimmt er: Ich habe nichts anderes zu tun, als mich in einem Pariser Altersheim und mit drei Gläsern Whiskey im Blut vor dem großen Autor und Nobelpreisträger Samuel Beckett auf den Kopf zu stellen. Beckett betrachtet den Kopfstand mit fachmännischem Interesse. Darauf stoßen wir - zurück auf den Füßen - gleich nochmal an.

Jean-Philippe Toussaint

Anfang der achtziger Jahre schrieb ich einen Brief an Samuel Beckett. Ich erklärte ihm, dass ich mich als Schriftsteller versuchte, fügte an, vermutlich wendeten sich viele Unbekannte an ihn, und statt ihn um sein Urteil über einen meiner Texte zu bitten, schlug ich ihm eine Partie Fernschach per Brief vor, bei der ein Theaterstück von mir auf dem Spiel stehen sollte. Gewänne ich, würde er das Stück lesen und mir seine Meinung dazu sagen; gewänne er, würde ich selber mit ausgeruhtem Kopf das Stück nochmals durchgehen. Mein Brief endete so: Falls ja, 1. e4. Postwendend antwortete Beckett: Schwarz gibt auf. Schicken Sie das Stück. Herzlich, Samuel Beckett.

Ich schickte ihm das Stück, und nach einer oder zwei Wochen meldete er sich erneut: Er hatte das Stück gelesen und riet mir, es zu kürzen.


So viel zu Beckett. :-) go to main page

6.4.06

Rabbi Zusha

Ein Blogger (Rishon Rishon) hat mich auf den entzückenden chassidischen Zaddik Zusha aufmerksam gemacht. Geschichten über ihn erinnern stark an Gedichte eines Angelus Silesius oder an die (ebenfalls mündlich überlieferten) Geschichten über Anton Bruckner. Dieser naive und vollkommene Glaube hat einerseits etwas von Stoa und aber andererseits von der Kunst glücklich zu sein. Aus verschiedenen Quellen will ich hier einige Geschichten über den Rabbi Zusha übersetzen. Sein Name soll eigentlich Sussja ausgesprochen werden. Er lebte 1718 bis 1800, war Zaddik in der kleinen Stadt Annopol (damals Galizien, heute Polen). Seine Biographie liest sich wie ein Märchen. Hier aber nun einige Geschichten:

Wenn Reb Sussja beim Studieren der Thora, des Talmudes oder anderer Schriften nicht weiter kam, beklagte er sich: "O du, der Unaussprechliche! Sussja will deine Lehre erkennen, kann es aber nicht. Hilf ihm doch dabei!" In der darauffolgenden Nacht erschien ihm stets dann der Autor der entsprechenden Stelle und erklärte ihm den Sinn des Geschriebenen.
*
Zwei Brüder, Elimelech und Sussja, waren auf einer langen Reise und mussten einmal auf einem Gasthof in einem kleinen Städtle übernachten. Sie hatten kein Geld in der Tasche und mussten nun zusehen, wie da gerade eine Hochzeit gefeiert wurde. Betrunkene Gäste fanden nichts Besseres, als zwei Unbekannte zu bespotten und dann auch zu beschimpfen. Sie machten sich ausgerechnet an Sussja heran und zwangen ihn zu tanzen und springen und anschliessend verprügelten ihn, bevor sie ihn in Ruhe liessen. Eine Stunde später dennoch wollten sie ihn schon wieder sich vornehmen, so dass es auch diesmal gedauert hatte, bevor er zurück in die Ecke zu seinem Bruder durfte. "Warum musst du immer alles abkriegen, immer nur du? - flüsterte Elimelech zu ihm. - Das ist Gottes Wille, - schwach stöhnte Sussja." "Weißt du, was wir machen müssen? Lass uns Plätze tauschen. Sie sind so volltrunken, dass sie es nicht merken werden. So werden sie beim nächsten Mal mich verprügeln, und du kannst dich ein wenig erholen." Elimelech hat sich getäuscht. Als die Säufer wieder zu ihnen kamen, sgaten sie zueinander: "Schaut mal her, die sind doch zu zweit. Und wir ehren nur einen von denen. Das ist ungerecht. Diesmal soll sein Freundchen etwas abbekommen..." Später sagte Sussja zu seinem Bruder: "Hast du verstanden? Von uns hängt nichts ab: Wir sind machtlos. Es steht alles aufgeschrieben."
*
Zwei [andere, auch chassidischen Rabbiner] Brüder kamen aus Frankfurt zu seinem [Sussjas] Lehrer und fragten ihn, warum es im Talmud stehe, man solle den Gott nicht nur für das Gute lobpreisen, sondern auch für das Schlechte. Wie ist es nun möglich? Der Lehrer [Maggid von Mezeritsch] schickte sie zu Sussja. Die Brüder fanden ihn in größtem Elend, arm und krank. Auch seine Familie litt offensichtlich unter Armut und Krankheiten. Brüder waren unentschlossen, ob sie herein dürften, wurden aber von Sussja herzlich begrüßt. So stellten sie ihre Frage, warum es im Talmud denn stehe, man solle den Gott nicht nur für das Gute preisen, sondern auch für das Schlechte. Sussja wunderte sich über seinen Lehrer, dass der die beiden Männer zu ihm geschickt hat und bat um die Zeit zum Nachdenken. Anschliessend entschuldigte er sich bei den Brüdern, er könne ihre Frage leider nicht beantworten, da er in seinem Leben noch nie Schlechtes erlebt habe.
*
Kurz von seinem Tod sagte Reb Sussja: "Wenn ich vor dem Himmelsgericht stehe, wird keiner mich fragen: «Sussja, warum warst du kein Abraham, Jakob oder Mose?» Man wird mich anschauen und fragen: «Na, Sussja, warum warst du kein Sussja?»"

Wie schade, dass das Buch über den Rabbi Sussja aus dem Hebräischen nicht übersetzt wurde. Zurück zur Hauptseite

1.4.06

Volltreffer

Helen Thomas ist 85 Jahre alt, eine erfahrene Journalistin beim Weißen Haus in Washington. Drei Jahre lang (!) bekam sie keine Möglichkeit, eine Frage an den Präsidenten Bush Jr. zu stellen. Am 21.März durfte sie fragen.

THE PRESIDENT: Helen. After that brilliant performance at the Grid Iron, I am -- (laughter.)

Q You're going to be sorry. (Laughter.)

THE PRESIDENT: Well, then, let me take it back. (Laughter.)

Q I'd like to ask you, Mr. President, your decision to invade Iraq has caused the deaths of thousands of Americans and Iraqis, wounds of Americans and Iraqis for a lifetime. Every reason given, publicly at least, has turned out not to be true. My question is, why did you really want to go to war? From the moment you stepped into the White House, from your Cabinet -- your Cabinet officers, intelligence people, and so forth -- what was your real reason? You have said it wasn't oil -- quest for oil, it hasn't been Israel, or anything else. What was it?

THE PRESIDENT: I think your premise -- in all due respect to your question and to you as a lifelong journalist -- is that -- I didn't want war. To assume I wanted war is just flat wrong, Helen, in all due respect --

Q Everything --

THE PRESIDENT: Hold on for a second, please.

Q -- everything I've heard --

THE PRESIDENT: Excuse me, excuse me. No President wants war. Everything you may have heard is that, but it's just simply not true. My attitude about the defense of this country changed on September the 11th. We -- when we got attacked, I vowed then and there to use every asset at my disposal to protect the American people. Our foreign policy changed on that day, Helen. You know, we used to think we were secure because of oceans and previous diplomacy. But we realized on September the 11th, 2001, that killers could destroy innocent life. And I'm never going to forget it. And I'm never going to forget the vow I made to the American people that we will do everything in our power to protect our people.

Part of that meant to make sure that we didn't allow people to provide safe haven to an enemy. And that's why I went into Iraq -- hold on for a second --

Q They didn't do anything to you, or to our country.

THE PRESIDENT: Look -- excuse me for a second, please. Excuse me for a second. They did. The Taliban provided safe haven for al Qaeda. That's where al Qaeda trained --

Q I'm talking about Iraq --

THE PRESIDENT: Helen, excuse me. That's where -- Afghanistan provided safe haven for al Qaeda. That's where they trained. That's where they plotted. That's where they planned the attacks that killed thousands of innocent Americans.

I also saw a threat in Iraq. I was hoping to solve this problem diplomatically. That's why I went to the Security Council; that's why it was important to pass 1441, which was unanimously passed. And the world said, disarm, disclose, or face serious consequences --

Q -- go to war --

THE PRESIDENT: -- and therefore, we worked with the world, we worked to make sure that Saddam Hussein heard the message of the world. And when he chose to deny inspectors, when he chose not to disclose, then I had the difficult decision to make to remove him. And we did, and the world is safer for it.
Am nächsten Tag hat die "New York Times" den nächsten Zug gemacht:

But behind closed doors, the president was certain that war was inevitable. During a private two-hour meeting in the Oval Office on Jan. 31, 2003, he made clear to Prime Minister Tony Blair of Britain that he was determined to invade Iraq without the second resolution, or even if international arms inspectors failed to find unconventional weapons, said a confidential memo about the meeting written by Mr. Blair's top foreign policy adviser and reviewed by The New York Times.

"Our diplomatic strategy had to be arranged around the military planning," David Manning, Mr. Blair's chief foreign policy adviser at the time, wrote in the memo that summarized the discussion between Mr. Bush, Mr. Blair and six of their top aides.

"The start date for the military campaign was now penciled in for 10 March," Mr. Manning wrote, paraphrasing the president. "This was when the bombing would begin."...
The memo also shows that the president and the prime minister acknowledged that no unconventional weapons had been found inside Iraq. Faced with the possibility of not finding any before the planned invasion, Mr. Bush talked about several ways to provoke a confrontation, including a proposal to paint a United States surveillance plane in the colors of the United Nations in hopes of drawing fire, or assassinating Mr. Hussein.
In weiteren Weblogs wurde die Story komplett zu Ende geführt. Eine Zusammenfassung der (wohl gemerkt anders klingenden!) Bush-Äußerungen zum Thema hat ein Blogger aus Pittsburgh online gestellt. Verschiedene Videoaufnahmen runden das Bild ab. Hier - die offizielle Aufnahme, hier - eine qualitativ bessere Fernsehübertragung, hier - eine Satire. Einige Kommentare sind auch nicht schlecht - hier ein Artikel aus der "Washington Post" mit einigen Hintergrundinfos, hier - ein Versuch, hinter den Zeilen zu schauen. Und hier kann man noch mehr von Helen Thomas lesen, die jetzt Dutzende von Rosen bekommt...

Und "Der Spiegel" will von der Brisanz der Story nicht viel wissen:

Der oberste Befehlshaber der US-Army klingt neuerdings weniger martialisch: Der Irak-Krieg habe seinem Ansehen geschadet, räumte Präsident Bush nun erstmals ein. Er selbst habe den Krieg nicht gewollt.
Na gut. Dann lesen wir halt mehr in Weblogs weiter. :-) Zurück zur Hauptseite

Feministische Pointe

Martin Buchholz beschliesst seinen aktuellen "Wochenschauer" (vom 31.3.2006) mit einigen entzückenden Wort-witzen (und -spielen):

Der "Spiegel" mausert sich dabei immer mehr zum Zentralorgan des patriarchalen Revanchismus. In der Titelgeschichte über die kinderlosen Ego-Männinnen werden einmal mehr die Ur-Instinkte des Sippenhaften als arterhaltend gepriesen. Entsprechend wird die achtundsechziger Anti-Sippe nur noch als eine entartete wahrgenommen. Das ist die neue, alte Botschaft des "Spiegel": "Das Stammhirn sagt: Blut ist dicker als Wasser." Das eigene Blut ruft nach völkischer Gemeinschaft und entsprechender Über-Zeugungskraft. Wie gehabt: Blut und Hoden.

Die Rollenverteilung ist stammesgeschichtlich klar vorgegeben: Als genetische Kleistermasse benötigen wir das Weibliche. "Frauen werden gebraucht als sozialer Kitt", dumpft es aus den Stammhirnen der "Spiegel"-Autoren heraus, denn dazu hätten sie "die Gabe der Selbstlosigkeit und Aufopferungsfähigkeit". Ähnlich hatte es Stammvater Helmut Kohl schon in seiner damaligen geistig-moralischen Wende-Erklärung formuliert: "Die Frauen sind und waren stets unser Mittelpunkt."

Man muß den Satz nur richtig betonen, um die volle patriarchale Wahrheit zu vernehmen:

Die Frauen sind und waren stets unser Mittel.

Punkt.


19.3.06