Sendungsbewusstsein

Kritische Auseinandersetzung mit den Medien

11.2.06

Herausstehende Knochen

Zwei große Journalisten treffen sich. Franziska Augstein und Roger Willemsen. Beide empört. Angela Merkel hat doch gesagt, das Gefängnis in Guantanamo soll weg. Das Gefängnis steht immer noch. Wir können uns jetzt in Ruhe empören. Und das geht beispielsweise so (Die Süddeutsche vom 11.2.2006):

Der Mann war angeschossen worden, und noch viele Wochen später standen die Knochen aus seinen Wunden heraus.


Realistischer geht es nicht, glaube ich. Ob der Mann noch lebte, während er von Roger Willemsen interviewt wurde?

Oder die Antwort auf die Frage, wozu Guantanamo da sei:

Bush weiß längst, dass dies ein kathartischer Ort, also einer, an den Menschen gebracht werden, damit man sagen kann: Dort sitzen sie.


Ein Verb fehlt, viel mehr aber fehlt die Übersetzung des Wortes "kathartisch". Wird in Guantanamo eine Tragödie angeboten? Wird die amerikanische Seele bereinigt, indem die Gefangenen dort misshandelt werden? Ist das die Erklärung für Guantanamo? Oder klingt das Wort einfach nur zu gut, um darauf nicht verzichten zu können?

Sehr beeindruckend ist die suggestive Frage:

Kann es sein, dass die deutschen Medien sich für Guantanamo nicht näher interessiert haben, weil die Leser und Zuschauer an den Berichten über Abu Ghraib genug hatten?


Hunderte Artikel gegen die ungesetzliche Haltung von Menschen sind also nichts - verglichen mit dem Buch von Roger Willemsen. Ach so, soll das nur eine Werbemaßnahme sein, damit das Buch direkt in die Bestsellerliste kommt?

Sehr schön ist auch die unfreiwillige Widersprüchlichkeit im Interviewtext. Zuerst steht es da:

Es gibt den Fall einer Gruppe von Helfern aus Kuwait, die von der Nordallianz für dreitausend Dollar pro Person an die Amerikaner verkauft worden sind.


Einige Zeilen später sieht es schon anders aus:

Da haben die Afghanen gesagt: Das können wir nicht. Der Wert der Gastfreundschaft ist ehern. Ein muslimisches Land kann unmöglich einen Gast in seinen sicheren Tod ausliefern.


Angesichts des künftigen Erfolges, welches dem Buch sicher ist, kann man dem Autor gratulieren, der über sich sehr bescheiden sagt (noch mehr im Interview 2002 für die Islamische Zeitung):

Ich finde es bizarr, dass ich derjenige bin, der auf eigene Initiative um die Welt reist, um Stimmen zu sammeln, die eigentlich die nachrichtliche Presse versammeln müsste.


Ich frage mich allerdings: Was machen solche Kollegen von Willemsen wie zum Beispiel Sonja Mikich hierzulande, wenn sie über den Fall von Josef Hoss im "Monitor" berichtet? Aus meiner Sicht ist ihr Bericht nicht weniger mutig - sie schreibt über Missstände im eigenen Land und sie wartet nicht, bis die Regierung ihr zuvorkommt. Soll jetzt ein jeder Journalist extra gelobt werden, wenn er/sie die eigene Arbeit tut? Und soll er/sie dabei extra betonen, nur und ausschliesslich er/sie tue das Richtige?

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