Sendungsbewusstsein

Kritische Auseinandersetzung mit den Medien

17.3.06

Christliche Töne bei n-tv

Am 14.März 2006 hat bei n-tv Ulrich Sahm, zur Zeit der beste deutschsprachige Korrespondent im Nahen Osten, von den Ereignissen in Jericho berichtet. Er hat ausführlich über Hintergründe und die zeitliche sowie kausale Folge erzählt. Informativ, ausgewogen, klar.
Unter anderem hat er die letzte Vorstufe vor dem Abzug der Beobachter so geschildert (genauso wie in allen internationalen Medien):

Vor vier Jahren waren sie als Garanten eingesetzt worden, die vier Mörder des israelischen Tourismusministers Rehabeam Zeevi, den PFLP-Chef Saadat, der den Befehl zu dem Mord erteilt hatte, und Fuad Schubaki zu bewachen. Schubaki war Arafats Finanzexperte. Er soll Waffen im Iran gekauft und versucht haben, sie mit dem Schiff "Karine A" nach Gaza zu schmuggeln. Die israelische Marine entdeckte im Laderaum der "Karine A" unter Bergen von Spielzeug Raketen, Gewehre und Munition. Gemäß den Osloer Verträgen waren das "illegale" Waffen. So war Arafat in flagranti bei einem Vertragsbruch erwischt worden, für die Amerikaner ein ungeheuerlicher Vorgang. Als kurz darauf zwei amerikanische Diplomaten auf dem Weg zu palästinensischen Stipendiaten durch eine Straßenbombe in Gaza ermordet wurden, war Palästinenserpräsident Arafat für die Amerikaner zur persona non grata geworden. <...>

Am Dienstagmorgen beklagten sich die amerikanischen und britischen Wächter, ihren Dienst nicht mehr tun zu können. Die Palästinenser hätten den prominenten Gefangenen Freigang erlaubt, ohne die Wächter zu fragen und sie mit Handys ausgestattet. Die Wächter zogen sich aus Jericho zurück. Der britische Außenminister Jack Straw bezichtigte die Palästinenserbehörde eines Vertragsbruchs, da die Bewachung der Gefangenen unmöglich geworden sei.

Keine dreißig Minuten danach marschierten israelische Truppen mit Panzern, Bulldozern und Jeeps ein, um die Gefangenen "abzuholen und ins israelische Gefängnis zu stecken".


Zwei Tage später, am 16.März hat bei n-tv Manfred Bleskin einen Kommentar zum selben Thema abgegeben:

Vorangegangen war der Beschuss des Gefängnisses von Jericho mitten im palästinensischen Westjordanland und die Verschleppung des Generalsekretärs der Volksfront für die Befreiung Palästinas, Ahmad Saadat, samt seiner Mitinsassen. Das Gefängnis stand gemäß einer Abmachung zwischen Israel und der Palästinensischen Autonomiebehörde unter US-amerikanischer und britischer Kontrolle. Kaum Zufall ist wohl, dass die angloamerikanischen Kommissare das Gebäude kurz vor Beginn der Kanonade verließen.


Vergleichen wir also. Bleskin erwähnt die Verbrechen der "Verschleppten" nicht, bei ihm ist die Rede von einem Generalsekretär einer offensichtlich vertrauenswürdigen Organisation, die er nicht mal erkennbar benennt, nämlich PFLP, also einer terroristichen Gruppe im Rahmen der gesamten Struktur Arafats. Die Begründung für die Kontrolle über das Gefängnis seitens Amerikaner und Briten wird nicht erwähnt, wie auch der Bezug dieser Abmachung zu Saadat und seinen Mitinsassen. Die kausale Verbindung der Kanonade und des Abzugs der Komissare wird auf den Kopf gestellt, so dass der Eindruck entstehen darf, diese Komissare würden abgezogen, weil die Kanonade bevor stand.

Hmm, hat Manfred Bleskin gelesen, was sein Kollege Ulrich Sahm geschrieben hat?

Das ist aber noch nicht alles. Im selben Beitrag schmückt sich Manfred Bleskin mindestens zweimal mit christlichen Botschaften:

Auge vmb auge / Zan vmb zan / Hand vmb hand / Fus vmb fus / Brand vmb brand / Wund vmb wunde, heißt es im zweiten Buch Mose (Ex 21, 23-25). Der alttestamentarische Grundsatz, der bislang im israelisch-palästinensischen Konflikt die Gewalt der jeweils einen Seite mit "Racheakten" beziehungsweise "Vergeltungsmaßnahmen" der jeweils anderen Seite beantwortete, ist überholt. Mit den jüngsten Übergriffen von Palästinensern auf EU-Bürger und -Einrichtungen gilt, dass eine Wunde mit mindestens zwei Wunden beantwortet wird.


Was hat das Eine mit dem Anderen zu tun? Was hat der alttestamentarische Spruch mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt? Auch darüber hat Ulrich Sahm mal geschrieben, eigentlich sehr deutlich:

Die Auffassung, dass "Auge um Auge" ein jüdisches Grundprinzip der Rache sei, geht auf den klassischen christlichen "Antisemitismus" zurück: auf das Bemühen des Christentums, sich vom Judentum abzugrenzen. <...> Jesus Christus habe Nächstenliebe gelehrt, während die Juden "stur" an ihrem "Rächergott" fest hielten. So hat es Martin Luther in seinen antisemitischen Spätschriften behauptet, nachdem er verärgert war, dass die Juden ihm nicht in Massen folgten. In Deutschland hatten diese Schriften bis ins zwanzigste Jahrhundert einen nachhaltigen Einfluss. Luthers Sprachkünste hatten einen großen Einfluss auf die Gedankenwelt der Deutschen, schlicht über die Bedeutung der Worte und Begriffe der deutschen Sprache. Das hat Millionen Juden das Leben gekostet. <...> "Auge um Auge, Zahn um Zahn" besagt lediglich, dass für ein ausgeschlagenes Auge eine gleichwertige, angemessene Strafe verhängt werden sollte. An anderer Stelle heißt es, dass ein Knecht freigelassen werden sollte, wenn ihm ein Auge oder ein Zahn ausgeschlagen wurden. Das ist gar das Gegenteil von "Rache". Denn für den Herrn bedeutet die Freilassung seines Sklaven eine Geldstrafe, für den Sklaven bedeutet Freilassung eine große Belohnung. <...>


Die allzuchristliche Komponente ist somit geklärt. Warum sollten aber, nach Bleskin, auch Palästinenser "alttestamentarisch" denken? Sieht sich der Kommentator auf der Kanzel und vergisst die Realität im Eifer des Moralisierens? Offensichtlich, denn er beendet seine Predigt folgendermaßen:

Jesus Christus stellte dem Gewaltprinzip des Exodus in der Bergpredigt sein Credo "Selig sind die Friedfertigen / Denn sie werden Gottes Kinder heißen" entgegen (Mt 5, 8-9). Doch darauf will im Heiligen Land heut’ keiner hören. Und darum hat Pontius Pilatus den Rabbi damals auch ans Kreuz schlagen lassen.


Armer Rabbi. Amen. Zurück ins Studio.

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