Sendungsbewusstsein

Kritische Auseinandersetzung mit den Medien

21.4.06

Brie sagt, was Avnery denkt, Avnery denkt, was Brie sagt

In der Zeitung "Freitag" von heute gibt es zwei Beiträge zum israelisch-palästinensischen Konflikt. Die Zahl ist schon nicht schlecht, ich meine, nur zwei ist schon in Ordnung. Andere deutschsprachige Zeitungen schaffen an einem Tage auch nicht, sich ihrem Lieblingsthema weniger zu widmen.

André Brie erzählt über eine Begegnung mit einem Hamas-Politiker und zitiert ihn:
Der Holocaust gegen die Juden hat sechs Jahre gedauert, der Holocaust gegen die Palästinenser währt bereits sechs Jahrzehnte.
Brie vermerkt dazu:
Wer so denkt, kann keine Lösung herbeiführen.
Scharf bemerkt, nicht wahr? Was folgt für André Brie aus diesem Schluss? Noch einmal also - er spricht mit einem verantwortlichen Politiker einer Terror gutheißenden Regierung und stellt fest, sie kann keine Lösung herbeiführen. Was folgt daraus für einen schreibenden Politiker? Wie geht man mit einer Regierung um, die keine Lösung herbeiführen kann? Das geht bei ihm ganz einfach - man identifiziert diese Regierung mit dem Volk und verzichtet auf Forderungen, weil man ja dem Volk helfen möchte. Mit anderen Worten, die Hamas nimmt das palästinensische Volk als Geisel und beansprucht für sich die Bevormundung des Volkes - durch die Geschichtslügen, durch die Verbreitung falscher Meldungen und somit die verbrecherische Propaganda des Terrors. Und wenn die Hamas das will, wie kann man ihr das verbieten? Man sagt, sie würden doch von der Mehrheit des Volkes gewählt, das Volk wolle das so. Das muss man respektieren. Ab nun heißt sie nicht mehr Hamas-Regierung, sondern "die Palästinenser-Regierung":

Wer die Palästinenser-Regierung boykottiert, begünstigt neue Gewalt
Das ist zwar ein Umkehrschluss, aber wer will da schon was dagegen sagen...

Dass ein großer Teil eines derart gedemütigten Volkes Fundamentalisten wählt, ist nur zu erklärlich. Aber statt die Ursachen zu beseitigen oder abzuschwächen, wird das ganze Volk jetzt für das Ergebnis einer demokratischen Wahl bestraft, die in der arabischen Welt ihresgleichen sucht. Der Finanzboykott der Autonomiebehörde trifft nicht die Hamas-Regierung, sondern die Bevölkerung. [...] Insofern ist die Blockade der Finanzhilfen für das palästinensische Volk verbrecherisch, inhuman und kontraproduktiv.
Das klingt gut, zwar mehr als nur einseitig, aber wer will da schon über Feinheiten reden...

Der Westen applaudiert Israel und nimmt die verheerenden Konsequenzen in Kauf, obwohl sie auch ihn selbst erreichen werden.
Eine Prophezeiung des Horrors kommt auch gut an, egal, dass sie von falschen Prämissen ausgeht...

Richtig ist, dass die Hamas-Regierung das Existenzrecht Israels und den Gewaltverzicht anerkennen muss - Gleiches muss aber endlich auch mit klarer Stimme von den Israelis gefordert werden.

So wird die Propaganda gemacht. Einige besonders erfolgreiche Beispiele dieser Art kennen wir schon. Das Wörtchen "endlich" haben wir in diesem Zusammenhang gut in Erinnerung, oder?

Für den blutigen Anschlag am Montag in Tel Aviv gibt es keine Rechtfertigung. Und ebenso keine für die brutalen israelischen Angriffe auf den Gazastreifen.
Es gibt zwar keine "brutale israelischen Angriffe auf den Gazastreifen", insbesondere nach dem blutigen Anschlag in Tel Aviv. Aber wer will das schon wissen? Will das André Brie wissen?

Er sagt, was er denkt, nicht das, was wahr ist.

In der Zeitung findet sich noch ein Beitrag zum Thema, geschrieben zwar viel-viel indirekter, geschickter, aber immer noch einseitig. Allerdings kann Avnery das auch viel besser als Brie. Er schreibt:

Derzeit gibt es drei Lager in Israel: Das erste rekrutiert diejenigen, die wirklich mit den Palästinensern verhandeln wollen, um die Zwei-Staaten-Lösung zu ermöglichen. Das zweite umfasst all jene, die einen "einseitigen" Rückzug wünschen, um Teile der Westbank zu annektieren und deren Rest den Palästinensern zu überlassen, nachdem dort die Siedlungen aufgelöst wurden. Schließlich gibt es die dritte Gruppe, die solch einen "einseitigen" Rückzug unter dem Vorwand ablehnt, den Palästinensern werde Land gegeben, ohne dass die selbst etwas dafür geben müssten. Tatsächlich wird von dieser Seite jedes Abkommen mit den Palästinensern und jede Rückgabe von Land ausgeschlossen. Amir Peretz gehört zur ersten Fraktion, Olmert zur zweiten, Lieberman samt Yishai zur dritten. Die "Grundlegenden Richtlinien" sollen sie alle zufrieden stellen!
Wie? - Die Antwort liegt im britischen Witz. Das heißt, Israel wird zunächst die Palästinenser zu einem Frieden aufrufen, der auf einer Zwei-Staaten-Lösung beruht. Wenn dann klar wird, dass es keinen Partner für solch einen Frieden gibt, wird man sein Schicksal in die eigenen Hände nehmen und die Grenzen einseitig festlegen. In seiner Rede am Wahltag wandte sich Olmert bekanntlich mit klingendem Pathos direkt an den palästinensischen Präsidenten Abbas und bot ihm an, mit Friedensverhandlungen zu beginnen.

Diese Offerte ist von einem großen Augenzwinkern gegenüber dem israelischen Publikum begleitet. Jeder versteht, dass dies eine Phase ist, die wir durchlaufen müssen, bevor wir zur eigentlichen Sache kommen. Das Manöver bedient vielfältige Absichten: Es soll Amir Peretz mit einem Feigenblatt versehen, wenn er darum gebeten wird, die einseitigen Schritte zu unterstützen - und es soll die Amerikaner zufrieden stellen, wenn sie darum gebeten werden, der Annexion großer Teile der Westbank zuzustimmen, und Lieberman wie der Shas-Partei Zeit geben, in der sie sich an der Regierung erfreuen, bevor Ehud Olmert den "Plan des Zusammenlegens" erfüllen wird.

Das ist allen klar. Darum diskutiert keiner - absolut keiner - das Angebot an Mahmoud Abbas, während jeder über die Annexion redet, die danach kommt. Wie jener britische Wachsoldat: Rufe einmal, rufe zweimal, rufe ein drittes Mal - und dann schieße.
Zuerst wird die politische Situation gezeichnet, richtig gezeichnet. Es gibt sie, diese drei Lager, es gibt auch strategische sowie taktische Überlegungen und Schritte, wie gesagt. Am Ende wird aber ganz fein interpretiert - mit Witz wird der israelischen Regierung das "große Augenzwinkern" unterstellt. Sie reden vom Frieden? Ha-ha, und das soll Avnery dieser Regierung glauben? Auf gar keinen Fall. Das letzte Wort in dem feinen britischen Witz kommt deswegen nicht aus dem zu Beginn des Artikels erzählten Witz selbst - es soll geschossen werden, meint Avnery. Das mit dem Humor ist aber eine heikle Sache.

Uri Avnery nimmt den Witz über einen blöden Wachsoldaten zur Hilfe als eine rhetorische Figur. Der Wachsoldat schießt, ohne nachzudenken. Man lacht darüber, weil es ein Zeichen blinden Gehorsams und mangelnder Urteilsfähigkeit ist. Avnery unterstellt der israelischen Regierung dasselbe: Sie tue aus seiner Sicht genauso. Avnery muß dabei nichts beweisen, weil es das nicht direkt sagt, er deutet das nur an. Er denkt dabei das, was Brie sagt.

Im Grunde geht es um die Propaganda, die neulich an einem treffenden Beispiel gut entlarvt wurde. Ein amerikanischer Professor für Philosophie, Michael Neumann, hat diese Position selbtsagend (die Darstellung des Falls siehe hier und hier) offenbart:

My sole concern is indeed to help the Palestinians, and I try to play for keeps. I am not interested in the truth, or justice, or understanding, or anything else, except so far as it serves that purpose…I would use anything, including lies, injustice and obfuscation, to do so. If an effective strategy means that some truths about the Jews don’t come to light, I don’t care. If an effective strategy means encouraging reasonable anti-Semitism or reasonable hostility to Jews, I don’t care. If it means encouraging vicious racist anti-Semitism, or the destruction of the State of Israel, I still don’t care.
Zu viel hinein interpretiert?

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