Sendungsbewusstsein

Kritische Auseinandersetzung mit den Medien

19.4.06

Die Hamas spricht

Die "Frankfurter Rundschau" hat einen merkwürdigen Text publiziert. Der Text stammt von Andrea Nüsse und ist nicht besonders lang - nehmen wir ihn hier doch auseinander. Vielleicht fühlt man sich nachher besser.

Es geht mit dem Untertitel los.

KOMMENTAR: ISRAEL/HAMAS
Aus dieser Benennung geht hervor, Israel und Hamas seien zwei Konfliktparteien. Nicht die Palästinensischen Autonomiegebiete: mit der Hamas an der Regierung heißt das künftige Land für die Zeitung ab nun Hamastan, so? Gibt es eine andere mögliche Deutung?

Der Titel ist noch besser:
Im Würgegriff
Gemeint ist ein Satz aus dem weiteren Text, den ich hier gleich vorwegnehme, weil es sonst nicht klar ist:
Die vom [israelischen] Kabinett beschlossenen Maßnahmen töten nicht. Aber sie stärken den Würgegriff um die Gurgel der Palästinenser.
Die Zeitung kommentiert den palästinensischen Terrorakt in Tel-Aviv am 17.04.2006 und die Reaktion der israelischen Regierung darauf. Opfer und Verwundete werden nicht erwähnt, die Reaktion der Weltöffentlichkeit auch nicht. Nicht Israelis wurden getötet, Palästinenser seien "im Würgegriff". Sie würden langsam gewürgt. Das solle die Deutung des Anschlags sein. So meint die Hamas, so schreibt die Arabistin aus Kairo.

Die Tragödie nimmt ihren Lauf. Die von der Hamas geführte palästinensische Regierung hat sich nicht von dem Terroranschlag in Tel Aviv distanziert. Im Gegenteil.
Wir hätten es so gerne, dass die Hamas sich davon distanzieren würde. So wie Arafat und Abbas es immer getan haben. Im Gegenteil, die Hamas begrüßt die Anschläge. Das soll doch gewürdigt werden, ehrlich sind sie, stehen dazu, was sie meinen und tun.

Und die Reaktion der israelischen Regierung wirkt nur auf den ersten Blick zurückhaltend. Premier Olmert und sein Kabinett verzichten zwar zunächst auf eine militärische Offensive als Antwort auf den Selbstmordanschlag des Islamischen Dschihad.
Die Reaktion der Hamas ist somit nicht so schlimm. Sie halten sich nicht zurück und das ist auch gut so. Die israelische Reaktion dagegen ist verdächtig zurückhaltend. Sie verzichten auf eine militärische Offensive. Ein leichtsinniger Leser würde das vielleicht gutheißen. Die Fachfrau für die Hamas-Ideologie deutet an: Dem ist nicht zu glauben. Nebenbei erfahren wir, dass die Hamas mit dem Anschlag eigentlich nichts zu tun hat, das waren die anderen. Was kann die Hamas-Regierung da tun? Klar, nichts. Die Leute wollen das doch so.

Doch die bereits stark eingeschränkte Bewegungsfreiheit innerhalb der Palästinensergebiete soll weiter beschränkt werden. Auch Mitglieder der Regierung können ermordet werden, falls Israel das für nötig hält. Und drei Ministern und Abgeordneten der Hamas, die aus Ost-Jerusalem stammen, soll die Aufenthaltsgenehmigung in ihrer Heimatstadt entzogen werden. Dies ist eine der schärfsten und symbolträchtigsten Waffen, über die Israel verfügt. Denn systematisch versucht Israel die Zahl der Palästinenser im besetzten Ost-Jerusalem gering zu halten oder zu reduzieren, um den Streit um die Stadt durch demografische Fakten zu lösen.
Das ist der Kern der Aussage. Das ist die Tücke der israelischen Antwort auf das Morden: Sie wollen die Bewegungsfreiheit der künftigen Attentäter beschränken. Die vollkommen unschuldigen Mitglieder der Hamas-Regierung, die wie wir hoffentlich schon erfassten, mit dem Anschlag nichts gemeinsam haben, können ermordet werden. Drei Hamas-Politiker dürfen nicht mehr in Israel wohnen, wo sie doch nur das Beste dem Staat Israel wünschen. Auf diese Weise wolle Israel sein Hauptziel erreichen, die Zahl der Palästinenser in Israel gering zu halten. Mit anderen Worten, drei Hamas-Politiker in Israel weniger ist drei Palästinenser weniger. Wer kann jetzt noch etwas über die Opfer des Anschlags reden? Wer wagt das, angesichts dieses "schärfsten und symboltrachtigsten" Waffeneinsatzes?

Die vom Kabinett beschlossenen Maßnahmen töten nicht. Aber sie stärken den Würgegriff um die Gurgel der Palästinenser.
Ja, das habe ich schon vorweg zitiert. Jetzt klingt es aber noch klarer. Die Hamas sei die Gurgel der Palästinsenser, und israelische Maßnahmen wollen an das Heilige, an die Hamas versuchen.

Gaza ist laut UN-Angaben bereits von einer Hungersnot bedroht, weil Israel seit Januar kaum Waren in das abgeriegelte Gebiet hineinlässt. 150 000 staatliche Angestellte werden kein Gehalt bekommen, weil Israel palästinensische Steuergelder zurückhält und der Westen seine Zahlungen einstellt. Eine Politik der Nadelstiche, die in der Vergangenheit jeweils zu neuer Gewalt führte.
Israel und der Westen sind an allem schuld, wie immer bei der Hamas. Der Westen soll gefälligst zahlen, sonst knallt es. Sofort zahlen, hört ihr? Die Hamas spricht.

Als ich den Kommentar von Andrea Nüsse gelesen habe, musste ich mich räuspern. Dann habe ich recherchiert. Die Jornalistin ist eine anerkannte Arabistin, hat über die Hamas geschrieben. Im Jahre 2000 soll sie bei einer Tagung ("Arabisch-islamische Judenfeindschaft. Die Entstehung von Feindbildern im Konflikt um Palästina") über "Die Haltung der Hamas-Bewegung zu Israel und den Juden" referiert haben (weiß jemand davon mehr? Das wäre interessant...) Jetzt und auch im März 2006 in der Zeitung "Tagesspiegel" hat sie die bewundernswerte Ideologie der Hamas dargestellt. Mit einem Unterschied - im März-Artikel ist die Darstellung der fremden Ideologie noch spürbar. In dem FR-Kommentar fehlt jegliche Distanz.

Warum? Eine mögliche Antwort gibt Andrea Nüsse in ihrem Weblog selbst:

Ich fühle mich manchmal schon wie ein Vorzeigebürger der neuen, globalisierten Gesellschaft [...] Irgendwann setzt die totale Verwirrung ein, wenn man so tut, als sei man in allen Kulturen gleichzeitig zu Hause.
In der Tat!

1 Comments:

Anonymous maximal smart said...

Vielleicht etwas zu überkritisch und interpretierend ?

20 April, 2006 08:26  

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