Sendungsbewusstsein

Kritische Auseinandersetzung mit den Medien

8.5.06

Barbara Coudenhove-Kalergi will auch ein Tabu gebrochen haben

Es ist immer hilfreich (wenn auch nicht unbedingt gesund), bei den Antisemiten vorbeizuschauen. Sie freuen sich riesig, wenn irgendwo ein antisemitischer Artikel erscheint und fühlen sich wie bei dem einen oder anderen Parteitag. Heute habe ich nur auf diese Weise den Text von der angeblichen Granddame der österreichischen Presse entdeckt. In der Zeitung "Standard" hat sie auch ein Tabu gebrochen, so viel Mut habe ich von ihr nicht erwartet. Einige Beispiele:

Zwei renommierte amerikanische Wissenschaftler haben ein Tabu gebrochen und damit eine gewaltige Aufregung im US-Blätterwald ausgelöst. Ihre These: Die mächtige "Israel-Lobby" habe seit Jahrzehnten die amerikanische Außenpolitik bestimmt und damit sowohl den Interessen der USA als letztlich auch denen Israels massiv geschadet.
Die beiden sind inzwischen nicht mehr renommiert, das Thema Israel-Lobby ist nie ein Tabu gewesen, die Aufregung in den USA ist ziemlich mäßig, die These selbst wird als unwissenschaftlich zurückgewiesen. Die Granddame hat das Thema aber erst jetzt für sich entdeckt. Ein Volltreffer also.

Ist das alles wirklich gut für Amerika? Und ist es, wie man früher sagte, "gut für die Juden"? Mearsheimer und Walt sagen: nein. Der Anti-Amerikanismus in der arabischen Welt und auch der Terrorismus werden durch das enge Bündnis USA-Israel angestachelt, umgekehrt wird Israel für die Exzesse der US-Besatzer im Irak mitverantwortlich gemacht. Das internationale Image beider Länder hat durch deren enge Verbindung nachweislich gelitten.
Tony Judt lässt grüßen. Ich habe das ungute Gefühl, die Granddame hat fast ein halbes Jahr geschlafen, bis sie den "Doppelten Schaden" mitgekriegt hat. Ist das alles wirklich gut? Gibt es keine Widerlegung von namhaften Fachleuten?

Der hervorragende britische Intellektuelle Tony Judt hält das für falsch. Im Gegenteil, sagt er (in einem unlängst in der Süddeutschen Zeitung veröffentlichten Kommentar), der Missbrauch des Begriffs Antisemitismus durch die "Israel-Lobby" könnte dazu führen, dass eines Tages auch echter Antisemitismus nicht mehr ernst genommen wird, wenn heute jede Israel-Kritik mit diesem Namen belegt wird. Und für die Israelis, meint er, ist der Rekurs auf den Holocaust als Rechtfertigung für eine verfehlte Politik in der Gegenwart erst recht von Übel, ebenso wie das blinde Sich-Verlassen auf den großen amerikanischen Verbündeten.
Das stimmt also doch: Die Granddame hat in der Tat den "Doppelten Schaden" und kennt den Judt-Text nur aus der "Süddeutschen". Und hat der "hervorragende britische" Intellektuelle das echt so gesagt? Nein, zum Begriff Antisemitismus äußerte der "Hervorragende" sich z.B. anders:

Gewiß, Antisemitismus ist eine Realität (keiner weiß dies besser als ich, der in den fünfziger Jahren als Jude in England aufgewachsen ist). Doch gerade deshalb sollte niemand in die antisemitische Ecke gestellt werden, der Kritik an der Politik Israels oder seiner amerikanischen Unterstützer übt.
Dasselbe im Original bitte:

Anti-Semitism is real enough (I know something about it, growing up Jewish in 1950's Britain), but for just that reason it should not be confused with political criticisms of Israel or its American supporters.
Wir sehen, die Granddame kann noch besser zitieren als der hervorragende Intellektuelle, noch weiter vom Original nämlich. Davon hatten wir hier gerade das erste Beispiel. Zwei weitere folgen:

Und der Holocaust? Es gibt immer weniger Überlebende, die sich aus eigener Erfahrung darab erinnern. Dass die Urgroßmutter eines israelischen Soldaten in Treblinka gestorben ist, entschuldigt in den Augen der Welt dessen eigenes Fehlverhalten nicht.
Ein Soldat bei Judt und die gesamte "verfehlte" Politik bei der Granddame. Aha.

Vom blinden Sich-Verlassen ist bei Judt überhaupt nirgendwo die Rede. Der einzige Satz, der in diese Richtung irgendwie weisen könnte, ist ein Zitat von Tom Segev, der bei Judt sagt:

Die Israel-Lobby in den USA schadet Israels wahren Interessen.
Auch hier eine andere Intention. Übel.

Am Ende des Artikels träumt die Granddame:

Was, wenn dieser einmal nicht mehr mitmacht? Davon ist allerdings vorderhand noch nicht die Rede.
Sie wünscht sich, dass die USA Israel nicht mehr unterstützen. Keiner soll Israel unterstützen, so? Ist Österreich dann zufrieden?

Das ist mindestens der dritte Auftritt von Barbara Coudenhove-Kalergi, der auf diese Weise protokolliert werden muss. Die zwei davon waren:

Anders als bei früheren Nahostkriegen sind antisemitische Töne in Österreich ausgeblieben, obwohl diesmal mehr als früher Grund zur Kritik am israelischen Vorgehen besteht.
Das hat Karl Pfeifer richtig auseinandergenommen.

Diese jüdischen Mitbürger sind nämlich nicht irgendwelche Gastarbeiter, denen wir freundlicherweise erlauben, bei uns Steuern zu zahlen. Sie sind unsere Leute, sie sind Fleisch von unserem Fleisch. Sie gehören zur Familie, als möglicherweise ungeliebte, aber untrennbar mit uns verbundene Verwandte. Wer sie beleidigt, beleidigt uns.
Dies hat Heinz P. Wassermann aufgeschrieben. Nichts Neues unter die Sonne. "Die Standard" kann zufrieden sein. "Trippelter Schaden" ist offensichtlich.

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