Sendungsbewusstsein

Kritische Auseinandersetzung mit den Medien

26.5.06

Günter Grass: schnörkellos oder nicht?

Nichts ist es mehr so, wie es mal war. Schriftsteller wollen Politiker sein, Pamphlete schreiben, große Reden halten, Moral predigen. Oder auch umgekehrt. Einmal alt geworden, merken sie plötzlich, dass sie nicht so politisch aktiv sind, wie Seneca, Dante oder Leo Tolstoj ihrerzeit. Schriftsteller sind auch Menschen, wie auch Blogger, sie müssen halt nur nicht so genau sein. Die neueste Rede, die Günter Grass gehalten hat, liefert ein schönes Beispiel dafür.

Ein deutscher Schriftsteller Grass sieht seine Aufgabe darin, die Politik der USA-Regierung zu kritisieren. Bei ihm zu Hause ist dagegen alles sauber. Ach nein, ein Kritiker hat sich doch erlaubt zu mucksen. Grass prangert an:

Im Dezember des letzten Jahres wurde in Stockholm die Nobelpreisrede Harold Pinters veröffentlicht. In seinem beispielhaft schnörkellosen Text sprach sich der Dramatiker zuerst als Schriftsteller, dann als englischer Staatsbürger aus. Als seine bittere, niemanden schonende, also unser aller Versagen und rücksichtsvolles Bemänteln offenlegende Rede vorlag, löste sie hierzulande bis ins Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung blindwütige Attacken aus. Ein Theaterkritiker namens Stadelmaier versuchte Pinter als Altlinken, dessen Bühnenstücke längst passé seien, lächerlich zu machen und abzutun. An der Offenlegung von Wahrheiten, die hinter Beschwichtigungen und einem Gespinst von Lügen versteckt waren, wurde Anstoß genommen.
Harold Pinter hat tatsächlich einen brisanten politischen Text geschrieben, der in seiner Abwesenheit vorgetragen wurde, nämlich am 7. Dezember 2005. Das stimmt. Ob dies zu der Zeremonie der Nobelpreisverleihung passt, ob es sozusagen nobel ist, sei dahingestellt. Ich würde sagen, das darf ein Literat tun. Pinter hat dabei keinen Kritiker für die Kriegsverbrechen verdammt. Und hat seine Rede nicht schlechter geschrieben, als ein Michael Moore das tun würde, eben schnörkellos.

Zurück zu Grass. Der Aufsatz von Gerhard Stadelmaier, in dem der Kritiker die Verleihung des Nobelpreises in Frage gestellt hat - aus Gründen der Qualität, - ist in der FAZ am 13. Oktober 2005 erschienen. Nicht nach der Rede, sondern fast zwei Monate früher! Darin ironisiert Stadelmaier:

Wenn die Schwedische Akademie Harold Pinter für dessen Dramen zu dessen längst vergangener, also im besten und obenzitierten Sinne unmoralischer Zeit mit dem Literaturnobelpreis geehrt haben will und wenn sie das merkwürdigerweise im Jahr 2005 tut, dann muß die Akademie, deren peinliche Zwischendurch-Fehlentscheidungen sich langsam zu einer komischen Liste addieren, vor dem Pinter, wie er heute und seit gut zwanzig Jahren leibt und schreibt, derart die Augen verschlossen haben, daß es fast schon an Blindheit grenzt - oder an Ratlosigkeit. Oder an eine Privatmarotte eines der Akademiemitglieder. Alles zusammen beschädigt langsam, aber sicher den Ruf der Akademie. Oder die allgemeine Hochschätzung des Literaturnobelpreises hätte ihr Äquivalent allein in der hohen Dotierung - nicht in hoher Qualität.

Denn wenn es inzwischen einen Autor gibt, der einem sein „Anliegen” aufzudrängen versucht, der keinen Zweifel an seinem menschlichen Wert, an seiner Nützlichkeit, seinem Altruismus, seiner politischen Güte und Korrektheit aufkommen läßt, der sein Herz auf dem rechten, das heißt hier natürlich linken Fleck zu haben behauptet, und das exakt dort pulsiert, wo man in seinen Arbeiten Charaktere sehen müßte, aber nur noch leere Definitionen und hohle Klischees sieht - dann ist dies Harold Pinter. Er hat unsagbare banale, aber halt auch unsäglich brave, aufrechte, wütende Gedichte gegen den Irak-Krieg geschrieben. Er hat Mr. Blairs „Arschlecken gegenüber dem Big Business” gegeißelt. Er hat die Vereinigten Staaten von Amerika für einen GULag (ein einziges Straflager) gehalten. Er hat Freiheit für den braven serbischen Freiheitskämpfer Milosevic gefordert, den andere für einen Diktator und Schlächter halten. [...]

Harold Pinter ist zu einem intellektuellen Stammtisch-Dramatiker geworden, der mit der Faust auf den Tisch haut und: „Das mußte einfach mal gesagt werden!” dröhnt. Daß die Papiere wackeln. Und die Moral überschwappt. Hier spreizt und produziert sich ein eingebildet Engagierter. [...]

Wahrscheinlich weiß die Schwedische Akademie selbst nicht so recht, was sie will. Sie greift weniger nach Literatur. Sie greift mehr nach irgend einem Namen. Und hält sich daran fest. Der Name Pinter ist ein Halm, der stark und streng nach trocken Stroh riecht.
Ähnlich kritisch, wenn auch milder in der Beurteilung der Stücke von Pinter ist Peter Münder, der sich am 11. November 2005, also vier Wochen vor der Rede, in einem Internetforum äußerte:

Wie erklärt sich nun Pinters radikales Umdenken, seine Flucht aus dem Elfenbeinturm hin zum dezidierten Polit-Engagement?

Sein entscheidendes politisches Erweckungserlebnis hatte Pinter 1985 während eines Besuchs in der Türkei, als er zusammen mit Arthur Miller im Auftrag von PEN-International die Lage verfolgter Autoren und die Situation der Kurden untersuchte und dabei mit brutalen Foltermethoden der damaligen Militärdiktatur konfrontiert wurde. In seinem einfühlsamen Nachruf auf den im Frühjahr verstorbenen Arthur Miller evozierte er noch einmal die deprimierenden Gespräche mit den verfolgten Autoren und erinnerte an ein Dinner beim amerikanischen Botschafter in Ankara, das mit dem Rauswurf der beiden prominenten kritischen Beobachter endete. Der Botschafter hatte die US-Unterstützung für das brutale türkische Regime mit den "besonderen Bedingungen vor Ort", vor allem auch mit der Bedrohung durch die Sowjets begründet, während Pinter vehement gegen dieses merkwürdige Demokratieverständnis protestierte und den US-Diplomaten mit der Frage provozierte: "Wie würde es Ihnen denn gefallen, wenn Ihr Penis mit Stromschlägen traktiert würde?" Als Pinter sich dann mit der Bemerkung "Ich glaube, jetzt hat man mich rausgeworfen" an Arthur Miller wandte, reagierte der ebenso prompt wie entschieden und sagte nur "Dann gehe ich mit". Pinter beendete den Nachruf mit dem Satz: "Mit Arthur Miller aus der amerikanischen Botschaft in Ankara rausgeworfen zu werden, das war einer der stolzesten Momente in meinem Leben".

Zweifellos hat diese emotional aufwühlende Erfahrung, die Begegnung mit gefolterten türkischen und kurdischen Autoren wie auch die Konfrontation mit der Arroganz der Macht in Gestalt eines ignoranten amerikanischen Diplomaten, bei Pinter einen Prozess der politischen Neuorientierung ausgelöst und aus dem ehemaligen Laissez-Faire-Briten einen radikal denkenden Demokraten gemacht. In Stücken wie "One for the Road" ("Noch einen Letzten") und "Mountain Language" ("Bergsprache") hatte Pinter dann diese Eindrücke thematisiert, indem er das brutal-bedrohliche Verhalten von Folterknechten und die Diskriminierung eines Bergvolkes sowie den Verlust einer eigenen Sprache beschrieb.

Sicher sind manche Attitüden und Proteste des Angry Old Man, der seinen Speiseröhrenkrebs nur knapp überlebte, überzogen. Man wird sich auch damit abfinden müssen, dass Harold Pinter seine Dankrede anlässlich der Preisverleihung in Stockholm als eher drastische Gardinenpredigt gestalten dürfte, in der Präsident Bush und Tony Blair als unerträgliche Bedrohung für den Weltfrieden angegriffen werden. Doch die Diskussionen über das politische Engagement dieses streitbaren Preisträgers haben die Auseinandersetzung mit dem literarischen Werk in den Hintergrund treten lassen - dabei sollte der Nobelpreis doch vor allem der Würdigung des Gesamtwerks gelten.

Sicher sind Pinters große Stücke - wie ja auch die faszinierenden Drehbücher der Filme "Accident", "The Servant", "The French Lieutenant's Woman" - schon vor etlichen Jahrzehnten verfasst worden. Doch welcher zeitgenössische Autor hat sich schon so souverän und eindrucksvoll mit dem seit Eugene O'Neill ("Der Eismann kommt") und Ibsen ("Die Wildente") altvertrauten Motiv der Lebenslüge auseinandergesetzt wie Pinter im "Hausmeister"? Da suggeriert sich der obdachlose Hausmeister-Aspirant Davies, dem vom gutmütigen Aston ein Quartier angeboten wird, zwar selbst permanent, eines Tages werde er bestimmt seine Papiere aus Sidcup holen und sich dann einen herrlichen Schuppen bauen. Doch er verstrickt sich in bösartige Intrigen, spielt Aston gegen dessen geschäftstüchtigen Bruder Mick aus und hat am Ende alles verspielt - ohne Zukunftsperspektive und Quartier muss diese zum ewigen Vagabundieren verdammte tragische Figur wieder von vorn anfangen und sich neue Lebenslügen zurechtzimmern, um sein Scheitern zu rechtfertigen.

In diesem frühen Stück demonstriert Pinter schon seine große Kunst, hinter banalen Alltagsphrasen bedrohliche Dimensionen ungefilterter, bis ins Paranoide gesteigerter Ängste und Aggressionen aufflackern zu lassen. Seit Tschechow hat sicher kein Dramatiker so nuanciert und elektrisierend den Subtext unterhalb konkreter Inhaltsebenen mit dramatischen Spannungsmomenten aufgeladen und damit auf eine bedeutungsschwangere Beziehungsebene transponiert. Das ergibt dann wohl den immer wieder beschworenen "pinteresken" Aspekt der Stücke, der zwar mehr oder weniger diffus an Kafka erinnert, der aber immer noch ganz unvergleichlich ist.
Grass irrt sich also: Kritiker haben nicht die Rede Pinters lächerlich gemacht. Sie haben die Nobelpreisverleihung in Frage gestellt. Dafür sind sie da, die Kritiker. Wer hat sich nun lächerlich gemacht?

Sein Verteidigungsobjekt Pinter sagte in der Rede:

Moralpredigten gilt es unter allen Umständen zu vermeiden. Objektivität ist unabdingbar.
Oha, wen meinte Pinter denn?

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