Sendungsbewusstsein

Kritische Auseinandersetzung mit den Medien

23.6.06

Die "Süddeutsche" interessiert sich für Israel

Ich glaube, ich muss die Kategorien in meinem Blog neu sortieren, nach Zeitungen zum Beispiel. Schwankungen in der Beurteilung der Ereignisse nach dem bekannten Prinzip "anything goes" sind ein Faktum, dagegen kann man offensichtlich nicht viel tun. In derselben Zeitung vertreten zunehmend häufiger verschiedene Redakteure nicht die gleiche Meinung und zeigen das unverhüllt - durch die Wahl der Artikel. Was aber ein langfristiges Thema zu werden verspricht, ist das besondere, geradezu besessene Interesse an allem, was mit Israel zu tun hat. Tja, und das aufmerksame Lesen führt zu eher unangenehmen Folgerungen - die meisten deutschsprachigen Zeitungen sind darin parteiisch, einseitig. Wie soll man das noch feiner ausdrücken?

Die Süddeutsche widmet sich heute mindestens dreimal dem Thema. Aufgezählt:

Auf der ersten Seite fängt es mit einem netten AP-Foto von Abdullah zwischen Abbas und Olmert und mit einem (redaktionellen?) Text an, in dem u.a. gesagt wird:

Thema waren auch die Angriffe der israelischen Armee im Gaza-Streifen, bei denen Zivilisten umgekommen sind.
Zum Vergleich: Der israelische Nachrichtendienst wagte es, das Treffen als „gut und warm“ zu bezeichnen. Man hätte über das Gespräch zwischen Abbas und Wiesel erzählen können. Die Süddeutsche weiß das besser: Die Konfrontation wird überbetont. Die Zeitung erwähnt die Opfer der einen Seite, nicht aber die der anderen. Waren es Angriffe oder Verteidigungsmaßnahmen? Wurde hier ein Fakt vermittelt oder Propaganda ausgeübt?

Zweites Mal:

Thorsten Schmitz, der erst vor einigen Tagen weltweit eine Anerkennung verdient hat, als er den Kameramann von Pallywood interviewt und dazu beigetragen hat, die Fälschung zu entlarven, rudert wieder zurück und übernimmt die Sicht der Hamas bei der Beurteilung der Zwischenfälle der letzten Woche. Schon wieder seien Israelis dafür verantwortlich, dass 9 Zivilisten da, 7 Zivilisten dort sterben mussten. Schon wieder darf HRW alles besser wissen und die israelische Untersuchung einfach so in Frage stellen. Das Foto zum Artikel bedient diese Sicht noch einmal deutlich (ein Junge hält Splitter einer israelischen Rakete in die Kamera). Und wieder: Die palästinensische Sicht der Dinge dominiert, sowohl in der Darstellung der Fakten als auch in der Sprache. Wie von mir vorausgesagt, leider.

Drittes Mal:

Eine gewisse Judith Bernstein, vorgestellt als Dolmetscherin, die in Israel aufgewachsen ist und in München seit 1976 lebt, will Europa (nicht weniger als das ganze Europa!) dazu bewegen, die Sache der Palästinenser zu vertreten. Es werde ja nichts getan, meint sie und hält es für notwendig, dabei zu betonen:

Meine Großeltern sind in Auschwitz umgekommen, meine Eltern mussten als Jugendliche Deutschland verlassen.
Noch einmal Tony Judt-Masche? Ja. Schon wieder "gute Juden"? Ja. Die Zeitung kann es einfach nicht lassen. Gerade haben Mitglieder des Quartetts 100 Millionen gebilligt, zusätzlich zu all den Summen, die von Hamas-Ministern illegal hereingeschmuggelt werden, damit die Hamas in Ruhe das andere Geld für die weitere Bewaffnung ausgeben kann. Dutzende Politiker auf der ganzen Welt haben nichts mehr zu tun als sich den Kopf zu zerbrechen, wie sie der palästinensischen Bevölkerung helfen, weil die palästinensische Regierung es nicht tut. Es wird de facto geholfen. Bernstein und die Zeitung wollen es nicht einmal erwähnen, denn die Hamas braucht mehr Geld. Das hat Priorität.

So gut wie jeden Tag berichtet die Süddeutsche in diesem Ton über Israel, mit mehreren Materialien auf verschiedenen Seiten. Und wird dabei (auch von mir!) immer noch für die ausgewogene Darstellung gelobt. Wie lange wohl noch?

Ein ähnliches Problem wird oft von verschiedenen Beobachtern beschrieben. Erst heute wurde die amerikanische Presse ebenso kritisiert (Link).

2 Comments:

Anonymous LoJo said...

"In derselben Zeitung vertreten zunehmend häufiger verschiedene Redakteure nicht die gleiche Meinung und zeigen das unverhüllt - durch die Wahl der Artikel."
So etwas sollte in einer pluralistischen modernen Medienlandschaft nicht nur selbstverständlich, sondern auch wünschenswert sein... Ansonsten stimme ich mit dir weitgehend überein.

30 Juni, 2006 09:22  
Blogger peet_g said...

Mit dieser Korrektur an und für sich bin ich einverstanden - wäre es nur ausgeglichen am Ende der täglichen Lektüre... Mir geht es hier um die viel zu deutliche Parteinahme, trotz der verschiedenen Meinungen.

30 Juni, 2006 09:35  

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