Sendungsbewusstsein

Kritische Auseinandersetzung mit den Medien

16.6.06

Klaus Maria Brandauer über das heutige Theater und sich

Ein bemerkenswertes Interview mit Brandauer in der heutigen "Welt". Nicht weil der Schauspieler besonders gut wäre, sondern weil der Interviewer Roger Köppel ihn lebensnah, das soll heißen - naturgetreu, präsentiert. Ich mag diese Art. Einige Beispiele:

Welt: Man hat den Eindruck, es gebe eine Art Gottesdienst, einen heiligen Pakt zwischen Theatermachern und einer Kritik, die auch noch den größten Unsinn zur Kunst erklärt.

Brandauer: Halt. Ein Gottesdienst ist das nicht, eher ein mafioses System. Man betreibt Theater als ideologische Zwangsbeglückung, leider oft am Publikum vorbei. Der Grund ist einfach: Wenn Sie ein großartiges Stück mit zehn schauspielerischen Begabungen inszenieren, kommen Sie als Regisseur nicht vor. Das ist für manche kränkend. Viele Schauspieler leiden zwar unter dem sogenannten Regietheater, aber sie würden sich nicht trauen, gegen den Trend anzureden. Man will ja arbeiten.

Welt: Inwiefern hat der Siegeszug des Effekt- und Regietheaters zu einer Verwahrlosung der handwerklichen Standards geführt?

Brandauer: Die Verwahrlosung könnte langsam einsetzen. Bis jetzt war die Ausbildung hervorragend, aber inzwischen höre ich, daß Schauspieler für die perfekte Beherrschung des Handwerks kritisiert werden. Man holt Fernsehstars ins Theater, um die Säle zu füllen, die schauspielerischen Standards gehen weiter nach unten. Nicht jeder Serienheld ist für eine klassische Rolle geeignet. [...]

Welt: Sie haben mal gesagt, das Theater müsse einen Bildungsauftrag wahrnehmen.

Brandauer: Na gut, die Leute sollten ja schon einiges wissen, wenn Sie zu uns kommen. Wir können den Bildungsauftrag nicht nachholen, aber wir sind die Leidtragenden eines grassierenden Mangels an Bildung. Leute lernen keine Gedichte mehr, sie lesen keine Romane, sie haben keine Vergleichsmöglichkeiten mehr. Hätten sie die, würden sie vielleicht so manches, was heute auf deutschen Bühnen stattfindet, rundweg ablehnen.

Welt: Ihr Ansatz wird von der Kritik als "konservativ" bezeichnet. Kränkt Sie das?

Brandauer: Für mich ist Theater in erster Linie Sprechtanz. Auf dem höchsten Niveau der Virtuosität Gedanken zu jonglieren, die allerdings auch die Ruhe bekommen, den Menschen zu erreichen, und zwar alle Anwesenden. Im Zentrum steht der Virtuose, ein großer Atem, ein großer Zuschnitt, große Textbehandlung, alles ausgerichtet auf den Inhalt. Das ist das, was ich mit Vergnügen gelernt habe. Das interessiert sogar in der Stille, bei der bloßen Lesung, es muß gar kein Event werden. Event kann sein, was sich aus dem Text ergibt. Wenn man das als konservativ bezeichnet, dann kränkt es mich nicht. [...]

Welt: Viele Schauspieler haben panische Angst vor dem Liebesentzug durch das Publikum und flüchten sich in Drogen.

Brandauer: Die Arbeit war mir nie eine Belastung. So, wie ich heute dastehe, habe ich mir das auch in den kühnsten Träumen nie vorstellen können. Der Journalist würde vielleicht lieber hören, wie ich leidend ums Burgtheater wandere aus Angst vor dem Scheitern in der "Nathan"-Inszenierung morgen abend, aber so ist es nun mal nicht. Nein, ich hab' mich gern, ich hab' mich sehr, sehr gern. [...]

Ich hatte halt oft das Gefühl, nur mit Leuten zusammenarbeiten zu wollen, die mehr wissen als ich. Ich bin jederzeit in der Lage, mich gut unterzuordnen. Ich bin ein ausgezeichnetes Ensemblemitglied.

Welt: Das glaubt Ihnen niemand.

Brandauer: Es ist aber wahr.

Welt: Haben Sie je herausgefunden, was das Geheimnis Ihrer Bühnenpräsenz ist?

Brandauer: Nein. Mittlerweile glaube ich daran, daß ich so etwas ausstrahle, weil man es mir immer wieder gesagt hat. Und so etwas glaubt man ja gern. Ich möchte kein verkannter Mensch sein. [...]

Welt: Gingen Sie zum Theater, um der Realität zu entkommen?

Brandauer: Nein, im Gegenteil. Ich wollte auffallen und sah da eine Möglichkeit. Flucht war es bestimmt nicht. Ich wollte ans Licht. [...]

Ich bin viel herumgeflogen, habe Mengen gelesen, saß im Zug, während meine Kollegen mit den Mädels herumgemacht haben. Spielte Hamlet in Wien, als ich gleichzeitig "Out of Africa" in Kenia drehte mit Löwen aus einem Zirkus in Los Angeles. Ich habe ein herrliches Leben.

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