Sendungsbewusstsein

Kritische Auseinandersetzung mit den Medien

8.7.06

Verniedlichung mit Tränen

Die ersten Berichte über die Bürgerversammlung im Dorf Pretzien sind durch die Zeitungen gegangen.Der empfindsame Pastor, der weinende Bürgermeister, die mutige Mitarbeiterin vom Ordnungsamt Schönbeck, die ganz privat das Verbrennungsfest beendet hat, weil zu viel getrunken wurde, all diese Figuren, inklusive der drei Neonazis, die immer wieder als Jugendliche verniedlicht werden, sind für einen Politroman einer Anna Seghers wie erschaffen.

Zuerst ein paar Zitate. Am ausführlichsten beschreibt Deike Diening die Lage im Dorf:

Der Pfarrer für die Dörfer Pretzien und Gommern, Alexander Holtz, leitet die Versammlung. Er will, dass alle ihre Stühle zu einem Kreis zusammenstellen. In die Mitte die Pretziener, am Rand die Medien. Jeder soll heute alles sagen dürfen. In die Mitte stellt er „ein Licht für die Hoffnung, die uns verbindet, und ein Glas Wasser für die Klarheit, die wir jetzt brauchen“.

„Drei junge Männer haben mit ihrer Tat unser Gemeinwesen beschmutzt“, sagt er. Und: „Manche von uns hätten wissen müssen, dass hier eines Tages so etwas passiert.“ Doch es solle niemand verurteilt werden heute. Sie wollen sehen, ob sie noch ein Dorf sind, trotz allem. Deshalb sind sie hier. Und dann wird die Gemeinde zu einem vielstimmigen Chor.

„Ich bin schockiert über die Tat, aber froh, dass so viele Bürger hier zeigen, dass wir nicht damit einverstanden sind“, sagt jemand. – „Ich verurteile die Tat, aber auch die, die unser Dorf verurteilen“, ruft einer. – „Haben nicht beim Hochwasser die Jugendlichen mitgekämpft?“, erinnert jemand. – „Wenn die Jugend geht, ist die Zukunft weg!“ – „Denkt mal an den Fasching, das haben sie super gemacht!“

Also, erhebt sich einer, er wolle jetzt nur einmal sagen, dass bei der Verbrennung auch von Gästen Beifall kam. – „Die Verniedlichung fängt schon damit an, dass wir immer von Jugendlichen reden. Es handelt sich um Männer von 24, 27 und 28 Jahren, die sind für ihre Taten verantwortlich“, sagt ein anderer.

Und dann steht Bürgermeister Friedrich Harwig auf. Harwig, der nicht reagiert hat, als das Feuer auch an seiner Ehre fraß. Er hat einen Schnurrbart und Kopfschmerzen. „Ich habe mit hier draußen gestanden“, sagt Harwig. „Kameras aus!“ brüllt einer. „Von klein auf weiß ich, dass es das Schlimmste ist, wenn Bücher verbrannt werden, und als ich dann noch hörte, es war das Tagebuch …“ Er stockt. „Ich habe von diesem Moment an neben mir gestanden.“ In seiner Zeit als Bürgermeister hätten immer mehr Menschen zu ihm Vertrauen gewonnen. Auch „diese jungen Menschen“ hätten Vertrauen gewonnen. „Aber man kann Menschen ändern“, sagt er und: „Wenn man mich heute fragte: Ich würde wieder versuchen, die Jugendlichen herbeizuziehen.“

Die Stimmung ist gespannt. Allen, auch dem Pfarrer, fällt das Reden schwer. „Entweder wir reden miteinander, oder wir schlagen uns die Köpfe ein“, sagt er. „Aber die Köpfe haben wir uns in Deutschland schon einmal eingeschlagen.“

Silvia Franke, 48 Jahre, weißer Rock und goldene Creolen, könnte die Heldin sein. Sie hat bei dem Fest schnell reagiert. Sie hat das Mikro ergriffen und ihren Austritt aus dem Heimatbund bekannt gegeben, in den sie erst acht Wochen zuvor eingetreten war. Dann hat sie das Fest beendet. Als die Staatsanwaltschaft kam, da habe sie auch nicht so getan, als wisse sie nicht, wer es gewesen sei, wie so viele andere im Dorf. Das sei ja albern. Jetzt aber sagt sie: „Die Jugendlichen aus dem Bund haben viel für den Ort getan. In all den Jahren konnte ich nicht feststellen, dass diese jungen Leute innerlich dieser Überzeugung anhängen.“ Letztlich seien sie doch die Einzigen gewesen, die etwas Schwung in den Ort gebracht hätten. Vielleicht sei sie naiv gewesen. Aber es sei scheinheilig von den Pretzienern, die jetzt sagen, sie hätten es ja immer gewusst. Und es stimmt, sie arbeite beim Ordnungsamt Schönbeck, aber dort habe sie gerade Urlaub. Nicht „das Ordnungsamt“ habe deshalb das Fest beendet, sondern sie, Silvia Franke, ganz privat. [...]

Immer wieder erheben sich Stimmen, die Jugendlichen sollen endlich selber reden. „Das können wir nicht verlangen“, sagt der Pfarrer. „Wir können sie nur bitten.“ – Schweigen. „Es wird ihnen eventuell helfen.“ – Schweigen. Ein älterer Mann erhebt sich. Das Problem seien die Medien. Die Beteiligten würden sprechen, wenn nicht die Presse im Raum wäre. Es sei dann doch eine Angelegenheit der Bürger untereinander.

Einer springt auf und geht durch die Reihen. Es ist ja ganz angenehm, wenn man wieder weiß, wer der Feind ist. „Da ist noch einer“, sagt er. „Los, raus.“ – „Die haben jetzt bloß ihre Stifte weggesteckt.“ – Die Medien, denen sie eben noch vorgeworfen haben, nie genug zu recherchieren, werden rausgeschickt. Die Türen schließen sich. „Da filmt noch einer durch die Glastür!“ Dann Schweigen.

Er solle besser im Sitzen reden wegen der Kameras vor dem Fenster. Die Leute des Dorfes wenden nicht die Köpfe, sie gucken nach vorne und nach unten. Vermutlich wissen ohnehin alle, wer jetzt spricht. Die Stimme hat den Stimmbruch schon lange hinter sich. Sie haspelt etwas, dann entschuldigt sie sich für die Tat, bei dem Dorf Pretzien, dem Schaden entstanden sei. Und sie entschuldigt sich bei ihrem Bürgermeister, Friedrich Harwig. Ihre Verfahren jedoch, die seien schwebend, weshalb man weiter nichts sagen könne.

Das war’s. Nichts zur Tat. Keine Reue.

Pfarrer Holtz ist ein lauterer Mensch. Wer mit ihm redet, hat das Gefühl, direkt mit seinem Gewissen zu sprechen. Dumpf und ohnmächtig kam ihm die Versammlung vor. Voll unterschwelliger Aggression. Jetzt, in seiner Rolle als Privatmensch, kann er das sagen. „Die waren ja alle auf Linie gebracht – es ging darum, den Bürgermeister zu schützen.“ Niemand habe sich wirklich geöffnet.

„Die Leute hier haben die Nazis marschieren sehen, und dann die FDJ, die machen vieles mit. Die wollen eigentlich nur ihre Ruhe.“ Vor einiger Zeit wollte Holtz einmal im Nachbarort Gommern rechte Plakate entfernen. Das sei gefährlich, bedeutete man ihm. Gefährlich? [...]

Harwig hat häufig Kopfschmerzen. „,Stirb langsam‘ – kennen Sie den?“, fragt er. So fühlt er sich. Harwig hat schon wieder ein schlechtes Gefühl, das Gefühl, sich um Kopf und Kragen geredet zu haben. Und es passiert ihm seit dem 24. Juni immer wieder. Einer der Jungs hatte ihm einmal erzählt, er würde niemals Sex mit einer Ausländerin haben. Das hat er einem Journalisten erzählt.

Früher hätten die Rechten die Nazis aus ganz Deutschland hierher eingeladen. Aber seit es den Heimatbund gibt, habe das aufgehört. Harwig fragte sie mehrmals in den letzten Jahren, „auf Ehre und Gewissen“: Habt ihr noch Kontakt zu euren Nazis? Nein. Gut. Das war das Wichtigste. Sie organisierten fortan bei Dorffesten die Chroniken, ein Wissensquiz, dann haben sie die gesamte Organisation übernommen.
Etwas genauer ist Oliver Schlicht von der "Volksstimme" bei dem Journalisten-Teil:

Ein Thema, das viele Besucher bewegte, war die Medien-Darstellung ihres Dorfes in Zusammenhang mit dem Sommersonnenwendefest. "Noch entsetzter als über die Tat bin ich über die Zeitung", so eine junge Frau : "Wir sind doch kein Nazidorf." Ein Herr, der, wie er sagte, vor zehn Jahren aus Nordrhein-Westfalen nach Pretzien gezogen sei, äußerte sich ähnlich: "Die Art und Weise der Berichterstattung hat mir größere Übelkeit erzeugt, als die Tat selbst."

Eine andere Meinung hatte ein Herr mittleren Alters : "Diese Versammlung bringt mir wenig Aufklärung. Hier wird immer wieder von falscher Berichterstattung und von Schreiberlingen gesprochen. Aber niemand sagt, was denn nun eigentlich falsch war ?"

Auf eine "Falschmeldung", wie sie sagte, machte die Mitarbeiterin des Ordnungsamtes, die nach Auskunft des zuständigen Dezerneten in Schönebeck das Fest wegen der Buchverbrennung abgebrochen hatte, aufmerksam. "Ich habe die Veranstaltung nicht als Ordnungsamtsmitarbeiterin, sondern als Mitglied des ,Heimat Bund‘ -Vereines abgebrochen. Doch mit mir hat ja kein Medienvertreter gesprochen", bedauerte sie. Anschließend sei sie sofort aus dem "Heimat Bund" ausgetreten.
Der selbe Oliver Schlicht äußert in der Zeitung seine Meinung extra:
[...] Es war ein geplanter Akt der Volksverhetzung, den das Gesetz zu Recht unter Strafe stellt. Der Staatsanwalt und die Polizei ermitteln. Doch um die wirklich Schuldigen, drei junge Männer, scheint es im Fall Pretzien nur am Rande zu gehen.

Das Thema Rechtsradikalismus setzt häufig einen Reflex an öffentlicher Schuldzuweisung in Gang, der vor allem eines bewirken soll: politische Profi lierung. In der Bewertung der Vorfälle von Pretzien war verdächtig schnell der Bürgermeister als Hauptschuldiger ausgemacht. Die Druckertinte im ersten Zeitungsbericht war noch nicht trocken, da hatte ihn seine Linkspartei schon zum Austritt aufgefordert. Er wurde wie eine heiße Kartoffel fallen gelassen. Ein 66-jähriger Ehrenamtlicher, der überfordert ist mit der Situation, dass aus netten Jungs, deren Mütter und Väter er kennt und schätzt, plötzlich Straftäter werden.
Das ist schon bitter, wie eine demokratische Partei ihr Mitglied in einer politisch verzwickten Lage abserviert. Kurzer Prozess, wie früher. Dabei hätten der Bürgermeister und die Gemeinde Pretzien jetzt vor allem eines nötig : keine Schuldzuweisungen, sondern Solidarität. Aber auch die Hilfe der Politprofi s aus der Region blieb bislang aus. Hilfe von Volks-Vertretern, die ein Volk vertreten in der Not. Die Meinungen lenken, die Dinge ins rechte Lot rücken. Die den Weg weisen, was zu tun ist. Die Hoffnung vermitteln. Aber kein Landrat, kein Schönebecker Oberbürgermeister hat sich blicken lassen im Pretziener Gemeindehaus, als es förmlich umstellt war von Presse. Kopf einziehen, in Deckung gehen, warten, bis es vorbei ist, scheint die Devise zu sein. Wen wundert da, dass sich die Gemeinde gleich einer Wagenburg um den Bürgermeister schließt?

Nicht Pretzien, nicht der Bürgermeister haben aber das Buch ins Feuer geworfen. Das waren drei Männer, um die sich jetzt der Staatsanwalt kümmert. Die Gemeinde muss sich den Vorwurf gefallen lassen, ein Stück weit zugelassen zu haben, dass es dazu kommen konnte. Es bedarf nicht viel, um das in Zukunft zu verhindern. Mehr Wachsamkeit und mehr Courage sollten am Anfang stehen.
Der Journalist ist offensichtlich grenzwertig mutig: Er beschuldigt die Politiker auf der Landesebene, dass sie sich nicht gezeigt haben, auf die der höheren Ebene darf er nicht hinweisen, das ginge zu weit. Noch mutiger ist sein Angriff auf die Linke Partei, sie hat selbstverständlich die Verantwortung für alles aus der ehemaligen DDR. Noch mehr hat mich seine Indulgenz an die Zuschauer der Bücherverbrennung überzeugt. Es seien doch nur die drei die bösen gewesen...

"Die Welt" nutzt die Gelegenheit auch, um gegen die Linke Partei zu agitieren:

Lange schon warnen Rechtsextremismus-Experten vor politischer Distanzlosigkeit, die vornehmlich im Osten zu beobachten sei. Der Raum Schönebeck gilt mittlerweile als ein Schwerpunktgebiet der rechten Szene. Empört hatten die Einwohner von Pretzien am Mittwoch abend bei einer vom Dorfpfarrer moderierten Zusammenkunft im Gemeindezentrum "Alter Krug" den Vorwurf zurückgewiesen, ein "Nazidorf" zu sein. Eingeladen zum Treffen hatte Bürgermeister Harwig. Er habe "ein Messer in den Rücken bekommen, aus einer Richtung, von der ich es nicht vermutet habe", sagte er in der Aussprache. Gemeint war die Linkspartei, die nun froh ist, den renitenten Lokalpolitiker nicht mehr in ihren Reihen zu wissen.
Sabine Heimgärtner von der dpa schreibt bei n-tv, wie man das Problem lösen könnte:

Die politische Tragweite der Pretziener Bücherverbrennung habe offenbar niemand verstanden, sagt [ein Buchautor] Staud. Nach seiner Auffassung ist das ein Phänomen in den neuen Bundesländern. "Es gibt die heimlichen Sympathisanten, die dörflichen Naiven und die politischen Verharmloser." Hinzu komme die DDR-spezifische Geschichtsschreibung. "Auch ich habe in der Schule von Bücherverbrennungen fast nichts gehört, aber viel von Widerstandskämpfern", erklärt Staud.

Wissenslücken wollen Spitzenpolitiker des Landes jetzt schließen und in der kommenden Woche an einer Schule bei Pretzien aus dem Tagebuch der Anne Frank vorlesen. Bürgermeister Harwig will an seinem umstrittenen Vorgehen festhalten, die rechte Jugend über die Vereine ins Dorfleben einzubeziehen. Staud gibt ihm sogar Recht. Funktionieren könne dieses Konzept aber nur, wenn man ehrlich sage: "Wir haben hier Nationalsozialisten im Ort." Außerdem müssten den Jugendlichen klare Grenzen gesetzt werden. Gebraucht werde ein Top-Sozialarbeiter, kein Kameradschafts-Gedusel und keine Landser-Musik.
Kurz anhalten: Das sagt kein anerkannter Politiker, sondern ein Buchautor, der von der dpa gesucht werden musste. Er sagt richtige Worte, warum gerade er? Weil er für sein Engagement auf dem Gebiet exklusiv bekannt ist oder weil sich kein anderer zur Verfügung gestellt hat?

Die FAZ erzählt auch gerne was:

Böhmer lehnte es ab, das Verhalten des Pretziener Bürgermeisters Friedrich Harwig zu verurteilen oder gar seinen Rücktritt zu fordern, wie es der Zentralrat der Juden in Deutschland verlangt. „Ich sehe mich nicht berechtigt über ihn öffentlich den Stab zu brechen, bevor ich nicht mit ihm selbst gesprochen habe.“ Auch Bullerjahn wandte sich gegen Rücktrittsforderungen: „Mit diesen Reflexen erreichen wir überhaupt nichts.“
Sie wissen es selbstverständlich besser, wie man mit dem eigenen Gewissen umgeht. Das seien ja nur Reflexe, die kann man ruhig unterdrücken.

Weiter FAZ:

Nach Angaben Heppeners, der auch Strafantrag gestellt hat, entschuldigten sich die Männer bei dem Dorf und dem Bürgermeister mit den Worten: „Das haben wir nicht gewollt.“ Zu dem Vorfall selbst hätten sie mit Hinweis auf das schwebende Verfahren nichts gesagt. Heppener sagte, er habe keine Reue oder Einsicht verspürt: „Da waren weder Kopf noch Herz beteiligt.“ Das Ganze habe ihn an eine Pionierveranstaltung in der DDR erinnert, bei der einstudierte Selbstkritik vorgetragen worden sei. Heppener schlug als eine Konsequenz vor, die Ausstellung „Anne Frank. Eine Geschichte für heute“ in der benachbarten Kreisstadt Schönebeck zu präsentieren.
Mächtige Strafe! Die Neonazis werden es fürchten und alle Zuschauer der Bücherverbrennung werden dabei weinen.

Der selbe Heppener erzählte im Radiointerview, dass es bei der Bücherverbrennung Beifall gegeben habe. Er sagt, das seien "junge erwachsene Männer, die ganz genau wußten, was sie da tun". Warum dann muss er selbst sie als "Jugendliche" benennen? Dieses hin und her in der Sprache, die Zerrissenheit in dem netten Umgang mit dem Bürgermeister zeigt, wie weit die Öffentlichkeit von der Erkenntnis liegt, was da passierte und weiter passiert. Warum ist die Information über den Beifall zum Beispiel in keiner Zeitung zu lesen? Warum gibt es 386 Meldungen in der englischamerikanischen Presse zum Vorfall und nur 200 in der deutschsprachigen?

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